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Unorthodox – Eine Frau findet die Freiheit

Mit ihrer Lebensgeschichte inspiriert Deborah Feldmann Millionen Leserinnen und Leser weltweit. Als junge Frau riss sich die Autorin aus einer frauenfeindlichen jüdischen Gemeinde in New York los. Doch dafür zahlte sie einen hohen Preis.

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"Unorthodox" von Deborah Feldman © btb Verlag, bearb. MiG

VONMichaela Hütig

DATUM8. März 2019

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Mit 20 Jahren spürte Deborah Feldman zum ersten Mal am eigenen Leib, wie sich Befreiung anfühlt. Heimlich tauschte die ultraorthodox erzogene Jüdin im Auto ihren langen schwarzen Rock gegen ihre erste Jeans. Sie war auf dem Weg zum College, wo sie hinter dem Rücken ihres Ehemannes ein Studium begonnen hatte. „Ich erinnere mich genau an das überwältigende Gefühl, wie sich mein Körper entspannt hat“, erzählt die heute 32-Jährige dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Das war Freiheit pur, es war, wie zum ersten Mal in der Sonne zu baden.“

Das Gefühl war ein Vorgeschmack auf einem langen Weg in die Unabhängigkeit, den Feldman vor sich hatte. Sie wuchs in einer autoritären chassidischen Gemeinde in New York auf. Im Alter von 23 Jahren brach sie mit ihrer Familie und verließ mit ihrem kleinen Sohn die sektenähnliche Parallelgesellschaft der Satmarer. Ihre Befreiungsgeschichte erzählte sie in ihrer Bestseller-Autobiografie „Unorthodox“. Heute lebt die Deutsch-Amerikanerin in Berlin.

„Ich komme aus einer Welt mit einem ganz schlimmen Frauenbild“, erzählt die selbstsicher wirkende Frau mit den halblangen dunklen Haaren und der runden Brille. Die Erinnerung sprudelt nur so aus ihr heraus, in fast druckreifem Deutsch. „Ich habe dort in ständiger Angst gelebt, etwas Falsches zu tun und bestraft zu werden.“ Denn in ihrer Herkunftsgemeinde im New Yorker Stadtteil Williamsburg gelte der weibliche Körper als größte Bedrohung und schmutzig, erklärt Feldman. Frauen müssten ihn strengstens kontrollieren lassen, früh eine arrangierte Ehe eingehen, dem Mann bedingungslos gehorchen und möglichst viel Nachwuchs gebären.

Im Durchschnitt bringe jede Frau 10 bis 20 Kinder zur Welt, erzählt die Autorin: „Die Autoritäten überwachen die Reproduktion, um das Wachstum der Gemeinde sicherzustellen, Verhütung ist verboten.“ Nach diesem Verständnis – die Satmarer-Gemeinde in Williamsburg wurde von Holocaust-Überlebenden gegründet, die die Judenvernichtung als Strafe für die eigene Gottlosigkeit begriffen – sollten die Kinder die Ermordeten ersetzen. Außer als Gebärmaschinen hätten Frauen keine Funktion, sagt Feldman: „Bildung, Arbeit und jegliche Freude sind nicht vorgesehen.“ Sie müssen ihre Haare abrasieren, ihren Körper in ein Korsett pressen und unter schweren Röcken verhüllen.

Reise der Selbstfindung

Dass Feldman der fast undenkbare Ausstieg aus dieser isolierten Welt gelang, hat sie zuerst ihrer eigenen Wissbegierde zu verdanken. Als Schülerin fing sie an, heimlich Romane etwa von Jane Austen und den Brontë-Schwestern zu lesen. „Ich habe Freunde in Büchern gefunden, die mir gezeigt haben, dass ich nicht allein bin und dass es andere Lebensweisen gibt als die eine, die ich kannte“, erzählt sie. „Ich habe mich nach Bildung und Aufklärung gesehnt, die ich an meiner religiösen Mädchenschule nicht bekam.“

Eine Schlüsselrolle spielte für sie inmitten der patriarchalen Struktur eine starke Frau: ihre Großmutter, von der Enkelin liebevoll „Bubby“ genannt. Die gebürtige Ungarin hatte ihre gesamte Familie an einem Tag in Auschwitz verloren. Von ihr habe sie viel gelernt, sich bei ihr angenommen und geborgen gefühlt, erinnert sich die Autorin, die bei den Großeltern aufwuchs. „Sie inspirierte mich und wurde zur großen Metapher für meine Lebensgeschichte, denn sie war der ultimative Flüchtling. Ich habe das auf sehr kleine Weise erlebt: Ich habe versucht, ihr Leben zu rekonstruieren, und dabei ein Leben für mich konstruiert.“

