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Niemand lässt sich so gut ausbeuten wie Mitglieder einer Gemeinschaft, die ohne Hilfe der anderen in Deutschland nicht überleben können – illegal und ohne Sprachkenntnisse.

Neske/Heckmann/Rühl, Menschenschmuggel, 2004

Neues Geld

Gefährliche Flucht mit Krypto-Währung in der Tasche

Die Zahl der weltweiten Krisen steigt an, damit auch die Zahl der Flüchtlinge – nicht nur in Afrika. Auch Lateinamerika erlebt ihre größte Flüchtlingskrise in der jüngeren Geschichte. Immer beliebter werden in diesen Regionen Kryptowährungen.

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Die venezuelanische Flagge © anyulled @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Bis Jahresende werden nach Berechnungen der Vereinten Nationen (UN) mehr als fünf Millionen Venezolaner ihr Land verlassen haben. Das wären 16 Prozent der Bevölkerung. Bereits jetzt (Stand März 2019) sind etwa 3,4 Millionen Venezolaner im Ausland auf der Flucht, 2,7 Millionen davon halten sich in einem lateinamerikanischen Land auf, vor allem in Kolumbien. Schätzungen zufolge leben 1,1 Millionen Venezolaner in dem Nachbarland. Die UNHCR spricht von der größten Flüchtlingskrise in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas. „Wir haben jetzt keine Kontrolle mehr“, sagte jüngst ein UN-Vertreter.

Doch die Flucht ist gefährlich und kostet Geld. Seit Venezuela in einer schweren ökonomischen und politischen Krise steckt, mangelt es den Menschen allerdings vor allem an Geld. An den Grenzübertritten zu den Nachbarländern kontrollieren bewaffnete Banden die Wege. Sie verlangen Geld, sind gewalttätig und schrecken auch vor sexueller Gewalt nicht zurück.

Dennoch bleibt den Menschen oft nichts anders übrig, als die gefährliche Flucht auf sich zu nehmen. Der Unicef zufolge fehlt es einer halben Million venezolanischer Flüchtlingskinder am Nötigsten. Die Zahl werde bis Ende des Jahres auf bis zu einer Million ansteigen. Sie haben keinen Schutz, kein Essen, keine Gesundheitsversorgung und keine Bildung. Die Unicef sieht die internationale Staatengemeinschaft in der Pflicht, den Menschen zu helfen. Insbesondere allein reisende Kinder, Schwangere, stillende Mütter und Ureinwohner seien einem besonderen Risiko ausgesetzt.

Den Menschen fehlt es oft überlebenswichtigen Gütern. Diabetiker beispielsweise brauchen täglich Insulin. In Venezuela kann man das Mittel nicht einmal auf dem Schwarzmarkt kaufen. Ähnlich ergeht es vielen Menschen, die Medikamente brauchen, es aber nicht besorgen können – selbst wenn sie Geld hätten. Deshalb flüchten viele auch, weil sie medizinische Hilfe brauchen. Internationalen Hilfsorganisationen zufolge ist das staatliche Gesundheitswesen in Venezuela komplett zusammengebrochen. Immer wieder kommt es auch zu langanhaltenden Stromausfällen. Einziger Ausweg sind die kolumbischen Gesundheitsstützpunkte. Dort werden die Menschen umsonst versorgt.

Das ist auch erforderlich. Denn die eigentliche venezolanische Währung „Bolívar“ verlor im Zuge der Wirtschaftskrise sehr viel an Wert – so lange, bis das Geld kaum mehr etwas wert war. Mangels Kaufkraft herrscht in Venezuela eine akute Versorgungskrise. Es fehlt vor allem an Medikamenten und Lebensmittel.

Um der Wirtschaftskrise Herr zu werden hat Venezuela deshalb im Februar vergangenen Jahres eine neue Währung in Umlauf gebracht, die „Petro“ – eine digitale Währung. Damit war Venezuela weltweit das erste und einzige Land, das eine eigene Kryptowährung hatte. Abgesichert wurde die „Petro“ mit nationalen Bodenschätzen. Ziel der Regierung war es 100 Millionen Petro auf den Markt zu bringen. Außerdem sollten mit der digitalen Kryptowährung die US-Wirtschaftssanktionen umgangen werden. Soweit der Plan, in der Praxis hatte die „Petro“ jedoch nicht den gewünschten Erfolg – nicht einmal bei Anlegern. Dabei sind Kryptowährungen als Investment interessant.

Weltweit gibt es über 600 digitale Währungen. Die wohl bekannteste und am meisten verbreitete ist Bitcoin, das etwa die Hälfte des Krypto-Kapitals weltweit umfasst. So erfolgreich Kryptowährungen auch sind, es bleibt ein fader Beigeschmack. Bitcoin und Co. stehen Verdacht, vor allem bei Kriminellen beliebt zu sein, weil sich dank der digitalen Verschlüsselung Geld weltweit und anonym verschieben lässt. Es gibt allerdings auch Geldwäsche-Experten, die keine großen Unterschiede zu klassischen Banknoten sehen. Was damit bezahlt werde, hänge nicht von der Währung ab, sondern vom Käufer und Verkäufer.

In einer Boomphase Mitte 2018 kostete ein Bitcoin einmal über 10.000 Euro. Die sogenannte Kryptowährung, erlebte zu dieser Zeit ein allgemeines Hoch, wovon sich die venezolanische Regierung offenbar beeindrucken lies. Für Kryptowährungen werden keine Banknoten gedruckt und können nur im Internet eingesetzt werden.

Das Geheimnis der Kryptowährung ist die komplizierte Verschlüsselung der Datenbanken. Dort werden alle Transaktionen der jeweiligen Kryptowährungen erfasst. Die Systeme sind so konzipiert, dass keine Fälschungen reinkommen. Zugleich wird bewacht, dass die Währung, beispielsweise ein Bitcoin, nicht zur selben Zeit doppelt ausgegeben werden kann. So lassen sich praktisch von jedem Computer der Welt Beträge komplett anonym und vorbei an klassischen Banken überweisen.

Und noch einen entscheidenden Vorteil bieten Kryptowährungen. Sie sorgen in Krisenzeiten für eine echte Alternative zur labilen Landeswährung, die schnell mal sein Wert verlieren kann. Das haben Experten bereits in Griechenland beobachtet, wo auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, als die Banken geschlossen waren, die Menschen verstärkt zu Kryptowährung-Transaktionen gegriffen haben. (dd)

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