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Migration und Integration in Deutschland

Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Hej Hijab!

Deutsche Kopftuchdebatte und die Schweden

Die Dämonisierung des Kopftuchs ist in ihrem Rassismus geradezu pathologisch. Andere westliche Industrienationen sind da viel weiter als das Entwicklungsland Deutschland. Von Timo Al-Farooq

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Frauen mit Hijab im Staatsdienst? In Schweden nichts Besonderes © Matti Östling/mynewsdesk.com / Flickr (CC BY-SA 2.0)

VONTimo Al-Farooq

 Deutsche Kopftuchdebatte und die Schweden
Timo Al-Farooq, B.A. in Regionalstudien Asien/Afrika, Humboldt-Universität Berlin, freier Journalist in Berlin. Mehr von ihm kann man auf torial.com lesen.

DATUM6. Dezember 2018

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RESSORTLeitartikel, Meinung, Panorama

QUELLE Erstveröffentlichung unter Freitag.de

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Als ich kürzlich mit Qatar Airways von Doha nach Stockholm geflogen bin und abends am Flughafen Arlanda zur Passkontrolle schritt, konnte ich meinen Augen nicht trauen: in dem für EU-Staatsbürger zuständigen Kabine saß eine schwedische Grenzpolizistin, die nicht nur schwarz war, sondern auch noch ein muslimisches Kopftuch trug, im selben monochromen nachtblau wie ihre Uniform.

Ich schritt vor die Dame, die ihrem Aussehen nach somalischstämmig war, händigte ihr meinen deutschen Reisepass, während sie mich mit jenem schwedischen „Hej“ begrüßte, bei dem ich mich jedes Mal frage, wie eine einzige Silbe stets so wunderbar intim und respektierlich-kumpelhaft klingen kann. Ich grüßte sie mit „Hi“ und „As-salamu ‚aleikum“ zurück, woraufhin sie wiederum freundlich aber nonchalant mit „Wa-‚aleikumu s-salam“ antwortete, und bei ihrer klischeeschwedischen Kollegin (blond und blauäugig) in der Nachbarkabine, die das definitiv gehört hatte, gingen nicht die Alarmglocken der Islamisierung ihres geliebten Abendlandes an, denn es hat sie nicht die Bohne interessiert, dass eine schwedische Staatsdienerin bei der Arbeit arabisch redet, während sie mit unaufgesetzt sympathischer Miene auf den ersten Passagier wartete.

Nachdem Erstere meinen Pass durch den Computer geswiped hatte und dieser befand, dass ich keine Gefahr für die (supra)nationale Sicherheit sei, händigte sie ihn zurück und wünschte mir auf Englisch einen schönen Abend: etwas, dass ich Langstreckenvielflieger noch nie aus dem Mund eines mürrischen weißen deutschen Flughafenbundespolizisten gehört habe.

Diese Erfahrung hat mich so positiv beeindruckt und gleichzeitig so wütend gemacht auf mein Geburtsland Deutschland, das sich bis heute rigoros weigert, Frauen mit Hijab in den öffentlichen Dienst einzustellen, weil es gelebte Religiösität zum Todfeind erklärt hat, wenn es sich um Islam handelt, dass ich mich sofort ins Flughafen-WiFi einloggte und auf Instagram meine Erfahrung teilte, inklusive des Missmuts gegenüber meiner „Heimat“, die sich in meinen 37 Jahren hier seltenst wie eine angefühlt hat (danke dafür liebe weiße Deutsche):

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Instagram Post von Timo Al-Farooq

Dass ich überhaupt überrascht war ob einer offensichtlichen Normalität ist schon traurig genug und spricht Bände über ein kulturell zurückgebliebenes Deutschland, dass immer noch debattiert, ob es ein Einwanderungsland sei oder nicht oder ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht. Und all das, während andere westliche Industrienationen wie England und Frankreich, Kanada und die USA, und sogar das kleine behütete Schweden, diese beiden Fragen längst mit ja beantwortet haben (erstere Beiden allein schon gezwungenermaßen durch ihre Kolonialgeschichte: Multikulturalismus quasi als Reparation für historisches Unrecht). Und diese Bejahungen sind kraft gesellschaftlicher Realitäten und der Schaffung gesetzlicher Rahmenbedingungen entstanden, die diese Lebenswirklichkeiten nicht nur neutral widerspiegeln, sondern als schützenswert erachten und gar weiterentwickeln bis hin zum nationalen Selbstverständnis.

