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Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Nebenan

Radikalisierung allenthalben

Wenn wir auf Menschen zugehen, die sich konstant in dieselbe Richtung bewegen, dann bedeutet das nur eines: Dass wir in dieselbe Richtung marschieren. Immerhin: Ein paar Menschen haben das verstanden. Die Grünen stehen in den aktuellen Umfragen gut da. Von Sven Bensmann

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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

VONSven Bensmann

Sven Bensmann (geb. 1983 bei Osnabrück) hat Philosophie, mittlere und neuere Geschichte, sowie europäische Ethnologie in Kiel studiert und einige Jahre von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ein politisches Blog betrieben.

DATUM9. Oktober 2018

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RESSORTAktuell, Meinung

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Rechter Terrorismus. Mal wieder. Und die Spurensuche der Terrortruppe Revoluzzjön Gämnitz führt aus dem Osten unter anderem nach Bayern. Mal wieder. Das war ja auch schon beim NSU so. Es ist genau deshalb so unangemessen, nur vom Osten zu reden. Eigentlich grenzt es schon fast an ein Wunder, dass der Verfassungsschutz Rechtsterroristen derzeit nur im Osten findet. Dabei wäre auch Dortmund ja längst mal an der Reihe gewesen – aber wer Nazis nicht sucht, der findet eben auch keine, und in Dortmund sucht niemand; das sind da ja eigentlich auch alles nur harmlose Fußballfans. So harmlos sogar, dass man nicht auf die Idee kommen sollte, sie wegen Beleidigungen und Gewaltandrohungen anzuzeigen – denn in der national spaßbefreiten Zone der Westkurve gelten die Regeln einer grundwerteorientierten Gesellschaft und die Menschenwürde nicht: Der tut gerade so, als wäre er der Einzige, der im Fußballstation beleidigt wird, dafür muss sich ein Verein wie der BVB ebenso wenig schämen, wie die Stadt oder der Rest Deutschlands.

Ich will aber nicht schon wieder über die Fankurven als gemeinsamem Tummelplatz rechtsextremer Hooligans und Gewaltverbrecher und der Mitte der Gesellschaft, für die es OK ist, Schwarze, Frauen oder Schwule allein aufgrund dessen herabzuwürdigen, weil sich das im Stadion so gehört und es natürlich keinerlei Bedeutung für die Welt außerhalb hat, reden. Auch nicht darüber, dass ausgerechnet die einzige an Aktionäre verscheuerte Mannschaft im deutschen Fußball sich über Mäzene im Fußball aufregt. Beide, Rechtsextreme und Fußballfans, basieren in ihrer Verfasstheit schließlich in höchstem Maße auf der Bereitschaft, die Realität aus- und sich selbst in einem Kokon von Spinnereien einzusperren. Das könnte man natürlich auch Bigotterie nennen, aber Fremdworte verstehen die ja nicht.

Reden wir also über die Chem-Nuts und deren zunehmende Selbstradikalisierung, getrieben vom ihnen gewogenen Umfeld einer AfD-Wählerschaft, die lokal und regional bereits Mehrheiten stellt. Das neue Selbstbewusstsein der immer schon vorhandenen Rassisten und Nationalisten, Einstellungen auf die Straße zu tragen und nicht mehr für sich zu behalten, sie sollte uns alle beängstigen – denn mit einem Potenzial von rund 30% bundesweit steht die AfD da, wo die NSDAP auch schon einmal stand. An den 30-50% Mitläufern, die die Klappe halten, egal aus welcher Richtung der Wind gerade weht und die hinterher von nichts gewusst haben wollen, dürfte sich im Übrigen ganz allgemein sehr wenig geändert haben im Vergleich zu damals.

Das Internet bietet zwar allen den Zugang zu unbegrenztem Wissen, es ist aber auch genau das Instrument, das Goebbels sich nicht zu erträumen gewagt hatte: facebook ist die effektivere Goebbelsschnauze. Und wie das so ist mit Verschwörungstheorismus und Sektierertum, blüht der Nazismus mittlerweile eben vor allem im Internet, indem er die, die in seine Fänge kommen, von der Realität isoliert, bis Menschen, die man im ersten Moment für geistig gesund hält, erzählen, dass sie sich nur noch durch von Putin handverlesene und finanzierte Nachrichtenkanäle informieren, weil alle anderen sie ja doch nur anlögen.

Diese pegidistische Parallelgesellschaft ist kaum noch zu erreichen: sie liest Nachrichten, in denen ihr beispielsweise erzählt wird, dass die Rechtsterroristen von Chemnitz gar nicht existiert haben, dass es sich um einen Publicity-Stunt handelt, um bestimmte politische Einstellungen zu diskreditieren und glaubt ihnen – ganz ähnlich wie wir das von den Massakern an US-amerikanischen Schulen kennen, die auch „alle nur von der Regierung durch Schauspieler inszeniert sind, um den Menschen ihre Waffen wegzunehmen“. Sie hört eigene Musik, hat eigene Videokanäle, Blogs, Zeitungen, Magazine und eine facebook-Timeline, die ihr nur diese vorsetzt und sie nur mit Menschen zusammenführt, die genau dasselbe denken, weil sich damit mehr Geld verdienen lässt: Die Radikalisierung ist letztlich nur eine Nebenwirkung dieser Echokammern. Mit der AfD, die Menschen in diese Kreise einführt und facebook, dass die Betroffenen wie ein Strudel immer tiefer in die Szene zieht, sind wir jedenfalls noch längst nicht am Ende einer Entwicklung angekommen, die es so schon einmal gab und aus der zu lernen die AfD den Deutschen, und den Schulkindern im Speziellen, austreiben will.

Es kann nicht funktionieren, wenn die eine Seite sich immer weiter radikalisiert und immer weiter nach rechts rückt, und die andere Seite versucht, „vernünftig“ zu sein, mit der anderen Seite zu reden und auf diese zuzugehen (i.e. „die Sorgen der Menschen ernst nehmen“). Wenn wir auf Menschen zugehen, die sich konstant in dieselbe Richtung bewegen, dann bedeutet das nur eines: Dass wir in dieselbe Richtung marschieren.

Immerhin: Ein paar Menschen haben das verstanden. Die Grünen stehen in den aktuellen Umfragen gut da, weil sie als einzige der Parteien ehrlich für die grundsätzlichen Menschenrechte einstehen – dafür würden die Leute dann auch einen verpflichtenden Veggie-Day akzeptieren. SPD und Linke verschwinden deshalb in der Bedeutungslosigkeit, weil sie das „Ja, aber“ der Rassisten adoptiert haben, die FDP kommt auch nicht vom Fleck, weil sie, wie so oft, in beide Richtungen blinkt. Und die CDU/CSU zerfleischt sich selbst, weil sie nicht weiß, ob sie sich lieber an die AfD oder die Grünen halten soll. Man kann von der Friedenspartei, die als Erste deutsche Soldaten zum Morden ins Ausland schickte, halten, was man will: Man kann ihr in diesen Zeiten nur wünschen, dass sie in den nächsten paar Jahren zu der Volkspartei jenseits der 30% reift, die die SPD einmal war, denn ein Gegenpol zur AfD ist bitter nötig: und niemand anderes wird diese Partei sein. Und das Ende der Volksparteien ist nichts als das Ende der alten Volksparteien.

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