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Verbranntes Land

Orte der nationalsozialistischen Bücherverbrennung

In vielen deutschen Städten wurden in den 30er-Jahren Bücher verbrannt. Ein Onlineatlas informiert über die Orte der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen – und zeigt wie sie heute aussehen.

Schule, Albaner, Göttingen, Albanischule, Bücherverbrennung
Albaniplatz 1 in Göttingen, historische Adresse: Adolf-Hitler-Platz © Jan Schenck/verbrannte-orte.de

VONKai Stoltmann

Kai Stoltmann ist Mitarbeiter von "zebra - Zentrum für Betroffene rechter Angriffe" und Vorstandsmitglied vom "VBRG - Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt". Außerdem ist er als freier Autor von journalistischen Texten tätig.

DATUM14. Juni 2019

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Seit sechs Jahren fotografiert Jan Schenck die Orte der nationalsozialistischen Bücherverbrennung. Seine Aufnahmen kombiniert er mit Hintergrundinformationen und Zeitzeugenberichten zu einem interaktiven Onlineatlas der „Verbrannten Orte“. Zusätzlich entsteht jeweils ein Panoramafoto, das aus 160 Einzelbildern zusammengesetzt wird, damit die Betrachter die Karte interaktiv erkunden können. Da es selten einen Hinweis auf die historische Bedeutung der Plätze gibt, ist in der Öffentlichkeit meist unbekannt, wo die über 90 nationalsozialistischen Bücherverbrennungen durchgeführt worden sind. Kürzlich ist eine App von „Verbrannte Orte“ online gegangen, die den Atlas auch unterwegs erfahrbar macht.

Auf den Bildern von Jan Schenck ist zunächst kaum etwas auffällig, sie zeigen häufig Ausschnitte des öffentlichen Alltagslebens: Bei der Abbildung im Hamburger Vorort Bergedorf handelt es sich beispielsweise um einen Fußballplatz, wie er in den meisten Gemeinden zu finden ist. Rasen, zwei Tore und ein paar einfache Holzbänke. Hier wurde 24. Juni 1933 ein Scheiterhaufen aus 414 Büchern gebildet und angezündet.

Andere Aufnahmen zeigen dagegen bekannte Plätze, wie den Frankfurter Römerberg oder das Ufer des Maschsees in Hannover. An beiden Orten wurden am 10. Mai 1933, bei der „Aktion wider den undeutschen Geist“, Bücher angezündet. Zugrunde lag der Aktion eine Liste von 131 Autoren, deren Texte nicht in das nationalsozialistische Weltbild gepasst haben. Neben bekannten Schriftstellern wie Anna Seghers oder Erich Kästner fanden sich darauf auch zahlreiche Namen wie Vera Inber, Rudolf Braune oder Helena Bobińska, deren Texte heute weniger bekannt oder völlig in Vergessenheit geraten sind. Viele von ihnen flohen ins (innere) Exil, wurden inhaftiert oder in den Konzentrationslagern umgebracht.

Mit der „Aktion wider den undeutschen Geist“ und anderen Bücherverbrennungen wollten die Nationalsozialisten ihre politischen Gegner einschüchtern und deren intellektuelle Wirkung vernichten. Vielen Literatur- und Kulturschaffenden, die damals verfolgt worden sind, wird bis heute kein angemessener Platz im kulturellen Gedächtnis zuteil.

Dabei sind die Lebenswege der verbrannten Schriftsteller und ihrer Werke kaum von den Bücherverbrennungen zu trennen. Insofern ist aus dem Fotoprojekt mit der Zeit auch ein Gedenkprojekt geworden, in dem die zahlreichen Quellen zu Bücherverbrennungen zusammengefasst, zugänglich gemacht und kontinuierlich ergänzt werden. Schenck hat sich dabei die Frage gestellt: „Wie sehen diese Orte heute aus? Was macht das mit uns, wenn wir wissen, was dort passiert ist?“ Dabei möchte der Fotograf zusammen mit seinem Team verhindern, dass „die Erinnerungsthematik nach rechts abdriftet“.