Insbesondere am muslimischen Kopftuch für Frauen erzürnen sich die neoatheistischen Verfechter weißer Hautfarbe, egal ob aus dem linken, mittleren oder rechten politischen Spektrum, mit geradezu radikalreligiösem Eifer. Sie alle vereint ihre unverhohlene Religionsfeindlichkeit, die sich am liebsten am Islam aufreibt, weil er a) ihnen als historisches Lieblingsfeindbild seit den Kreuzzügen schon bestens vertraut ist, und b) dieser ihnen leider eine Steilvorlage nach der anderen liefert, dank der reaktionären und leider diskursbestimmenden Kräfte innerhalb dieser eigentlich so heterogenen Weltreligion eines Fünftels der gesamten Erdbevölkerung.

Dabei können die Islamfeinde sich nicht einmal entscheiden, ob das Kopftuch moralisch verwerflich ist, weil es die Frau unterdrückt, oder weil es die Trennlinie von Staat und Kirche überschreitet. Je nach Gefühlslage und Opportunität wird dann im Kampf gegen das Kopftuch im öffentlichen Raum hin- und her gejumpt, obwohl beide vorgeschobenen Argumente äußerst leichtgewichtig sind.

Der Hijab gehört zu: den USA…

Die bei den Midterm-Wahlen in den USA in den Kongress hineingewählte erste muslimische Frau, die somalischstämmige Ilhan Omar aus Minnesota, schrieb aus Anlass der vorgeschlagenen Regeländerung im Parlament, die religiöse Kopfbedeckungen nach 181 Jahren nun erlauben soll, zum Dauerargument, das Kopftuch unterdrücke die Frau, jüngst auf ihrem Instagram: „Niemand setzt mir ein Tuch auf den Kopf außer ich selbst. Es ist meine Entscheidung, eine, die durch den ersten Verfassungszusatz geschützt ist.“ Dafür, dass das Kopftuch angeblich Frauen unterdrückt, hat die Dame es aber ganz schön weit nach oben geschafft im patriarchalischen Amerika.

Sogar in Zeiten des Trumpismus und seinen Muslim-Bans ist es muslimischen Frauen je nach Kommune, Stadt oder Bundesstaat, erlaubt, im öffentlichen Dienst einen Hijab zu tragen: Kadra Mohammed, Minnesotas erste Hijab-tragende Polizeibeamtin (der nördliche Bundesstaat ist Heimat der größten somalischen Community in den USA) ist eine der prominentesten Beispiele, während auch die Bundeshauptstadt Washington, D.C. muslimischen Frauen erlaubt, im Polizeidienst ihre religiöse Kopfbedeckung zu tragen.

Auch im kulturellen Leben der USA spielen Frauen mit muslimischen Kopftüchern eine tragende Rolle: die Fechterin Ibtihaj Muhammad war die erste muslimische Frau, die bei einer Olympiade (den Sommerspielen 2016 in Rio), für die USA im Hijab auflief. Und wenn es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mittlerweile Barbies mit Kopftuch zu kaufen gibt und eine muslimische Marvel-Superheldin bald die große Leinwand betritt (nach Black Panther vom vergangenen Jahr der nächste Blockbuster, der nationale Diversity nicht nur attestiert, sondern zelebriert), zeigt das im Umkehrschluss auf eklatante Weise die geistige Begrenztheit Deutschlands in Sachen kultureller und religiöser Vielfalt auf.

…und Kanada…

In Kanada verhält es sich ähnlich: die einzige westliche Industrienation, in der Einwanderung und Multikulturalismus als nationales Selbstverständnis in der Verfassung festgeschrieben sind, echauffiert man sich auch nicht über Menschen mit religiösen Kopfbedeckungen und belegt sie nicht mit Berufsverboten wie in Deutschland. Wer schon mal drüben war, wird gesehen haben, wie viele indischstämmige Sikhs bei der kanadischen Polizei arbeiten. Und ihr Turban gehört zur Uniform.

