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Diskriminierung von Sinti und Roma nimmt spürbar zu

Sinti und Roma werden immer stärker zur Projektionsfläche von Hass und Gewalt. Der Politologe Bernd Grafe-Ulke appelliert an EU-Staaten, dieser Entwicklung entgegenzutreten. Auch Medien seien gefordert.

Der Politologe Bernd Grafe-Ulke warnt vor einer zunehmenden Diskriminierung von Sinti und Roma. Zwar seien sie als eine der vier nationalen Minderheiten in Deutschland anerkannt, „in den vergangenen Jahren wurden Sinti und Roma aber deutlich stärker zur Projektionsfläche von Hass und Gewalt“, sagte Grafe-Ulke dem „Evangelischen Pressedienst“. Das gelte nicht nur in Deutschland. „In manchen Westbalkan- und EU-Staaten sind teils schon pogromartige Übergriffe zu beobachten.“ Grafe-Ulke leitet in der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten in Celle das Projekt „Kompetent gegen Antiziganismus und Antiromaismus – in Geschichte und Gegenwart“.

Sowohl die EU-Politik als auch Einzelstaaten, Bürger und Medien müssten der Entwicklung wirksam entgegentreten, betonte Grafe-Ulke. Ein guter Anlass dafür seien aktuell die „Wochen gegen Rassismus“. Diese werben noch bis Sonntag für die Europawahl im Mai. Es dürfe nicht sein, dass im Angesicht des aktuellen Mottos „Europa wählt Menschenwürde“ die größte Minderheit Europas längst überwunden geglaubten Hass über sich ergehen lassen müsse. Viele Roma sähen sich als die wahren Europäer, da sie, auch durch Verfolgung und Vertreibung in den vergangen Jahrhunderten, in vielen Ländern Europas beheimatet und vertreten sind.

Historisch betrachtet kennzeichneten Vertreibungen, Entrechtung und Versklavung die Geschichte der Sinti und Roma, sagte der Politologe. Hunderttausende seien Opfer des Rassenwahns der NS-Zeit geworden und in Konzentrationslagern ermordet worden. Als Erbe der Nazizeit habe sich in Teilen der Gesellschaft bis heute die Vorstellung vom „klauenden und ungebildeten Zigeuner“ gehalten, sagte Grafe-Ulke. „Dabei sind die Menschen teils noch nie einem Sinto oder Rom persönlich begegnet.“

Appell an Medien

Vor diesem Hintergrund seien die Medien insbesondere in der Berichterstattung über Straftaten gefordert, etwa auf Mutmaßungen oder stereotype Täterbeschreibungen zu verzichten, mahnte der Experte. „Wenn ein Polizeibericht den Täter ‚vermutlich als Bayer‘ beschriebe, würde das sicher eher belächelt. Steht dort aber ‚vermutlich ein Roma‘ im Verdacht, eine Straftat begangen zu haben, kann das bestehende Vorurteile bestärken.“

Problematisch sei auch, dass meist im Zusammenhang mit Sinti und Roma über „gescheiterte Biografien“ berichtet werde. Über Sinti und Roma werde häufig im Kontext von Armutsmigration, Billig-Arbeit oder Obdachlosigkeit berichtet. Roma oder Sinti als erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer, Anwältinnen, Politiker oder Wissenschaftler seien dagegen selten ein Thema, sagte Grafe-Ulke. (epd/mig)