MiGAZIN

Nebenan

O tempora, o mores!

Was ist ein Menschenleben wert? Was ist ein Journalist wert? Und was ist ein Mensch aus der sogenannten Dritten Welt heute noch wert? Sie wissen vermutlich schon, worauf das hier anspielen soll: Waffenlieferungen. Von Sven Bensman

Was ist ein Menschenleben wert? Seit der offiziellen Abschaffung der Sklaverei sollte sich diese Frage eigentlich verbieten: Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar. Trotzdem wird diese Frage hinter vorgehaltener Hand immer wieder gestellt, jedenfalls implizit: Darf ein deutscher Staatsbürger in einen Panzer gesetzt werden, um in einem fremden Land beim Töten Unschuldiger zu sterben, damit ein paar AGs ein paar Millionen Euro verdienen? Wieviele Somalis dürfen sterben, bis an unseren Handies Blut klebt? Und wieviele Scheine muss sich ein Bankräuber in die Tasche stecken, damit es gerechtfertigt ist, ihn auf der Flucht direkt zu exekutieren?

Diese Frage entscheidet sich, heute genau wie vor 500 oder 2000 Jahren, vor allem an der Hautfarbe – und natürlich am Revenue-Stream. Am Horn von Afrika mussten nur ganz allgemein „unsere Handelswege“ geschützt werden, nachdem wir all unseren Fisch aus dem Golf von Aden entnommen hatten. Im Irak mussten immerhin schon riesige Ölfelder darauf warten, geplündert zu werden. Und für so ein ganz armes Schwein reicht schon die Aussicht auf ein, zwei Schnitzel.

Wie komme ich darauf? Nun, so offen wie dieser Tage wurde die Frage schon lang nicht mehr diskutiert. Und das auch noch an praktisch höchster Stelle: vom angeblich mächtigsten Mann der Welt, dem politischen Stiefelknecht des Großkapitals, US-Päsident Donald J. Trump.

Nachdem, und die Beweise erhärten sich zusehends, die Saudis einen bekannten Journalisten, Jamal Khashoggi, erst töteten und dann zerstückelten, wohl um ein Exempel zu statuieren, war die erste Reaktion von Seiten des US-Präsidenten: „Najoo, die haben gerade Milliarden in neue Unterdrückungsmaschinen investiert, das werden wir doch nicht riskieren, indem wir unangenehme Fragen stellen…“. Und diese Linie wird bisher weiter durchgezogen, so dass ausgerechnet Recep Tayyip Erdoğan nun als Lobbyist des Journalisten dasteht.

Und auch wenn Deutschland, ebenso ein wichtiger Waffenlieferant für Saudi-Arabien, formal bisher  eher die Füße still hielt und erst langsam seine Position ändert, könnte sich CR7, pardon, MBS doch verrechnet haben. Naja, CR7 auch, aber das ist eine andere Geschichte. Denn zumindest aus dem Rest der Welt steigt der Druck auf den Saudi. Trumps Lieblingsprinz, mit dem er schon vor seiner ersten Auslandsreise – bekanntlich ebenso nach Saudi-Arabien – in den USA Kontakt aufbaute, obwohl der zu diesem Zeitpunkt  noch nicht einmal Kronprinz war, geht es derzeit vor allem darum, genug Bauernopfer und Ausflüchte anzubieten, damit sein eigenes Überleben gesichert bleibt.

Was dies für Journalisten heißt, ist natürlich fraglich und wird unter anderem davon abhängen, wie die Sache bin Salman ausgeht: Kommt er davon, werden Journalisten in Zukunft wohl damit rechnen dürfen, nicht mehr ganz so offen hingerichtet zu werden. Mehr aber auch nicht. Und die Erfahrung der letzten Tage zeigt: Echte Freundschaft unter pressefeindlichen Despoten übersteht auch einen handfesten Journalistenmord, gerade, wenn das Schweigen mit Panzern und Apartments zurückgezahlt wird. Dass bin Salman davonkommt, hängt daher von einem einzigen Umstand ab: Wirkt die Pax Americana noch, können die USA ihre eigene Version der Fakten durchsetzen – oder hat Trump die USA soweit isoliert, dass die eurasische Welt gegen die USA die Absetzung der zweiten Wahl aus dem Hause Sa’ud erzwingen kann?

Und wo wir schon dabei sind: Noch düsterer ist die Perspektive freilich für die Menschen der sogenannten Dritten Welt. Schlächter waren immer die besseren Kunden als Zivilisten, und die haben auch noch ein Interesse daran, dass ihre Opfer kein Asyl im Ausland erhalten – Kundenbindung sozusagen. Im Yemen genießt Saudi-Arabien bei seinen Massakern an der Zivilbevölkerung praktisch Narrenfreiheit – denn ein Journalist im US-Exil ist offensichtlich wiederum das hunderttausendfache eines einfachen Yemeniten wert. In Mexiko morden Drogenkartelle mit deutschen Büchsen, ohne den großen Aufschrei, und auch Algerien, 2016 Deutschlands Top-Waffenkäufer, ist nicht gerade als Menschenrechts-Musterknabe bekannt – es braucht halt keine Waffen, wenn man nicht schießen will. Und entgegen aller Beteuerungen exportiert eben auch Deutschland vor allem in Krisengebiete: es schafft sich so die vielbeschworenen Fluchtursachen selbst.

Lassen wir deshalb doch die großen Waffenlieferanten direkt für Flüchtlingsheime, Deutschkurse und weitere Integrationsmaßnahmen zahlen: Pro Panzer eine Unterkunft, eine Mahlzeit je Sturmgewehr, ein Deutschkurs pro Marschflugkörper und für jede Fregatte immer auch ein Schiff für die Seenotrettung. Das wäre mal ein Soli, der den Namen verdient. Oder man verkauft eben keine Waffen mehr in Bürgerkriege. Aber was ist wohl realistischer?