Es ist diese Art wahrhaftiger Toleranz gegenüber gelebter Religiösität und kultureller Diversität (anders als in Deutschland, wo Toleranz ein Lippenbekenntnis und Diversity als Multi-Kulti verschrien und sich unter einer deutschnationalen Leitkultur unterzuordnen hat), die es dem einstigen Polizeichef von Vancouver, Harjit Sajjan, ermöglicht hat, zum Verteidigungsminister seines Landes aufzusteigen, samt Vollbart und Turban, beides visuelle Ausrufezeichen! seiner gelebten Religiösität und Kultur.

Und mit Navdeep Singh Bains, Minister für Innovation, Wissenschaft und wirtschaftliche Entwicklung, sitzt im derzeitigen Trudeau-Kabinett gleich der zweite turbantragende Sikh (von den 35 kanadischen Regierungsmitgliedern gehören sieben sogenannten nichtweißen „visible minorities“ an). In der aktuellen Bundesregierung findet sich hingegen nicht eine einzige Person mit Migrationshintergrund!

…und sogar Schweden

Sogar im skandinavischen Schweden ist in den urbanen Zentren völlig unaufgeregt ein Multikulturalismus herangewachsen, der trotz wachsendem und mittlerweile politisch mehrheitsfähigem Rechtsnationalismus in Form der so harmlos und liberal klingenden Schwedendemokraten fleißig weiter gedeiht. Dass diese gesellschaftliche Entwicklung überhaupt stattfinden konnte, ist der historischen Tradition einer schwedischen Sozialdemokratie zu verdanken, die stets internationalistisch und humanistisch ausgeprägt war und bis heute geblieben ist (der ehemalige Ministerpräsident Olof Palme und der zweite UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld gelten bis heute als deren exponierteste Vertreter; beide kamen zufälligerweise auf mysteriöse und gewaltsame Weise ums Leben, Ersterer ermordet, Letzterer bei einem Flugzeugabsturz gestorben).

Mittlerweile ist Sverige Heimat der drittgrößten somalischen Community in der westlichen Welt geworden (nach den USA und UK), noch vor Kanada mit seiner hyperliberalen Einwanderungspolitik. Dabei müssen diese Neuschweden im Land von Karlsson auf dem Dach und Kommissar Wallander ihre Religiösität nicht verstecken, sondern dürfen sie sogar ins Berufsleben hineintragen: sogar als schwarze Frau mit Hijab, deren Aufgabe es ist, die Grenzen einer weißen Mehrheitsgesellschaft zu schützen (nicht als Kanonenfutter oder Bauernopfer, sondern als ebenbürtige Staatsbürgerin mit eigener „agency“), welche kulturelle und religiöse Vielfalt trotz einer lauten Minderheit an Ewiggestrigen eher als Bereicherung empfindet statt als Bedrohung.

Nach der schwedischen Polizei sollen bald auch bei der Feuerwehr und beim Militär Frauen religiöse Kopfbedeckungen tragen dürfen: Iman Aldebe, jene schwedische Designerin, die für die Polizei die Hijabs entworfen hat und deren modernisierte Varianten traditioneller religiöser Kopfbedeckung mittlerweile zur Berufskleidung schwedisch-muslimischer Krankenhausmitarbeiterinnen und Rettungskräfte gehören, sagte in einem Interview zu der Motivation der Frauen, im Berufsleben Hijab tragen zu wollen: „Für diese Frauen ist es nur ein Kleidungsstück. Du ziehst es zwar aus religiösen an, aber es ist nicht so, als würde man herumlaufen und predigen. Du willst nur wie jede andere Frau sein.“

2015 wurden Aldebes Kreationen sogar in den Herbstkatalog von H&M aufgenommen. Inklusiver kann man gelebten Islam nicht behandeln.

Deutschland, ein Armutszeugnis

Bei all diesen progressiven bereits vollzogenen Entwicklungen in unseren westlichen Partnerländern: wo bleibt Deutschland da? Auf der Strecke, wie immer. Die Berliner Republik ist ein nicht erwachsenwerdenwollender renitenter Peter Pan auf einem verrosteten und quietschenden deutschen Diskurskarussell, das sich nicht nur dauernd im Kreis dreht, sondern dabei auch noch selbstverliebt um die eigene Achse, so dass einem eigentlich schlecht werden sollte: Der Islam gehört nicht zu Deutschland, Leitkultur, Kopftuchverbote, Integration statt Inklusion (um in den Genuss des letzteren zu kommen, müssen Migranten in Deutschland schon behindert sein), Deutschzwang statt Mehrsprachigkeit.

