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Muslime auf dem ostdeutschen Land

Muslime leben oft in Ballungsgebieten. Mit Geflüchteten sind aber auch in vielen kleineren Kommunen Muslime angekommen. Der Politikwissenschaftler Timon Perabo hat 13 solcher Kommunen untersucht. Im Gespräch schildert er seine Beobachtungen.

Timon Perabo, Politikwissenschaftler, Muslime, Studie, Ostdeutschland
Timon Perabo © Privat, bearb. MiG

DATUM16. November 2018

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RESSORTAktuell, Interview

QUELLE Dieses Interview ist zuerst auf fes.de erschienen.

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Als erstes eine Zahlenfrage: Wie viele Menschen islamischen Glaubens leben in den drei Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und wie sind muslimische Gemeinden in Ostdeutschland eigentlich organisiert?

Timon Perabo: Offizielle Zahlen darüber, wie viele Musliminnen und Muslime in den drei Bundesländern leben, gibt es nicht. Das liegt daran, dass sich die Religionszugehörigkeit nur schwer erheben lässt. Bei der Erhebung von Bevölkerungsdaten wie dem Zensus gibt es eine hohe Zahl von Teilnehmenden, die die freiwillige Frage nach dem religiösen Bekenntnis nicht beantworten. Schätzungen, die sich auf die Anzahl von Menschen mit Herkunft aus muslimisch geprägten Ländern beziehen, sind ebenfalls sehr ungenau. Zwar wird mitunter von 50.000 Menschen islamischen Glaubens in Sachsen und jeweils 20.000 in Sachsen-Anhalt und Thüringen gesprochen, aber das ist nicht präzise und könnte deutlich von den tatsächlichen Zahlen abweichen.

Und selbst wenn man genauere Zahlen hätte, würden diese noch sehr wenig aussagen. Denn neben den starken sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Unterschieden, die zwischen Musliminnen und Muslimen bestehen, sind sie auch in ihren religiösen Ansichten sehr divers – oder sie sind schlicht gar nicht gläubig.

Die muslimischen Gemeinden in den drei Bundesländern sind dementsprechend ebenfalls sehr vielfältig. In den großen Städten gibt es Gemeinden, die den muslimischen Dachverbänden in Deutschland angehören, wie dem Zentralrat der Muslime, der DITIB oder der Ahmadiyya Muslim Jamaat. Ganz anders sieht es in den ländlichen Räumen aus. Dort haben sich oft erst in den letzten Jahren muslimische Gemeinden gegründet oder sind noch dabei. Vor dem Zuzug von Geflüchteten war die Anzahl der vor Ort lebenden Musliminnen und Muslime so gering, dass sich die Frage nach eigenen Gemeinden nicht stellte. Die Gemeinden sind oft zu Beginn ein loser Zusammenschluss von gläubigen Musliminnen und Muslimen. Sie sind sehr stark lokal verankert und suchen den Kontakt zur kommunalen Verwaltung und der Zivilgesellschaft und deren Unterstützung.

Was sind denn die wichtigsten Fragen, die in den Kommunen auftreten und für die man vor Ort Lösungen suchen muss?

Timon Perabo: Zwei Fragen stehen im Vordergrund. Erstens geht es für die muslimischen Gemeinden darum, sich eine organisatorische und juristische Form zu geben. Hier ist die Gründung eines Vereins der übliche Weg, der aber mit dem dafür notwendigen rechtlichen und bürokratischen Aufwand einhergeht und entsprechende Kompetenzen erfordert.

Zweitens wünschen sich gläubige Musliminnen und Muslime an ihrem Ort einen Raum für Gebet und soziale Aktivitäten wie Angebote für Kinder, gemeinsames Fußballschauen oder die Beratung von Geflüchteten, die sich in der Kommune noch nicht ausreichend zurechtfinden.

Welche Empfehlungen geben Sie Kommunen und muslimischen Gemeinden auf Grundlage Ihrer Untersuchung?

