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Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Kirchentagspräsident Leyendecker

Irritiert über Gleichgültigkeit bei Angriffen auf Muslime

Kirchentagspräsident Hans Leyendecker beobachtet in Teilen der Gesellschaft eine Gleichgültigkeit gegenüber Angriffen auf Muslime. Auch nach den Anschlägen im neuseeländischen Christchurch habe es Irritierendes gegeben. Franziska Hein und Michael Ridder sprachen mit ihm.

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Trauer in Neuseeland nach dem rechtsterroristischen Angriff in einer Moschee auf Muslime

Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern hat nach den Anschlägen von Christchurch ein Kopftuch getragen, um ihre Solidarität mit den Opfern auszudrücken. Wäre eine ähnliche politische Geste von einer führenden deutschen Politikerin denkbar?

Hans Leyendecker: Das war eine menschliche Geste, die unheimlich viel bewirkt hat. Es zeigt, wie man einen solchen Anschlag auch als Gesellschaft gemeinsam ertragen kann. Ob jetzt Frau Merkel, Frau Kramp-Karrenbauer oder Frau Nahles die Kraft zu solch einer Geste hätten, muss jede von ihnen selbst beantworten. Aber ich habe da durchaus Hoffnung.

Haben die Deutschen zu viele Vorbehalte vor dem Kopftuch?

Info: Hans Leyendecker wurde am 12. Mai 1949 in Brühl im Rheinland geboren. Er ist Präsident des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Dortmund. Nach dem Abitur absolvierte er ein Volontariat beim „Stader Tageblatt“, später nahm er ein Geschichtsstudium auf. Ab 1979 arbeitet er beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ als Landeskorrespondent für Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und wechselte 1997 zur „Süddeutschen Zeitung“ nach München. 2009 übernahm er die Leitung des neu geschaffenen Ressorts für Investigative Recherche bei der SZ. Bekannt wurde er 1982 mit einer Titelgeschichte beim „Spiegel“ über Schmiergeldzahlungen des Flick-Konzerns an deutsche Politiker.

Hans Leyendecker: Was die Situation in Deutschland angeht, möchte ich zwei Punkte trennen: Wenn es um das Problem des Antisemitismus geht, müssen wir darüber sprechen, was junge Muslime so sagen, denken und tun. Da gibt es Arbeit. Denn es sind Leute ins Land gekommen, die dem Judentum seine Existenzberechtigung absprechen wollen. Denen müssen wir erklären, dass jemand, der bei uns leben will, auch unsere historische Verantwortung mit zu tragen hat. Es gibt aber auch etwas, das mich irritiert. Nach meiner Wahrnehmung gab es zum Beispiel bei den NSU-Morden wenige Reaktionen, die über das normale Erschrecken hinausgingen. Ich glaube schon, dass bei Angriffen auf Muslime einige Menschen in diesem Land mit den Schultern zucken.

Die Premierministerin hat auch gefordert, dass Medien den Namen des Attentäters nicht nennen sollen. In Deutschland gab es darüber eine Debatte. Halten Sie es für geboten, den Namen nicht zu nennen und auch das Manifest des Täters nicht zu veröffentlichen?

Hans Leyendecker: Ich kann mich an den Anschlag von Anders Breivik in Norwegen 2011 erinnern. Auch er hatte ein Manifest geschrieben. Bei der „Süddeutschen Zeitung“ haben wir damals für die Seite drei das Manifest ausgewertet. Wir hatten damit die bessere Geschichte, weil man den Wahn des Attentäters schildern und seriös aufklären konnte. Allerdings darf man sich an diesen Darstellungen niemals berauschen.

Bei dem Täter von Neuseeland kommt man nicht um die Namensnennung rum, weil seine Tat international so viel Echo hervorgerufen hat und weil der Terrorist ein globales braunes Netzwerk hat. Ich halte es aber für verantwortungslos, dass Medien Ausschnitte des Täter-Videos gezeigt und Fotos von Opfern widerrechtlich genutzt haben. Journalismus darf sich nie zum Handlanger von Terroristen oder Verbrechern machen lassen. (epd/mig)

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6 Kommentare
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  1. Ute Plass sagt:

    Leyendeckers Aussage: „Denn es sind Leute ins Land gekommen, die dem Judentum seine Existenzberechtigung absprechen wollen.“, ist zu widersprechen. Die Leute, die er wohl meint, sind Menschen, die nicht
    das Judentum ablehnen, sondern die Gewalt- u. Besatzungspolitik eines Staates, der sich jüdisch nennt.

    Keine Frage, dass jegliche Angriffe gegenüber Juden und jüdischen Einrichtungen nicht mit der israelischen Regierungspolitik zu rechtfertigen sind.

    Allerdings verstärkt Leyendecker mit seiner Pauschalaussage Ressentiments gegenüber Muslime. Daher sollte er seine Irritation „über Gleichgültigkeit bei Angriffen auf Muslime“ nochmal in den Blick nehmen.