Und obwohl unser Bundesverfassungsgericht ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrkräfte in öffentlichen Schulen für verfassungswidrig erklärt hat und das Berliner Landesarbeitsgericht jüngst urteilte, das hiesige „Neutralitätsgesetz“ stünde im Widerspruch zur Ansicht der Karlsruher Richter, wird bis heute muslimischen Frauen der Weg in den Lehr- oder Polizeidienst erschwert bis versperrt, und weigert sich die Politik immer noch (wie so oft), der höchsten richterlichen Instanz in diesem Land Folge zu leisten.

Wollen wir mal sehen, wie lange Deutschland seinen rückwärtsgewandten Sonderweg in eine Zeit, die zum Glück nicht mehr ist, noch beschreiten kann.

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8 Kommentare
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  1. karakal sagt:

    In den jordanischen Streitkräften gibt es auch Frauen, und die tragen überwiegend ein einheitlich weißes Kopftuch unter ihrer Dienstmütze. Selbst für ein Land mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung und Islam als Staatsreligion scheint das nicht selbstverständlich zu sein. Noch in den 60er Jahren trugen sehr wenige Jordanierinnen Kopftuch, und die erste Kopftuch tragende Studentin versuchte man (vergeblich) von der Universität zu verbannen.
    In Videoaufnahmen von Veranstaltungen mit den Kopftuch tragenden weiblichen Mitgliedern der Streitkräfte fallen hin und wieder ein, zwei oder mehr auf, die kein Kopftuch tragen, was darauf hinweist, daß das Kopftuch nicht unbedingt zur Uniform gehört und kein Kopftuchzwang besteht. Ob es sich bei diesen ein oder zwei nicht Kopftuch tragenden Soldatinnen um Muslimas handelt, die kein Kopftuch tragen wollen, oder um Christinnen – das ist nicht erkennbar.
    Als in der BRD in den meisten Bundesländern das Kopftuchverbot für Lehrerinnen noch nicht gelockert war, wurde einer muslimischen Lehrerin in NRW von einem Gericht das Tragen selbst einer neutralen Baskenmütze untersagt. Das zeigt, daß es diesen Leuten in Wirklichkeit nicht um die Wahrung staatlicher Neutralität geht, sondern darum, die Muslime zu schikanieren und zu demütigen.

  2. posteo sagt:

    Sie schreiben: „Die Dämonisierung des Kopftuchs ist in ihrem Rassismus geradezu pathologisch. “
    Die Fixierung auf einen textilen Fetisch ist es allerdings ebenso.

  3. President Obama sagt:

    Eigentlich ein interessanter Artikel. Ich kann dem viel abgewinnen. Schade das hier Deutschland beschimpft wird, weiße Hautfarbe eine negativtönung bekommt und aus jeder Silbe purer Hass strömt.

    Das disqualifiziert. Wer sich mit Verachtung gegen Verachtung einsetzt wirkt nicht mehr glaubwürdig. Daher die herzliche Einladung an den Autor konstruktiv an den Missständen zu arbeiten, aber auch das Signal: Hass hilft nicht.

  4. FrankUnderwood sagt:

    Ich finde es fahrlässig und unverschämt, dass der Autor von „Berufsverboten“ spricht. Juristisch korrekt ist, dass kopftuchtragende Muslimas in Deutschland keinem einzigen Berufsverbot unterliegen, weil das gegen den Grundsatz der Allgemeinen Gleichbehandlung verstoßen würde. Jedoch kann das Bekenntnis zu Religion oder politischer Einstellung am Arbeitsplatz durch Neutralitätsgebote eingeschränkt werden.

    Übrigens sollte man nicht vergessen, dass der Autor mit seinem Text der Ungleichbehandlung von Frauen weiteren Vorschub leistet. Hier wird der Versuch unternommen, durch den Blick auf andere Staaten, Unfug mit Unfug zu rechtfertigen.