Die Studie Musliminnen und Muslime in ländlichen Räumen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Wie kann Verwaltung neue Aufgaben gut meistern? von Timon Perabo ist am 7.11.2018 erschienen. Sie basiert auf den Ergebnissen des Projekts „Muslime in ländlichen Räumen. Wie kann Verwaltung neue Aufgaben gut meistern?“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Robert Bosch Stiftung.

Timon Perabo: Kommunalen Verwaltungen kommt eine große Bedeutung in Bezug auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu. Einerseits ist dafür eine vertrauensvolle Partnerschaft mit muslimischen Gemeinden wichtig. So können Fragen und Belange zur Religionsausübung im Sinne der verfassungsrechtlich garantierten Religionsfreiheit bearbeitet werden. Und es entsteht in der muslimischen Gemeinde das Gefühl, gleichberechtigter Teil der lokalen Gemeinschaft zu sein. Andererseits ist eine gute Kommunikation mit der gesamten Bevölkerung wichtig, wenn es etwa um Themen wie die Einrichtung neuer Gebetsräume oder muslimischer Gräberfelder geht.

Die muslimischen Gemeinden stärkt es, wenn sie darüber hinaus den Austausch mit anderen Akteuren in der Zivilgesellschaft suchen. So können sie selber zu einem Akteur des lokalen Gemeinwesens werden und verschiedene Perspektiven aus der Kommune kennen lernen.

Wie beeinflussen Diskussionen über islamistischen Extremismus, die deutsche Asylpolitik oder Islamfeindlichkeit die Situation einerseits von Muslimen, andererseits von Verwaltungsmitarbeiter in den untersuchten Kommunen?

Timon Perabo: Die Ablehnung der Zuwanderung von Geflüchteten im Allgemeinen und von Musliminnen und Muslimen im Speziellen von einem Teil der Bevölkerung bekommen Musliminnen und Muslime vor Ort sehr konkret zu spüren. Sie werden verbal und tätlich angegangen und auf Grund ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert. Das geht sogar so weit, dass Ärzte sich weigerten, sie zu behandeln. Gleichzeitig ist das Thema islamisch begründeter Extremismus zwar in der Öffentlichkeit sehr präsent. In der Praxis der Kommunen ist es aber allenfalls ein marginales Problem, da entsprechende Verdachtsfälle sehr selten auftreten und bei Überprüfung zumindest unklar blieben oder sich auflösten.

In diesem Umfeld, in dem oft unter hohem öffentlichen Druck über islambezogene Themen gesprochen wird, muss die kommunale Verwaltung einen großen Spagat leisten. Einerseits ist es ihre Aufgabe, Religionsfreiheit und -ausübung zu gewähren, andererseits muss sie den teilweise vorhandenen antimuslimischen Ressentiments der nichtmuslimischen Bevölkerung standhalten. Dies gelingt vor allem dort, wo sie selber eine klare Haltung entwickelt hat, ausreichend über die lokale muslimische Gemeinde informiert ist und gut begründet und transparent handelt.

Können Sie uns ein Beispiel geben, wie gute Kooperationsstrukturen aussehen, damit anstehende Fragen in Bezug auf muslimisches Leben beantwortet werden können?

Timon Perabo: Es gibt nicht das eine Beispiel für eine gute Kooperation, sondern viele gute Ansätze. Der Landkreis Wittenberg hat einen strukturierten Dialog mit der muslimischen Gemeinde geschaffen. In der Stadt Görlitz steht der lokalen muslimischen Gemeinde ein überreligiöser Unterstützerkreis aus der Zivilgesellschaft mit Rat und Tat zu Seite. Die Stadt Bautzen und den Burgenlandkreis zeichnet aus, dass sich der Oberbürgermeister bzw. der Landrat öffentlich zum Grundrecht auf Religionsfreiheit bekennen und entsprechend handeln, was wiederum Auswirkungen auf das Verwaltungshandeln vor Ort hat.

Insgesamt ist zu beobachten, dass man sich in vielen Kommunen nicht davon abschrecken lässt, dass man in diesem Themenfeld noch nicht so viel Erfahrung hat. Vielmehr sieht man die Chance in diesen Regionen, etwas Neues zu schaffen und dabei Fehler zu vermeiden, die woanders gemacht wurden.

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