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Das umstrittene "Cis"

Kirchengemeinde entwidmet Nazi-Glocke

Ein Hakenkreuz auf einer Kirchenglocke entzweite das Dorf Schweringen in Niedersachsen so sehr, dass einige Bewohner heimlich den Winkelschleifer ansetzten. Jetzt wurde die beschädigte Glocke entwidmet. Ein Künstler soll sie umgestalten. Von Michael Grau

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Ein Kirchenturm (Symbolfoto) © H. Füller @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Das Mikrofon rauscht und knistert noch etwas, doch dann ist die Stimme von oben deutlich zu hören. „Diese Glocke ist mit diesem Gottesdienst außer Dienst gestellt“, schallt es über die Lautsprecheranlage vom Turm herab ins Kircheninnere. „Sie wird in der Form und Gestaltung, in der sie hier vor uns hängt, nie wieder erklingen“, erklärt Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident des evangelischen Landeskirchenamtes in Hannover. De Vries ist mit vier Mitgliedern des Kapellenvorstandes hinauf zur Glockenstube der Kreuzkirche von Schweringen bei Nienburg gestiegen. Gemeinsam entwidmen sie hier oben die umstrittene „Vaterlandsglocke“, die es zu einiger Bekanntheit brachte, weil sie ursprünglich ein Hakenkreuz und eine NS-Inschrift trug. Und weil einige Schweringer heimlich zur Tat schritten und das Nazi-Symbol mit einem Winkelschleifer wegfrästen.

Rund 70 Frauen und Männer sind am Abend des Buß- und Bettags in die Kirche gekommen, um den vorläufigen Schlusspunkt des Schweringer Glockenstreits zu besiegeln und zugleich ein neues Kapitel in der Geschichte der Glocke aufzuschlagen. Um des Friedens willen sind so gut wie alle einverstanden mit dem Kompromiss, den die Kirchenleitung in Hannover mit der Ortsgemeinde ausgehandelt hat: Die rund 1.800 Kilogramm schwere Bronzeglocke mit dem tiefen „Cis“ soll durch neue Symbole oder eine neue Inschrift künstlerisch umgestaltet werden. Dafür soll es einen Wettbewerb geben.

Ein erbarmungsloses Zeichen

Und doch hätten sich manche eine eindeutigere Lösung gewünscht. Die Floristin Ursula Cramer etwa hätte es lieber gesehen, wenn die Glocke gegen eine neue ausgetauscht worden wäre, wie es die Landeskirche angeboten hatte. „Man kann nicht von Erbarmen singen, wenn oben ein erbarmungsloses Zeichen hängt“, sagt sie. Und auch ihr Mann Tomas, Beamter und Krimi-Autor, ist der Meinung, dass die Glocke aus Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus besser abgehängt worden wäre.

Auf der anderen Seite wollen viele alteingesessenen Schweringer den vertrauten Klang ihrer Glocke unbedingt behalten. „Ich bin Ur-Schweringerin und kenne die Kirche ohne diese Glocke nicht“, sagt die 61-jährige Christiane Noltemeier, Erzieherin und Vorsitzende des Kapellenvorstandes. Und ihr Stellvertreter Heinrich Eickhoff (50), hauptberuflich im Straßenbauamt tätig, mahnt den Respekt vor den älteren Generationen an, die ihre Kirche um 1920 in Eigenleistung errichtet und die Glocke durch ihre Spenden bezahlt hätten.

NS-Inschrift wegschliffen

Über ein Jahr lang prallten die Meinungen schroff aufeinander. Beschlüsse wurden gefasst und wieder verworfen. Die Situation war so angespannt, dass Unbekannte kurz vor Ostern unbemerkt auf den Turm kletterten und das 35 mal 35 Zentimeter große Hakenkreuz und Teile der NS-Inschrift wegschliffen. „Aus Not und aus Nacht ist Deutschland erwacht“, stand dort zu lesen. „Dies Kreuz gab Gelingen, Half Zweitracht bezwingen. Dank sei dir Gott.“

Pastor Friedrich Teipel war 1934 die treibende Kraft hinter der Glocke. Ein engagierter Seelsorger, der sich um die Armen und Waisen kümmerte, was bis heute in dem 800-Einwohner-Dorf nicht vergessen ist. Doch Teipel war auch überzeugter Nazi, Anhänger der SS und der Bewegung „Deutsche Christen“. Seine Briefe pflegte er mit „Heil Hitler!“ zu unterzeichnen. Am 16. Juli 1934 weihte er die Glocke ein, im Gedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs. Mehr als 83 Jahre tat sie unauffällig ihren Dienst. Bis die hannoversche Landeskirche 2017 nachforschte, wo noch Glocken mit NS-Symbolen hingen.

Vereinbarkeit der Glocke mit dem Glauben

Arend de Vries lässt keinen Zweifel daran, dass auch er die „Vaterlandsglocke“ lieber durch eine neue ersetzt hätte – so wie in Faßberg bei Celle. „Es ist mit unserem christlichen Glauben nicht vereinbar, dass eine Glocke mit NS-Zeichen zu Gottesdienst und Gebet ruft“, sagt er. Doch die Glocke ist Eigentum der Ortsgemeinde.

Wie die künstlerische Umgestaltung aussehen soll, ist noch unklar. Doch de Vries formuliert Bedingungen: „Ein solches Kunstwerk muss sichtbar sein.“ Für Besucher müsse es ein künstlerisches Zeichen an der Kirche geben, das auf die überarbeitete Glocke hoch oben im Turm hinweist. Und eine offen zugängliche Dokumentation über die Geschichte der dann neu eingeweihten Glocke sei ebenfalls nötig. Dies könne eine Mahnung sein, hofft der Vizepräsident, „dass Menschen wachsam sein und Widerstand leisten müssen, wenn Ideologien oder politische Parteien versuchen, Menschen auszugrenzen“. (epd/mig)

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