    Es ist kein Widerspruch deutsch und Muslim zu sein. Es ist jedoch ein Widerspruch sich als aufgeklärt und emanzipiert zu bezeichnen und gleichzeitig ein absolut frauenfeindliches Stück Stoff zu rechtfertigen. Das Kopftuch ist eine frauenfeindliche Modeerscheinung und dieser vermeintliche Trend wird auch wieder zurückgehen.

  5. Joe sagt:

    Lieber Herr Al-Farooq, wenn diese bösen, bösen weißen Deutschen in den letzten 37 Jahren dafür gesorgt haben, dass Deutschland sich für Sie nicht als Heimat anfühlt, Sie gar von einem „rassistischen Entwicklungsland“ schreiben, dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das vielleicht, eventuell, möglicherweise ein bisschen an Ihnen selbst liegt? Wer IMMER nur die Opfer- bzw. Rassismuskarte spielt, der darf sich auch nicht wundern, wenn das Gegenüber irgendwann etwas, nun ja, genervt reagiert. „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus!“

    Sie können mir jetzt gerne Rassismus unterstellen, aber ich möchte jedenfalls keine deutsche Polizisten mit Hijab sehen. Genausowenig einen Polizisten mit Kippa oder Kruzifix um den Hals und über der Uniform. Genausowenig wie ich Polizisten mit sichtbaren Tätowierungen sehen möchte.

    Beamte in Uniform erfüllen hoheitliche Aufgaben und verkörpern im Dienst diesen Staat, unser Gemeinwesen. Und weil wir eben alle diesen Staat ausmachen, haben dahinter alle Zurschaustellungen des religiösen Bekenntnisses, zeitgeistiger Modetorheiten etc. zurückzutreten. It’s as simple as that.

  6. Timo Al-Farooq sagt:

    Lieber Herr „Joe“,

    Ihre Reaktion ist typisch für weiße Deutsche (ich geh jetzt mal davon aus, dass sie weiß sind, denn kaum ein Nichtweißer/Deutscher mit Migrationshintergrund würde so dünnhäutig und „genervt“ reagieren, wenn man den Rassismus einer weißen Mehrheitsgesellschaft anprangert). Falls es Sie interessiert: Ihre Abwehreaktion nennt sich „Gaslighting“, und dazu gab es hier bei MiGAZIN einen äußerst gelungenen Artikel (viel gelungener als meinen), von Frau Lesya Skintey, den ich Ihnen wärmstens ans Herz lege: http://www.migazin.de/2018/08/20/metwo-warum-schilderung-erfahrungen-ablehnung/

    Auch Sie dürften mir zustimmen, dass man bei einer Sache nicht mitreden sollte, die man nicht am eigenen Leib erfahren hat. Ich für meinen Teil würde niemals einer Frau etwa ihre Sexismuserfahrungen absprechen und diese mit „Opfer-und Sexismuskarte“ relativeren und lächerlich machen wollen, wie Sie und viele Ihrer weißen Mitbürger es bei Menschen mit Migrationshintergrund mit der „Opfer-und Rassismuskarte“ tun.

    Und seit der „Özil-Sache“ (bei der nicht er das Problem war, sondern eher die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft, zu denen auch Sie sich zählen dürften) wurde ja besonders deutlich, dass ich nicht der einzige Deutsche mit Migrationsbiographie hier bin, für den sich das Land des zweimaligen Völkermörders nicht wie „Heimat“ anfühlt (wenn wir schon beim Kartenspielen sind, dann darf dieses weltmeisterliche Ass natürlich nicht fehlen oder? Ich gehe jetzt mal davon aus, dass Ihnen der deutsche Völkermord an den Herero und Nama vertraut ist. Hui, zwei Völkermorde binnen ca. 40 Jahren: eine ganz schön beeindruckende Quote, würden Sie nicht sagen?)

    Das fehlende „Heimatgefühl“ ist also nicht zwangsläufig „unsere“ Schuld“ sondern eher die jahrzehntelanger deutscher Politik, die in Sachen Chancengleichheit stets a) gesagt und b) gemacht hat (bis heute), und einer weißen Mehrheitsgesellschaft, die sich in Zeiten einer durchglobalisierten Welt immer noch wie ein aufmüpfiges, bockiges Kind gegen die zum Glück veränderten Realitäten in „ihrem“ Land wehrt.

