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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Glücksspiel

Suchtgefahr immer noch häufig unterschätzt

Obwohl Spielsucht seit vielen Jahrzehnten bekannt und ausreichend erforscht ist, wird sie gegenüber anderen Lastern immer noch gerne vernachlässigt. Dass bestimmte Gruppen – unter anderem auch Flüchtlinge – anfälliger sind als andere, macht die Lage nicht einfacher.

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Wettbüro © surfvienna.net auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Suchtspirale: Freundlich verpackt, steiles Gefälle

Nur noch ein Spiel – und dann vielleicht noch eins. Und anschließend: noch eins. Schließlich will man das verlorene Geld ja zurückgewinnen und der untrügliche Instinkt sagt, dass dieser Plan so gut wie wasserdicht ist. Und sollte tatsächlich die Gewinnzone erreicht werden, wäre es nicht klug, aufzuhören: Eine Glückssträhne muss man stets ausnutzen.

Wer diese Mechanismen kennt und sie vielleicht sogar schon am eigenen Leib erfahren hat, der ist der Spielsucht wahrscheinlich schon näher gekommen, als es ihm lieb ist. Dennoch passiert es immer wieder und bei einer nüchternen Analyse zeigt sich, dass manche Bevölkerungsgruppen gefährdeter sind als andere. Dem Glücksspiel liegen schließlich zwei Faktoren zugrunde: Zeit und Geld. Der Überschuss an ersterem und der Mangel an letzterem sind dabei eine riskante Kombination.

Diese trifft beinahe mustergültig auf arbeitslose Menschen zu. Dazu gehören auch Flüchtlinge, da die Mehrheit trotz steigender Quote über keine Arbeitserlaubnis verfügt; selbst eine Qualifikation, die in der deutschen Wirtschaft Mehrwert liefern könnte, ändert daran oft nichts.

Auf der anderen Seite sind die Einstiegshürden in die Welt des Glücksspiels niedriger denn je. Allen voran Online Casinos locken zu jeder Tages- und Nachtzeit; die Anmeldung ist eine Angelegenheit von wenigen Minuten, Sprachbarrieren gibt es in den Spielen nicht und mithilfe von Gutscheincodes wird Spielern der Erstversuch noch finanziell versüßt.

Und schon hinter den sogenannten Willkommensboni steckt ein effektives System zur Kundenbindung. Jegliche Gewinne, die mit dem „geschenkten“ Geld erzielt werden, können nämlich nicht direkt ausgezahlt werden. Anstelle dessen dürfen sie nur für weitere Spiele verwendet werden: Auf diese Weise sind Spieler von Anfang an motiviert, am Ball zu bleiben. Da das Pendel auf lange Sicht immer für den Anbieter ausschlägt (Stichwort Bankvorteil), verringern sich die Chancen auf Spielerseite mit jeder Runde, doch der Gedanke, aufzuhören, wird durch die Aussicht auf die Bonus-Auszahlung unterbunden.

Rückläufige Zahlen bestätigen Aufwärtstrend

Der Weg zur Glücksspielsucht ist damit kürzer, als es von außen oft den Anschein hat. Die Zahlen in Deutschland bewegen sich je nach Quelle und Definition im Bereich von 200.000 bis 400.000 Betroffenen und auch wenn dies im Vergleich zu stofflich bedingten Suchtkrankheiten (Alkohol, Nikotin und andere Drogen) noch wenig ist, gibt es dennoch Anlass zur Besorgnis.

Und genau wie bei den Spitzenreitern der Sucht-Kategorie kommt auch hierbei der Aufklärung eine wichtige Rolle zu. Das beginnt damit, dass Glücksspiel gerne als spaßige, gesellige Aktivität dargestellt wird, der überhaupt keine Risiken innewohnen. Spielspaß und dazu attraktive Geldgewinne, die das Leben besser machen: Dieses Image versuchen Glücksspielanbieter zu pflegen und die vergangenen Jahre hat das gut funktioniert. Dass die Spielsucht in Wahrheit einen volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von 3,4 Milliarden Euro jährlich verursacht, bleibt gut hinter den Kulissen versteckt.

Immerhin sind die Zahlen seit 2009 rückläufig. Die gestiegene Verfügbarkeit von Beratungsstellen ist dabei ein zentraler Baustein, da dieses Angebot offensichtlich verstärkt wahrgenommen wird. Gerade an der Schwelle vom „problematischen Verhalten“ zur echten Spielsucht kann die Konsultation ein entscheidendes Stoppschild sein, das genau dann ansetzt, bevor die Spirale an Geschwindigkeit gewinnt und den „point of no return“ überschreitet.

Dennoch sind die positiven Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Die Dunkelziffer gilt nämlich als hoch, da viele Süchtige erst erfasst werden, wenn sie ihr Problem selbst offenbart haben. Speziell bei Flüchtlingen ist das aus logischen Gründen seltener der Fall: Viele Einwanderer wissen gar nichts von der Existenz der Beratungsangebote und falls doch, ist die Sprache eine Hürde, die abschreckend auf viele wirkt. Nimmt man dann noch die Perspektivlosigkeit, die in vielen Situationen zwangsläufig ist, hinzu, ist der Schritt zur nächsten Spielrunde nicht allzu weit entfernt.

Den Zahlen zufolge sind Männer übrigens deutlich häufiger betroffen als Frauen: Sie machen mehr als zwei Drittel aus und bei Gruppen wie Flüchtlingen gilt das ebenfalls. Obwohl der Zuzug in diesem Jahr bereits deutlich nachgelassen hat, wird es künftig noch genug Neuankömmlinge geben, die einen besonderen Beratungsfokus auf diese Bevölkerungsgruppe rechtfertigen. Die Spielsucht schadet schließlich nicht nur dem einzelnen, sondern in der Folge auch der Gesellschaft an sich: Verschuldung, Gesundheitsprobleme und gesellschaftliche Isolation sind in diesem Paket stets enthalten, ganz unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Status und Bildungsgrad. Alleine das sollte Grund genug sein, die Prävention flächendeckend zu verbessern. (dd/ar)

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