Feldman blickt auf eine siebenjährige Reise der Selbstfindung zurück. Nach ihrer Flucht aus Williamsburg zog sie mir ihrem Sohn zunächst nach Manhattan. Dort fühlte sie sich von Kapitalismus, Überfluss und Dekadenz schier erschlagen. Als Reaktion verkroch sie sich jahrelang auf dem Land in Neuengland. Doch auch dort wurde sie nicht heimisch. Ihre Suche führte weiter nach Europa, wo sie der Vergangenheit der geliebten „Bubby“ nachspürte. „Ich war eine Frau ohne Wurzeln, ohne Identität“, erinnert sie sich an diese Zeit. „Ich habe Persönlichkeiten anprobiert wie Kleidung.“

Gegen Schubladen-Denken

Ihre Heimat fand sie schließlich 2014 in Berlin. Dort fühlte sie sich zum ersten Mal zugehörig. „Die Stadt ist voll von Ausnahmen wie mir, es ist eine Stadt im Ausnahmezustand“, sagt die 32-Jährige. „Berlin ist für mich der letzte Ort auf der Welt, wo jeder einen Platz finden kann.“ Allerdings habe sie hier auch Antisemitismus zu spüren bekommen. Aus Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden, stellt sie sich heute nicht mehr als Jüdin vor. Stattdessen sagt sie, dass sie aus New York kommt.

Jegliches Schubladen-Denken ist Feldman auch sonst zuwider. Deshalb reagiert sie allergisch darauf, als „mutige Frau“ bezeichnet zu werden. „Dass ich rausgekommen bin, hat mit großem Glück zu tun und nicht damit, dass ich mutiger bin als andere Frauen“, sagt sie energisch. Vielmehr habe sie vom College an das Glück gehabt, ein Netzwerk aus Menschen zu finden, die ihr halfen. Das Etikett „mutig“ empfindet sie deshalb auch als Abwertung aller Frauen, denen ein Ausbruch aus der Unterdrückung nicht gelingt.

Und solche Frauen leben nicht nur bei den Satmarern, sondern in vielen fundamentalistischen Gemeinschaften, wie sie betont. „Ich habe ähnliche Erfahrungen wie meine von christlichen, muslimischen und hinduistischen Frauen gehört. Die Details unterscheiden sich, aber die großen Zwänge sind alle gleich.“ Extreme religiöse Gruppen schienen auf ähnliche Art und Weise zu funktionieren: „Vielleicht nennen sie ihren Gott bei unterschiedlichen Namen, aber am Ende geht es immer um Männer, die Macht wollen.“

Ein hoher Preis

Sie selbst hat sich von der Last ihrer Vergangenheit inzwischen weitgehend befreit. Den mühsamen Weg dorthin beschreibt sie in ihrem zweiten Buch „Überbitten“. Das Wort aus Feldmans jiddischer Muttersprache bezeichnet ein Ritual der Versöhnung. „Ich habe meine Geschichte in meine Hände genommen und gesagt, was daran falsch war“, sagt sie. Mit den Schuldgefühlen, die sie von klein auf immer gequält hatten, sei endlich Schluss. Allerdings hat die Autorin für ihre Befreiung einen hohen Preis bezahlt: Zu ihrer Familie hat sie keinen Kontakt mehr, aus dem chassidischen Milieu erhielt sie Todesdrohungen.

Ob sie denselben Weg noch einmal gehen würde? Feldman zögert. „Diese sieben Jahre waren härter, als ich es je hätte ahnen können“, sagt sie. Am Ende aber hätten sich alle Entbehrungen gelohnt: „Jetzt bin ich endlich wieder ein Mensch mit einer Heimat, ich fühle mich nicht mehr fremd.“

Das Kleidungsstück, mit dem die Reise in die Freiheit begann, die Jeans, trägt sie weiterhin. „Jahrelang war ich regelrecht jeanssüchtig“, erzählt die Schriftstellerin. „Ich konnte das Gefühl nicht loslassen, ich dachte, es gibt kein Kleidungsstück auf der Welt, in dem man sich freier fühlt.“ Nach zehn Jahren hat sie sich nun aber auch äußerlich mit ihren Wurzeln ausgesöhnt: „Mittlerweile ziehe ich ab und zu auch mal wieder ein Kleid an. Das ist nicht mehr schlimm.“ (epd/mig)

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Ein Kommentar
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  1. Ute Plass sagt:

    Deborah Feldmann – eine beeindruckende Persönlichkeit. 🙂



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