Der politische Hintergrund einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wird zuletzt auch von Gedenkstätten betont. Die Bundesweite Gedenkstättenkonferenz hat sich bereits Ende des vergangenen Jahres klar gegen ein Erstarken rechtspopulistischer und nationalistischer Parteien positioniert. Laut den Gedenkstätten werde die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus als grundlegende Orientierung der deutschen Gesellschaft angegriffen, indem sie von rechts durch ein nationalistisches Selbstbild ersetzt werden soll. Dieser Tendenz wollen die Gedenkstätten bei der täglichen Arbeit in der historisch-politischen Bildung entgegentreten. Sie fordern dabei von politischen und gesellschaftlichen Akteuren, das historische Wissen um die Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft für die Gegenwart zu bewahren, damit geschichtliche Fakten nicht von rechts umgedeutet werden. Der virtuelle Raum des Gedenkens, den das Team um Jan Schenk in den letzten Jahren geschaffen hat, wird in diesem Kontext positiv wahrgenommen.

Das Projekt zu den „Verbrannten Orten“ wird unterstützt von zahlreichen engagierten Menschen, die Hinweise und Informationen zu den lokalen Ereignissen beisteuern. So liegen zu einigen Städten bereits umfangreichere Hintergrundinformationen vor, in denen die lokale Dimension aufgearbeitet wird. Immer wieder kommen darin Zeitzeugen der Bücherverbrennungen zu Wort.

Hermann Paufler, SPD-Mitglied aus Pirna, beschrieb die Plünderung und Verwüstung der damaligen Volksbuchhandlung durch die Sturmabteilung am 8. März 1933, bei der Sozialdemokraten und Kommunisten zusehen mussten: „Es dauerte auch nicht lange, da schleppten die SA Bücher, Schreibmaterial und alles andere auf die Straße und brannten es an, darüber herrschte von der anwesenden Bevölkerung große Empörung. Gegen die bewaffnete SA konnte nichts unternommen werden, und so musste zugesehen werden, wie alles fortschrittliche Material verbrannte.“

App-Download für Android im Play Store: https://play.google.com/store/apps/details?id=de.vborte. iOS ist in Arbeit.

Der Onlineatlas ist jedoch nicht das einzige Projekt, welches die Berichte von Zeitzeugen nutzt, um im Internet auf aktuelle Herausforderungen der Erinnerungskultur zu antworten.  So kann man online schon seit einigen Jahren mittels eines virtuellen Rundgangs das Hinterhaus von Anne Frank besichtigen oder im Berliner Tiergarten mit Nachfahren der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ spazieren gehen. Da der persönliche Austausch mit Zeitzeugen und Überlebenden des Nationalsozialismus immer schwieriger wird, bieten digitale Gedenkprojekte die Möglichkeit, junge Zielgruppen zu erreichen. Sie können jedoch nicht die gleiche Intensität erreichen, wie es der Besuch in einer Gedenkstätte ermöglicht. Jan Schenk betont deswegen die Notwendigkeit von Erinnerungsorten und Gedenktafeln, um an die Bücherverbrennungen zu erinnern.

Der Fotograf rechnet damit, dass das Projekt nie ganz fertig sein wird, weil es eine große Dunkelziffer gebe – allein in den letzten zwei Jahren sind über zehn neue Orte dazugekommen, an denen Bücherverbrennungen stattgefunden haben, die vorher unbekannt waren. In vielen Städten sind die Ereignisse rund um die Bücherverbrennungen noch nicht ausreichend recherchiert. Bis 2023 sollen jedoch alle aktuell bekannten Orte fotografiert und im Atlas veröffentlicht werden. Dann sind neben einem Buch auch Bildungsmaterialien sowie eine Wanderausstellung in Planung, welche die historischen Zusammenhänge darlegt. Auf dem Smartphone kann man den Onlineatlas jetzt bereits installieren und in die Hosentasche stecken.

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