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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Flüchtlinge

Spielen gegen Langeweile – „Was soll ich sonst machen?“

Das lange Asylverfahren wird für viele Flüchtlinge zur wahren Geduldsprobe. Für nicht Wenige gibt es nur einen Ausweg aus dem Teufelskreis zwischen Arbeitslosigkeit, Langeweile und Perspektivlosigkeit: das Spielen im Internet.

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Handy © Sascha Kohlmann @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

„Was soll ich sonst machen?“, fragt Ilyas und versinkt wieder in den Tiefen des Internets. Er ist vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen. Sein Weg führte über die gefährliche Mittelmeerroute zunächst nach Italien und schließlich nach Deutschland. Sein Asylverfahren läuft schon seit einer „gefühlten Ewigkeit“, sagt er.

In Syrien hatte der 22-Jährige Maschinenbau studiert. Er war ein guter Schüler und wollte etwas erreichen im Leben. Dann kam der Krieg. Er musst fliehen oder sich den Streitkräften anschließen. Er entschied sich für die Flucht. „Ich dachte, ich kann in Deutschland weiterstudieren“, sagt er heute enttäuscht.

Auf der Flucht musste Ilyas Menschen sterben sehen, Familien wurden getrennt, Frauen misshandelt. „Ich kriege diese Bilder nicht mehr aus meinen Augen. Ich träume fast jede Nacht davon“, erzählt er. Schwierig war auch die erste Zeit in Deutschland. Nach seinem Asylantrag wurde er in eine Sammelunterkunft gebracht. Dort schloss er Freundschaften mit anderen Flüchtlingen. Die Bekanntschaften waren aber immer kurzlebig. „Entweder müssen die Leute weiterfliehen oder sie werden zurückgebracht oder in eine andere Unterkunft gebracht“, fasst Ilyas die unbefriedigende Situation zusammen.

Handy, der längste Freund

Der einzige Freund, den er seit seiner Flucht immer dabeihat, ist sein Handy. Damit hält er noch Kontakt zu seiner Familie in der Heimat und chattet mit seinen Freunden. Am meisten schlägt er mit dem Handy aber die Zeit tot. Die Langeweile, der Alltagstrott in der Sammelunterkunft, die Perspektivlosigkeit, die Angst, abgeschoben zu werden. „Spielen ist die einzige Möglichkeit, diesen Gedanken und Ängsten zu entfliehen“, sagt Ilyas.

Tatsächlich ist der Zeitvertreib im Internet unter Flüchtlingen weit verbreitet. Doch auch dort kostet der Zeitvertreib oft Geld. Es gibt zwar viele Spiele für das Hand, die kostenlos heruntergeladen und gespielt werden können, doch sind sie in der Regel so konzipiert, dass man nach einer gewissen Spieldauer Geld einsetzen muss, um die Motivation und den Spaßfaktor aufrecht zu erhalten.

Häufiger Ausgangspunkt: Arbeitslosigkeit

„Ich kenne viele, die ihr gesamtes Taschengeld im Internet verspielt haben. Einige sogar mehrmals. Hätten sie mehr Geld gehabt, hätten sie noch mehr verspielt“, weiß Ilyas zu berichten. Tatsächlich ist die Situation, in der sich viele junge Flüchtlinge befinden, besonders typisch für klassische Spielsuchtfälle. Ausgangspunkt ist in der Regel Arbeitslosigkeit, die weitere entscheidende Faktoren mit sich bringt:

  • Wer keine Arbeit hat, weiß oft nicht, was er mit der Zeit anfangen soll. Um diese Langeweile zu überwinden spielen viele Menschen.
  • Mittellos sind in der Regel ebenfalls arbeitslose Menschen, die sich durch das Spielen Hoffnung auf das schnelle Geld machen.
  • Perspektivlosigkeit geht ebenfalls häufig mit Arbeitslosigkeit einher, da man weder sparen kann noch sich materielle Ziele setzen kann.

„Ich habe mich im Griff“

Das lange Asylverfahren in Deutschland geht in Deutschland einher mit einer ebenso langen Wartezeit. Asylbewerber dürfen während des gesamten Verfahrens nicht arbeiten. Die Arbeitslosigkeit schlägt sich um in die typischen Spielsucht-Faktoren: Langeweile, Mittellosigkeit und Perspektivlosigkeit.

„Ich spiele am liebsten in diesem Online Casino“, sagt Ilyas und zeigt auf sein Handy. Auch er hat schon viel Geld verloren. „Ich habe mich aber im Griff“, sagt er stolz. Seine Strategie: „Ich habe mir jeden Monat ein festes Budget gesetzt, mit dem ich zocke. Ist das Geld weg, setze ich keins mehr“, so Ilyas. Es gebe noch viele andere Spiele im Internet, die man auch ohne Geldeinsatz spielen könne. „Manchmal gewinne ich ja auch eine Kleinigkeit, insgesamt bin ich aber bestimmt in der Miese“, erklärt er mit Blick auf sein Handy. Von vielen seiner Freunde wisse er, dass es auch viele unseriöse Spiele-Angebote im Internet gibt. „Da muss man vorsichtig sein“, warnt er.

Studien zeigen: Migranten häufiger betroffen

Ob er sich den Gefahren bewusst sei, beantwortet er mit einem „Ja“, kann den Blick aber kaum mehr von seinem Bildschirm nehmen. Zu spannend sei es gerade. Er müsse sich konzentrieren auf das Spiel. Man merkt Ilyas an, dass in diesem Moment weder das Asylverfahren eine Rolle spielt, noch die traumatischen Erlebnisse während der Flucht oder die Angst vor der Abschiebung. Er ist gerade in einer ganz anderen Welt versunken.

Fachleute warnen vor genau diesem Phänomen. Studien zeigen, dass Menschen in ähnlichen Situationen, Arbeitslose und Menschen ohne soziale Anbindung, eher anfällig sind für Spielsucht. Bei Migranten liegen diese Faktoren häufiger vor, entsprechend sie sie häufiger betroffen. Ob Ilyas das Spielen im Griff hat, ob er sich an sein selbstgestecktes Budget hält, wird die Zeit zeigen. (dd)

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