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Deutschlandweites Interesse am interkulturellen Wohnkonzept „Hoffnungshaus“

Für den 22-jährigen Kinan ist das Hoffnungshaus unweit der Leonberger Altstadt eine „Safety Zone“. „Ich kann hier immer zur Ruhe kommen und fühle mich zu Hause“, sagt der junge Syrer mit den lockigen Haaren in flüssigem Deutsch. Seit gut zwei Jahren lebt Kinan im Hoffnungshaus in einer Männer-WG. Er ist einer von rund 40 Bewohnern des interkulturellen Mehrgenerationenhauses, das von der Hoffnungsträger Stiftung getragen wird.

Die Idee: Flüchtlinge und Einheimische leben gemeinsam unter einem Dach. Auch in Esslingen, Bad Liebenzell, Sinsheim und Schwäbisch Gmünd gibt es Hoffnungshäuser, die bereits bewohnt sind oder bald eröffnen. Aktuell machen insgesamt rund 300 Menschen mit.

„Jeder guckt, wo seine Gaben und Fähigkeiten liegen“

Das Leonberger Hoffnungshaus hat vor zweieinhalb Jahren als erstes seine Türen geöffnet. Das Gebäude wirkt frisch und hell, im Fenster bilden Leuchtlettern das Wort „Hope“. Direkt im Eingangsbereich liegt der große Raum für Sprachkurse. Außerdem gibt es einen Garten, Gemeinschaftsräume und die Wohneinheiten.

Das Konzept sieht vor, dass die einheimischen Bewohner ihren geflüchteten Nachbarn ehrenamtlich zur Seite stehen, etwa bei Arztbesuchen, Telefonaten oder Hausaufgaben. „Jeder guckt, wo seine Gaben und Fähigkeiten liegen“, sagt Karin Link, die selbst einen Nähtreff organisiert hat. Zusammen mit ihrem Mann und den zwei kleinen Töchtern ist sie von Beginn des Projektes an dabei.

Interkulturelles Zusammenleben nicht immer einfach

Link schätzt das Wohnkonzept, bei dem die Türen selten abgeschlossen sind. „Meine Kleine geht zu den Nachbarn und spielt dort alleine, das ist für mich cool zum Durchputzen“, sagt sie mit einem Lachen. Mit Konflikten umzugehen und eigene Gewohnheiten zu hinterfragen, empfindet Link als positive Herausforderung. Manchmal sei das interkulturelle Zusammenleben allerdings auch zäh und erfordere Geduld, räumt sie ein: „Das ist halt nicht so einfach, wie wenn man zwei Schwaben trifft.“ Anfangs habe zudem ein Ungleichgewicht bestanden zwischen den Einheimischen als Gebenden und den Geflüchteten als Nehmenden. „Umso wertvoller finde ich dann zu erleben, wenn es sich wandelt und Freundschaften auf Augenhöhe entstehen.“

Angelika Röhm erinnert sich noch gut an die Anfänge. Die Bereichsleiterin und ihre Familie waren die ersten Bewohner in Leonberg. Dort, genau wie an allen anderen Standorten, hätten die Anwohner große Ängste gehabt und versucht, das Wohnprojekt zu verhindern. Heute dagegen bekäme sie immer wieder die Rückmeldung: „Wenn wir gewusst hätten, dass das so gut läuft, hätten wir uns damals keine Sorgen gemacht.“

„Gigantischer Mehrwert“

Das Wohnkonzept habe einen „gigantischen Mehrwert“ für alle Beteiligten, ist sie überzeugt: Für die Flüchtlinge, weil sie in ein wohlgesinntes Umfeld kommen und früh in Kontakt mit dem realen Leben in Deutschland treten. „Und für uns als Gesellschaft insgesamt, weil wir extrem viel lernen.“

Das Projekt soll weiter wachsen. Regelmäßig erhält Röhm Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet, vor allem aus großen Städten und Ballungszentren. Derzeit prüft die Stiftung, ob und wie Hoffnungshäuser über die Landesgrenzen hinaus realisiert werden können. In Baden-Württemberg selbst soll die Zahl der Standorte verdoppelt werden.

Zusammenarbeit mit Vermietern

Auch in Leonberg steht einiges auf dem Programm, berichtet Matthias Seitz, der den Standort zusammen mit seiner Frau leitet. Ein Anbau entsteht für neue Wohnungen. Zudem will die Stiftung eine der größten Herausforderungen anpacken: Wenn Geflüchtete aus dem Hoffnungshaus in eine eigene Wohnung ziehen. Sie hätten es bei der Suche doppelt schwer, zum einen wegen der Vorbehalte einiger Vermieter und zum anderen wegen der Wohnungsnot in Baden Württemberg. Darum will die Stiftung künftig enger mit Hausbesitzern und Vermietern zusammenarbeiten, die Flüchtlingen eine Chance geben.

Kinan ist auf dem besten Weg in die Selbstständigkeit. Seit Oktober studiert er Informationsdesign in Vaihingen. Irgendwann möchte er nach Berlin oder Leipzig ziehen. Aber an seine Zeit im Hoffnungshaus wird er sich immer erinnern. Die Bewohner hätten ihm in einer „grundlegenden Phase im Leben“ sehr geholfen, betont er. Wer in ein neues Land komme, könne nicht sofort anfangen zu studieren oder zu arbeiten, sondern brauche Zeit und Informationen. „Hier zu leben hat das Leben einfacher gemacht.“ (epd/mig)