    Wolfgang Schäuble hat es mal sehr weise zusammengefasst: „Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.“

    Ich muß sie nicht einen Rassisten nennen, das tut schon die Rassismusforschung. Falls Sie des Englischen mächtig genug sind, empfehle ich Ihnen auf dem Weg zu Ihrer bitter nötigen Selbsterkenntnis „Racism – A Beginners Guide“ von Alana Lentin: einer Weißen, die anders als Sie und viele Andere sehr reflektiert und selbstkritisch mit ihrem White Privilege umgeht: das Buch wird sie von Ihrer Täter-Opferverkehrungs-Mentalität heilen!

    Was den letzten Abschnitt Ihres Kommentars angeht: wenn Sie in Rassismusfragen auch so bedacht argumentieren würden, dann könnte ich mir diesen Kampf gegen viel zu viele unverbesserliche weiße deutsche Windmühlen sparen. „It’s as simple as that.“

  7. Omar F. sagt:

    @Tima Al-Farooq
    Sie dürfen und müssen hier niemanden Rassist nennen. Wenn es hart auf hart kommt und einer Sie deswegen vor Gericht bringt, dann können sie so viel Migazinartikel zitieren wie sie wollen, auf Völkermorde hinweisen oder auf ihre traurige Kindheit verweisen, das interessiert keinen Richter (wahrscheinlich weil er lt. ihrer Meinung auch weisser Rassist ist). Er wird ihre unbegründete und frechen Einlassung Joe ggü. als Beleidigung ansehen.

    Ihre Texte sollen reisserisch sein und ein paar Loser unter muslimischen Migranten einen Sündenbock liefern, das dürfen Sie ruhig zugeben.
    Zu glauben sich aus allen Ländern der Welt das beste aussuchen zu können und in Deutschland vereinen zu können ist einfach nur kindisch. Als ob ein kanadischer Muslim nicht auch Vorteile von deutschen Muslimen aufzählen könnte…

    Wenn Sie für die Rechte von Minderheiten kämpfen wollen dann nehmen sie sich Martin Luther King als Beispiel, der hat nicht einfach nur vulgär um sich herumgeschimpft, sondern hat was erreicht weil er tiefgründige und intelligente Gedanken hatte. Sie scheinen eher einen Boxsack für ihre Frustrationen zu brauchen…

    Eins müssen Sie akzeptieren: Sie entscheiden nicht ob und wie mit Hijabs oder Kopftücher in Deutschland umgegangen wird. Wenn diese Kleidungsstücke nicht akzeptiert werden dann ist das nicht rassistisch, sondern religionskritisch oder islamkritisch. Es wird schließlich nicht Türken oder Afrikanern verboten irgendwo zu arbeiten, sondern lediglich einem religiösen Kleidungsstück.

  8. FrankUnderwood sagt:

    Ich frage mich warum der Autor so schnell vom eigentlichen Thema abkommt. Geht es ihm um die eigentlich beschriebene Sache (siehe Artikel) oder hat er eine Gelegenheit zu einer Art Generalabrechnung gesucht und gefunden?

    Welchen Sinn es machen soll sich hier gegenseitig die Vergehen des eigenen Volkes vorzurechnen, erschließt sich mir leider auch nicht. Mir wäre jedenfalls keine einzige (!) Weltreligion bekannt, die sich >>allein<< durch die Kraft des Wortes und der Liebe zu anderen Mitmenschen erfolgreich verbreitet hat. Das Gleiche gilt auch für Nationalstaaten und deren Vorgänger.

    Herr Al-Farooq mag vielleicht Recht haben, indem er gewisse Punkte von Joe korrekt als das benennt was sie sind. Den Rassismusbeleg bleibt er trotz Buchempfehlung schuldig. Wenn man sich auf eine Quelle bezieht, kann man sich auch die Arbeit machen und die Textstelle wiedergeben. Unterm Strich bleibt der Eindruck, dass hier jemand ebenfalls sehr dünnhäutig bzw. kindisch reagiert hat. Aber vielleicht liegt das auch an anderen Kommentaren (der Artikel erschien wohl ebenfalls auf der Seite von "der Freitag") und wenn die Kommentarfunktion unter einem Artikel deaktiviert wird, ist das für mich ein eher schlechtes Zeichen.



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