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Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

„Das Schwein wird heute gehängt!“

Carl-Peters und die verdammten kolonialen Straßennamen

In Deutschland wird zahlreichen Kolonialisten noch immer mit Straßennamen gehuldigt. Durch diese Straßen gehen Schwarze Menschen. Sie Kaufen ein oder bringen ihre Kinder zur Schule und wandeln auf asphaltierten Ruhmesmalen der Unterdrücker und Mörder ihrer Vorfahren.

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Carl-Peters-Straße, Montage by MiG © SofiLayla @ pixabay.com (CC0), bearb. MiG

VONSami Omar

 Carl-Peters und die verdammten kolonialen Straßennamen
Der Autor und Moderator Sami Omar schreibt und arbeitet zu den Themen Migration, Integration, Rassismus und Diskriminierung für Print und Online-Medien. Er tritt als Referent zu diesen Themen auf und moderiert Veranstaltungen aus Politik und Kultur. Sami Omar ist Kampagnenreferent und Mitarbeiter eines Fachdienstes für Integration und Migration bei einem deutschen Wohlfahrtsverband. 2016 erschien sein zweites literarisches Werk "Geht schon, danke". Seine Kurzgeschichten erscheinen in Literaturzeitschriften, Anthologien und sind Teil seines abendfüllenden Bühnenprogramms, mit dem er deutschlandweit auftritt. Sami Omar wurde 1978 als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und wuchs als Kind deutscher Eltern im schwäbischen Ulm auf. sami-omar.de

DATUM11. Januar 2019

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Tansania liegt in Afrika. In Tansania liegt die Stadt Tanga. In Tanga steht ein Haus. In dem Haus ist ein Badezimmer und in dem Badezimmer sitzt  Carl Peters auf dem Lokus und sieht auf seinen Bauch. Er wippt sein Bauchfett mit beiden Händen hin und her, quetscht es von beiden Seiten ein und lässt es wieder los. Er verplempert Zeit. Es ist das Jahr 1891. Draußen im Salon sitzt der Zivilgouverneur für Deutsch-Ostafrika und wartet mit Gebäck auf ihn. Peters ist mehr Aufhebens um seine Person gewöhnt, als man in Tanga um ihn macht. Ohne ihn gäbe es Deutsch-Ost-Afrika doch gar nicht, denkt er. Das Land, die Rohstoffe, die N**. Alles steht zur Verfügung – dank ihm. Er schüttelt ärgerlich den Kopf. Dann macht er laut schlechte Luft und verlässt den Raum.

Graf Joachim Pfeil, „Afrikaforscher“ und Peters Weggefährte, schreibt über ihn, er habe in dieser Zeit einen N** verprügelt, weil dieser sich geweigert habe, ihm ein „Frauenzimmer“ aus der dortigen Bevölkerung zu besorgen. Er habe später während eines Herrenabends verlangt, dass jeder Weiße ein Lied singe und dazu tanze. Als Pfeil einwendet, was denn die N** denken sollen, erwidert Peters: „daß die Viecher überhaupt nicht denken.“* Eigentlich steckt in dieser Schilderung die ganze welt- und menschenbildliche Grundlage des Kolonialismus. Sie reicht von der infantilisierenden Haltung des Grafen Pfeil, der sich angesichts der Albernheiten seines deutschen Zeitgenossen um den Erhalt seiner vermeintlich natürlichen Autorität sorgt. Bis zu der bloßen Entmenschlichung und damit legitimierten Gewalt gegen die Bewohner Afrikas, durch den Begründer der Kolonie Deutsch-Ost- Afrika Carl Peters.

Der Pfarrerssohn wird am 27. September 1856 in Neuhaus im Landkreis Lüneburg geboren. Im Garten des Gemeindehauses steht noch heute ein 1,70 großer Findling mit einer Gravur: „Unserm Carl Peters. Begründer von Deutsch-Ost-Afrika“ . Die Dame im Pfarrbüro lacht freundlich, wenn man Nachfragt und seufzt dann etwas. Der Findling vergehe leider nicht, dass hätten die Dinger so an sich. Aber man habe am Gemeindehaus eine Tafel angebracht, zur geschichtlichen Einordnung von Carl Peters. Der sei ja nun mindestens „ziemlich umstritten“.

Vielleicht am bekanntesten ist die Geschichte um einen Herrn mit Namen Mabruk (In der deutschen Literatur manchmal auch Mabrucki genannt). Während einer Expedition zum Kilimandscharo fiel dieser Mann, der wohl zur Dienerschaft der Herren um Peters und seiner selbst gehörte, negativ auf. Ihm wurde zur Last gelegt, eine Liebschaft zu einer Frau zu unterhalten, die Peters sich selbst als Geliebte hielt. Peters: „Eine solche Frechheit, die Frau des Chefs zu benutzen, verdient die Todesstrafe. ……….“ „Das Schwein wird heute aufgehängt….“ Mabruk stirbt qualvoll und nach mehreren misslungenen Versuchen am Strick. Peters sitzt derweil zu Tisch in der Messe bei den übrigen Europäern. Im Januar 1892 wird auch Jagodja, die Frau, wegen „Konspiration mit feindlichen Stämmen“ zum Tode verurteilt. Sie wird über dem Tor zu dem Lager aufgehängt.

In Deutschland wird Carl-Peters und anderer Kolonialisten noch in einer Vielzahl von Städten mit Straßennamen gehuldigt. In Weimar, Berlin, Bottrop, Mannheim, Kaiserslautern, Ludwigsburg, Bielefeld und anderen Orten, gehen Schwarze Menschen und People of Colour durch Straßen mit diesen Namen. Sie Kaufen ein oder bringen ihre Kinder zur Schule und wandeln dabei auf dem asphaltierten Ruhmesmalen der Unterdrücker und Mörder ihrer Vorfahren.

Prominente Vertreter deutscher afrika-bezogener Politik verharmlosen und relativieren immer wieder systematisch den Kolonialismus und suchen ihn in Reden und Interviews in etwas um zu deuten, dass dem afrikanischen Kontinent auch viel Gutes gebracht habe. Der Afrikabeauftragte der Bundesregierung Günter Nooke (CDU) stand und steht wegen seiner Äußerung in der Kritik, die europäische Herrschaft in Afrika habe „dazu beigetragen, den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen“.  In gleicher Manier mögen Vergewaltiger behaupten, aus ihren Opfern erst „richtige Frauen“ gemacht zu haben.

Solche Relativierungen liegt im Kern der ganzen Debatte um die Umbenennung dieser Straßen und Plätze in deutschen Städten. Straßennamen sind, wo sie Personen bezeichnen, Ehrungen und drücken die Achtung der Bürgerschaft vor deren (Lebens-)Leistungen aus.  Diese Ehrungen können nur in einer Gesellschaft bestehen bleiben, in der unter ihren Bürgern nicht auch Opfer eben dieser  sind. Ihre Unmöglichkeit bedingt sich aber eben dadurch, dass Schwarze Menschen und People of Color Teil dieser Gesellschaft sind. Wer ihre Missachtung durch Straßennamen, wie „Carl-Peters-Straße“ nicht anerkennt, stellt so auch ihre Gleichwertigkeit als Bürger dieses Landes in Frage.

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