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Brexit

Eine Nation gebaut auf Migration schottet sich ab

Der Kampf gegen die Einflüsse der Außenwelt zwischen Globalisierung, Europäisierung und Kosmopolitisierung wird bewusst gesucht. Das Projekt heißt Brexit.

Lorenz Narku Laing, MiGAZIN, Rassismus, Schwarze Jugend in Deutschland
Lorenz Narku Laing © privat, bearb. MiG

VONLorenz Narku Laing

Lorenz Narku Laing ist deutsch-britischer Doppelstaatsbürger. Im März war er Visiting Academic an der University of Birmingham und lehrte dort zu den Themen Migration und Rassismus in Deutschland. Herr Laing forscht und lehrt am Lehrstuhl für Politische Theorie am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Großelterngeneration lebten als jamaikanische Gastarbeiter in Birmingham, England.

DATUM2. Mai 2019

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RESSORTAktuell, Meinung

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Führende Brexiteers versprachen lauthals, dass der Brexit die Migration ins Vereinigte Königreich begrenzen würde.  Der Austritt aus der Europäischen Union gebe dem Parlament die Hoheit über die eigenen Grenzen zurück. Dies soll eine Abkehr vor den Armen Europas ermöglichen. Den Druck auf die Sozialsysteme und den Niedriglohnsektor abbauen.

Nun bemühen sich ausgerechnet die Nachfahren des britischen Empires um eine Abschottung. Sie haben Angst vor einer zusammenwachsenden Welt. Lange galt: Reichtum und Zukunft liegen nicht auf der Insel, sondern hinter langen Schiffsreisen. In den letzten Jahrhunderten baute der britische Reichtum auf eine oftmals gewalttätige Eroberung, denn kriegerische Migration war unumstößliche Grundlage für die eigene Herrschaft.

Dieser Austausch mit dem Fremden war meist ausbeuterisch und nutzte den Briten mehr als dem Anderen. In Indien, Ghana oder Jamaika war dies klar der Fall. Heute birgt internationaler Austausch meist hohe Kosten für Großbritannien. Man kann die Regeln nicht mehr autonom diktieren. Damit scheint die britische Demokratie heute überfordert. Die Bevölkerung ist sich ihrer selbsterklärten Überlegenheit in der Welt nicht mehr gewiss.

Die Brexit-Gegner haben bereits begriffen, dass das Vereinigte Königreich außerhalb der EU keine Rolle mehr spielt. Die Brexiteers kämpfen weiterhin erbittert gegen die Provinzialisierung ihrer einst so mächtigen Nation. Damit steuern sie geradewegs in die globale Bedeutungslosigkeit. Doch finden sie keinen ruhmreichen Abgang in die glorifizierte Unabhängigkeit. Ein erfolgreicher Brexit scheint nicht machbar.

Keinesfalls soll mit dem freien Kapital – und Zahlungsverkehr die vierte, europäische Grundfreiheit bekämpft werden. Denn in der globalen, kapitalistischen Gegenwart ist nichts und niemand so frei wie Geld. Vielmehr soll der Freihandel zukünftig gestärkt werden und lässt Hoffnungen seitens der Labour-Partei auf einen stärker regulierten Markt unwahrscheinlich erscheinen.  Vielmehr gibt es einen großen Wunsch nach weniger Austausch von Waren, Dienstleistungen und vor allem Personen. Ein Ende der vermeintlich bösen Migration.

Während meiner Gastdozentur an der Universität Birmingham erlebte ich Migration von einer anderen Seite. Birmingham ist eine millionenstarke Stadt der Migration im Herzen Englands. In dieser traditionsreichen Stadt traf ich Migranten und ihre Kinder an allen Ecken. Sie reinigten die Straßen, verkauften britische Grußkarten oder warben mit Inbrunst für Gemüse auf den „Bull Ring“-Märkten. Zudem lehren sie an der Universität und behandelten meine Großmutter im Krankenhaus ihrer Majestät. Seit Jahrhunderten leisten die heute gescholtenen Migranten ihren Beitrag. Dennoch werden die Migranten im politischen Denken zum Feind.

Der Brexit ist ein migrationsfeindliches Programm. Er steht im Widerspruch zur langen historischen Tradition des Empires. Die Heilsversprechen einer abgeschotteten, homogenen Gesellschaft werden nicht zu erfüllen sein. Denn selbstverständlich ist heute nichts mehr „100% British“ auf der Insel außer vielleicht das Rindfleisch im Supermarkt.

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