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Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Das andere Amerika

Vor zehn Jahren wurde Barack Hussein Obama zum US-Präsidenten gewählt

Er stand für Hoffnung und Wandel – der Wahlsieg von Barack Hussein Obama begeisterte Menschen in der ganzen Welt. Zehn Jahre später sind die USA tief zerrissen. Und mancher Demokrat geht auf Distanz. Von Konrad Ege

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Barack Hussein Obama © gingerbydesign auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Es waren komplett andere Zeiten: Vor zehn Jahren, am 4. November 2008, wählten die US-Amerikaner Barack Hussein Obama zum Präsidenten. 47 Jahre jung, der erste Schwarze im Weißen Haus. Im Grant Park in Obamas Wohnort Chicago jubelten Zehntausende, als die Ergebnisse bekanntwurden. Die Menschen schwenkten Fahnen, umarmten einander, weinten vor Freude. „Yes, we can“, mit diesem Slogan verbreitete er Hoffnung und Aufbruch. „Change“ lautete das Stichwort – Wandel.

Heute, unter Donald Trump, ist vieles von Obamas politischem Erbe am Ende. Auch in der Demokratischen Partei ist sein „Heiligenschein“ verblasst. Nun engagiert sich der Ex-Präsident im vor den Zwischenwahlen vom 6. November: Die Demokraten wollen Trumps Republikanern die Mehrheit im Kongress streitig machen. Dies sei die wichtigste Wahl zu seinen Lebzeiten, sagte Obama.

Hohe Erwartungen

Als er vor zehn Jahren über den Republikaner John McCain (1936 -2018) siegte, waren die Erwartungen vieler Amerikaner hoch. Sie brauchten Hoffnung. Hinter ihnen lagen acht Jahre Präsidentschaft des Republikaners George W. Bush. Der Krieg im Irak wollte nicht zu Ende gehen. In den letzten Wahlkampfwochen herrschte Wirtschaftspanik. Die Investmentbank Lehman Brothers hatte im September Pleite gemacht, andere Banken wackelten, eine Kettenreaktion drohte. Massive staatliche Investitionen waren nötig. Die globale Finanzkrise sollte in den USA Millionen Menschen Jobs, Altersversorgung und überschuldete Eigenheime kosten.

Die Erinnerungen des ersten schwarzen Präsidenten an die Wahlnacht wurden in einem Video der Obama-Stiftung festgehalten: Die Obamas warteten in einem Hotel, auch Schwiegermutter Marian Robinson. Sie sei eine Frau, sagte Barack Hussein Obama, die ihr ganzes Leben hart gearbeitet habe, doch als Afro-Amerikanerin immer auf Hindernisse gestoßen sei. Die Wahl habe „nicht alle Probleme gelöst“, doch hier geschehe etwas, „das sie sich wohl nie hätte vorstellen können: Ihre Tochter wird First Lady der Vereinigten Staaten“.

Das urbane Amerika

Analysen sprachen von einer neuen Wählerkoalition. Für ihn gestimmt hatten junge Menschen, Afro-Amerikaner, andere Minderheiten, viele Frauen – das urbane Amerika, das „andere Amerika“. Barack Hussein und Michelle Obama verkörperten dies auf vielen Ebenen, selbst die Bücher- und Musiklisten des Präsidenten wurden Kult.

Nach seinem Wahlsieg würdigte Obamas Ansprache im Grant Park das Historische, doch der kommende Präsident stimmte die Nation auch auf schwierige Zeiten ein. Er sollte recht behalten.

Parteipolitisches Versagen

Info: Benjamin Rhodes: „The World as It Is„. Englisch. Random House. Juni 2018 Edited by Julian E. Zelizer: The Presidency of Barack Obama. A First Historical Assessment. Englisch. Princeton University Press. 2018

In einem Buch mit dem trockenen Titel „Die Präsidentschaft von Barack Hussein Obama“ haben sich 17 Historiker um eine „erste geschichtliche Wertung“ der acht Jahre Präsidentschaft bemüht: Er hat eine historische Gesundheitsreform durchgesetzt, wirtschaftliche Anreize geschaffen, Vorschriften zum Klimaschutz vorangebracht und das Atomabkommen mit dem Iran geschlossen. Donald Trump hat sich von Anfang an daran gemacht, all dies zurückzudrehen.

Als Negativum kreiden die Historiker Obama an, dass er parteipolitisch versagt und die Demokratische Partei nicht aufgebaut habe. So habe sie die konservative Gegenbewegung nicht kontern können. Auch das ist sein Erbe: Unter Obama verloren die Demokraten die Mehrheit im Kongress, Hunderte Landtagssitze und zahlreiche Gouverneursposten.

Friedensnobelpreis und Kriege

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit, 2009, wurde er mit dem Friedensnobelpreis geehrt, aber am Ende waren die USA in weitere Kriege verwickelt. Obama hat in der US-Gesellschaft auch Raum frei gemacht für die, die sonst am Rand stehen. Die Folk-Sängerin Joan Baez hat diesen prophetischen Obama in den Vordergrund gestellt in ihrem Lied „The President Sang Amazing Grace“, der Präsident habe das Gospellied „Amazing Grace“ gesungen. Der Hinweis galt Obamas bewegendem und heilendem Auftritt beim Gottesdienst für neun schwarze Kirchgänger in South Carolina, die im Juni 2015 von einem rassistischen weißen Mann erschossen wurden.

Ein weiteres Obama-Buch ist in den USA in diesem Sommer auf den Markt gekommen, „The World as It Is“ von seinem Berater Benjamin Rhodes. Dieser schreibt über die Wochen nach der Wahl von Donald Trump im Jahr 2016. Vielleicht, habe Obama damals in einem Gespräch sinniert, vielleicht sei er zehn oder 20 Jahre zu früh Präsident geworden. Was er meinte: Zu viele Weiße seien vielleicht nicht bereit für einen weitreichenden Wandel gewesen.

Manche gehen auf Distanz

Wenn Obama zurzeit vor den Kongresswahlen für die Demokraten Wahlkampf macht, freuen sich viele Kandidaten. Doch manche gehen lieber auf Distanz. Einer ist Beto O’Rourke, junger demokratischer Hoffnungsträger bei den Senatswahlen im konservativen Texas. Er sei Obama zwar dankbar für dessen Dienste, sagte O’Rourke der Zeitung „Texas Tribune“. Doch er müsse seine Wahl in Texas gewinnen.

Der 6. November ist wohl auch ein Referendum über Trump und über Obama: Darüber, ob die Koalition von 2008 noch einmal zusammenkommt. (epd/mig)

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