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Migration und Integration in Deutschland

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Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Smartphone

Der beste Freund wenn es Nacht wird

Malik (19) wartet seit zwei Jahren darauf, dass er seine Familie nach Deutschland holen darf. Bisher vergeblich. Statt Zeit mit seiner Familie zu verbringen, spielt er mit seinem Smartphone.

Handy © CC0 Public Domain, pixabay, bearb. MiG
Handy © CC0 Public Domain, pixabay, bearb. MiG

DATUM20. April 2019

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Malik (Name geändert) ist vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Seine Familie musste er zurücklassen. Das Geld, was sie zusammengespart hatten, reichte nur für eine Person. Sobald er in Sicherheit ist, wollte er seine Familie nachholen – so war jedenfalls der Plan. Darauf warten er und seine Familie jedoch vergeblich.

Als subsidiär Schutzberechtigter hat er seit einer Gesetzesänderung keinen Anspruch auf Familiennachzug. Auch dass er minderjährig war, als er in Deutschland Antrag auf Asyl gestellt hat, hilft ihm nicht. Inzwischen ist er 19 Jahr alt. Es gibt zwar ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, wonach der Zeitpunkt der Antragsstellung maßgeblich ist, doch der wird von Deutschland nicht umgesetzt.

Smartphone der beste Freund

„Ich weiß nicht, wie lange ich noch warten muss“, sagt Malik. Seine Enttäuschung sieht man ihm deutlich an. Die vergangenen zwei Jahre hat er damit verbracht, auf die Bescheidung seines Asylantrags zu warten. Parallel dazu hat er Deutsch gelernt, um in Deutschland eine Chance auf einen Ausbildungsplatz zu haben. „Ich habe auch schon ein paar deutsche Freunde“, erzählt Malik mit einem leichten Lächeln.

Wenn er abends aber alleine in seinem Zimmer ist, ist sein Smartphone sein bester Freund. Er schreibt seiner Familie oder er telefoniert mit ihnen. „Je größer die Sehnsucht wird, desto häufiger will ich mit meinen Eltern telefonieren“, sagt Malik und fügt mit einem nachdenklichen Blick hinzu: „Je länger die Trennung dauert, desto kürzer dauern aber auch unsere Gespräche“.

Kein Geld für Spielsucht

In solchen Momenten sucht Malik einen Ausweg, um nicht an die Sehnsucht und an seine verzweifelte Situation denken zu müssen. Auch in diesen Situationen ist sein Handy ihm ein treuer Freund. Er spielt abends manchmal stundenlang im Spielcasino Online. „Es geht mir dabei um Zeitvertreib“, erklärt er. Er tauche ein in die virtuelle Welt, um die Sorgen der realen Welt zu vergessen. „Im nu sind mehrere Stunden vergangen, und dann bin ich so müde, dass ich einfach nur noch einschlafe“.

Ob er sich keine Sorgen macht, Spielsüchtig zu werden? Er habe sowieso kaum Geld, um große Summen zu verlieren, erklärt er entspannt. Aber er kenne jemanden aus dem Irak, der schon mal sein ganzes Taschengeld an einem einzigen Abend verliert.

Wenige Beratungsangebote in Herkunftssprachen

Keine Arbeit, keine Zukunftsperspektive, kein Geld, gesellschaftliches Abseits und Langeweile. Das sind die Hauptfaktoren für Spielsucht, wissen Experten zu berichten. Faktoren, die bei Personen, die in einer ähnlichen Situation stecken wie Malik, besonders häufig anzutreffen sind. Deshalb warnen Experten davor, dass junge Flüchtlinge besonders empfänglich sind für Spielsucht. Dennoch gibt es nur wenige Beratungsangebote in den jeweiligen Herkunftssprachen. Und wenn doch, wissen die Betroffenen oft nicht, dass es solche Angebote gibt.

Auf die Frage, ob Malik auch größere Summen einsetzen würde, wenn er Geld hätte, winkt er ab. Nein, sagt er. Wenn er Geld hätte, würde er es seiner Familie schicken. „Die sind sehr arm und können sich gerade so von einem Tag zu nächsten retten“, erklärt er. Doch sei der Gedanke, mit einem großen Einsatz auf einen Schlag noch mehr Geld zu gewinnen, gar nicht mal so unverlockend. „Ich kenne ein Spiel, da gewinne ich regelmäßig“, sagt er mit leuchtenden Augen. (dd)

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