  2. FrankUnderwood sagt:

    Ich halte beide Ansätze der neuseeländischen Premierministerin für falsch.

    Es gibt bessere Möglichkeiten die eigene Solidarität auszudrücken als ein Kopftuch zu tragen. Hierzulande findet nicht umsonst eine Debatte darüber statt, welchen Einfluss wir zulassen wollen. Über entsprechende Gerichtsverfahren, ob für Lehrerinnen Kopftücher zulässig sind, hat Migazin berichtet und entscheidende Verfahren sind noch offen.

    Ich teile die Meinung von Herrn Leyendecker bei der Namensnennung des Täters. So ziemlich jeder Millenial kennt diese schwachsinnigen Versuche aus „Harry Potter“. Wer den Namen des Täters verschweigt, unterstützt ihn und seine Taten unwissentlich, weil sie die dazugehörige Angst schüren. Dabei sollten wir keine Angst haben, sondern uns gemeinsam in den Weg stellen.

  3. cougar sagt:

    Da muß ich Herrn Leyendecker widersprechen: Man kann nicht einmal von eingeborenen Staatsbürgern fordern, die „historische Verantwortung“ für vor ihrer Generation zurückliegende Ereignisse mit zu tragen. Jene Leute, die diese Forderung stellen, meinen damit gewöhnlich ausschließlich die unpassenderweise „Holocaust“ (= „Brandopfer“) genannte planmäßige Vernichtung von Juden und anderen unerwünschten Minderheiten unter der Naziherrschaft, nicht jedoch weiter zurückliegende historische Ereignisse.
    Vielleicht sollte man andernfalls von Herrn Leyendecker einmal fordern, die historische Verantwortung für die deutsche Beteiligung an den Kreuzzügen mit zu tragen: „Als Kaiser Rotbart lobesam …“

    Im Islam werden dem Judentum und dem Christentum als Schriftreligionen gemeinsamer Herkunft gegenüber anderen Religion besondere Stellungen eingeräumt, weswegen es unzulässig ist, dem Judentum als solchem das Existenzrecht abzusprechen. Allerdings ist es den Zionisten gelungen, vielen Menschen zu suggerieren, der zionistische Staat Israel und das Judentum seien ein und dasselbe und Kritik an Israel sei auch als „Antisemitismus“ anzusehen. So sehe ich bei den Juden die Bringschuld, sich vom zionistischen Regime und dessen Verbrechen zu distanzieren, um mit den Muslimen in Frieden zusammenleben zu können, insbesondere, da der Zentralrat der Juden in Deutschland die Rolle eines Anwalts und Sprachrohrs des zionistischen Regimes übernommen hat.

    Einige Islamhasser besitzen die Unverschämtheit zu behaupten, die Muslime würden gern in eine Opferrolle schlüpfen. Die ermordeten Muslime in Christchurch wurden gegen ihren Willen zu Opfern, sie sind in keine „Rolle geschlüpft“, und diejenigen, die nicht zu Opfern wurden, verlangten von der neuseeländischen Premierministerin auch nicht die Geste, ein Kopftuch zu tragen. Anscheinend wird von den Muslimen erwartet, nicht in eine Opferrolle, sondern gewissermaßen in die Rolle von Aussätzigen zu schlüpfen: Kommt uns nicht zu nahe! Zeigt kein Mitgefühl mit uns, wenn wir zu Opfern werden!

  4. President Obama sagt:

    Sehr geehrte Frau Plass,

    Sie irren. Es gibt durchaus Menschen, die neu in unserem Land sind, die nicht zwischen dem Judentum und dem Staat Israel unterscheiden. Insoweit ist ihr Widerspruch Unsinn und stellt Antisemiten in eine politisch populäre Ecke.

  5. Ute Plass sagt:

    @Präsident Obama:
    Zum besseren Verständnis zitiere ich den Historiker Wolfgang Benz:

    „Die Feindschaft von Muslimen gegen Juden ist nicht im Koran begründet wie der Antijudaismus der Christen im Neuen Testament. Der Antisemitismus von Muslimen generiert sich aus politischer Solidarität, richtet sich gegen Israel und äußert sich mit den stereotypen Argumenten und Klischees eines Rassismus, der im 19. Jahrhundert den Antisemitismus hervorbrachte. Dessen Wurzeln findet man in Europa, in Deutschland, Österreich-Ungarn, in Frankreich und Russland.“

    https://www.tagesspiegel.de/wissen/judenhass-woher-der-muslimische-antisemitismus-kommt/20845898.html

  6. President Obama sagt:

    Sehr geehrte Frau Plass,

    mir ist schon klar, dass der Koran keinen Judenhass predigt. Aber zu glauben, dass jeder arabischstämmige Flüchtlinge seinen Hass allein auf den Staat Israel, aber nicht auf die Juden bezieht ist für mich nicht glaubwürdig. Mag sein, dass die akademische Elite hier einen hohen Differenzierungsgrad besitzt, derjenige der einen Juden mit Kippa beschimpft hat diesen Differenzierungsgrad nicht hat



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