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Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Viele Verletzte in Chemnitz

Erneut Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern

Vor einer Woche sorgte eine Bluttat für den vorzeitigen Abbruch des Stadtfestes. Der Tod eines 35-jährigen Mannes polarisiert seither Chemnitz. Am Wochenende demonstrierten erneut Tausende in der westsächsischen Stadt.

Polizei, Rechtsextremismus, Chmenitz, Gewalt, Ausländerfeindlichkeit
Polizei bereitet sich gegen weitere Ausschreitungen von Rechtsextremisten vor.

Auch eine Woche nach dem Tod eines 35-jährigen Mannes beim Stadtfest kommt Chemnitz nicht zur Ruhe: Demonstrationen und Kundgebungen unterschiedlicher politischer Lager mit insgesamt weit über 10.000 Teilnehmern prägten auch am Wochenende das Stadtbild und sorgten für eine aufgeheizte Stimmung. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort, um neuerliche Ausschreitungen zu verhindern.

Am Rande von drei Demonstrationen unterschiedlicher politischer Lager am Samstag gab es mindestens 18 Verletzte, darunter drei Polizisten und ein Mitarbeiter des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Die Polizei nahm 37 Anzeigen auf. Am Sonntag demonstrierten nach einem Aufruf der Kirchen knapp 1.000 Menschen friedlich gegen Fremdenfeindlichkeit.

Ein 35-jähriger Deutsch-Kubaner war beim Stadtfest mutmaßlich von zwei Asylbewerbern im Streit erstochen worden. Zwei Tatverdächtige, ein 22-jähriger Iraker und ein 23-jähriger Syrer, sitzen in Untersuchungshaft. Der Vorfall löste zum Teil Ausschreitungen gegen Ausländer aus.

Gegendemo „Herz statt Hetze“

In Reaktion darauf fand am Samstagnachmittag in der Chemnitzer Innenstadt mit viel bundespolitischer Prominenz eine Kundgebung unter dem Motto „Herz statt Hetze“ statt. Dazu aufgerufen hatten rund 70 Organisationen. Die Stadtverwaltung gab die Zahl der Teilnehmer im Anschluss mit knapp 4.000 an. Unter den Demonstranten waren SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, der Linken-Fraktionsvorsitzende Dietmar Bartsch und Grünen-Chefin Annalena Baerbock.

Eine neuerliche Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung „Pro Chemnitz“ zog Beobachtern zufolge rund 1.500 Menschen an. Sie löste sich allerdings rasch auf und schloss sich der späteren Demonstration von AfD und „Pegida“ mit laut Stadtverwaltung schätzungsweise 4.500 Teilnehmern an.

Angriffe auf Journalisten

An dem mit mehr als einer Stunde Verspätung gestarteten „Trauermarsch“ von AfD und „Pegida“ nahmen auch die AfD-Landeschefs aus Sachsen (Jörg Urban), Thüringen (Björn Höcke) und Brandenburg (Andreas Kalbitz) teil. Zum Abschluss der Kundgebung stimmten die Teilnehmer die Nationalhymne an. Aus der zum Teil sehr aufgebrachten Menge wurde unter anderem „Widerstand, Widerstand“ gerufen.

Wie der MDR bestätigte, wurde ein Mitarbeiter bei einem Angriff verletzt. Zwei Fernsehreporter hatten demnach an einer Wohnungstür geklingelt und gebeten, vom Balkon aus filmen zu dürfen. Nachdem sie zunächst eingelassen wurden, wurden sie später von einem herbeigestürmten Mann attackiert. Ein Reporter wurde die Treppe hinuntergestoßen, seine Kamera zerstört. Er musste ärztlich behandelt werden. Die Polizei ermittelt. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Sören Bartol meldete einen Angriff auf einige seiner Begleiter.

11.000 Demonstranten allein am Samstag

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Innenminister Roland Wöller (beide CDU) zeigten sich am Sonntag zufrieden über den Polizeieinsatz. Der Staat habe bewiesen, dass er das Gewaltmonopol habe. Insgesamt waren nach Angaben der Chemnitzer Polizei mehr als 2.000 Beamte aus ganz Deutschland im Einsatz, mehr als 11.000 Demonstranten seien allein am Samstag gezählt worden.

Auf Einladung der evangelisch-lutherischen Kirche demonstrierten zudem am Sonntag knapp 1.000 Menschen in der Chemnitzer Innenstadt gegen Gewalt und Fremdenhass. Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Carsten Rentzing, rief dabei zum Dialog auf – auch in schwierigen Zeiten. Es gelte, Anstand und Würde zu bewahren und die Botschaft des Friedens weiterzutragen. Ministerpräsident Kretschmer betonte, die Säulen des Zusammenlebens seien Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Nach der tödlichen Messerattacke von Chemnitz gebe es regelrechte Verschwörungstheorien. Dem und auch dem Vorwurf einer „Lügenpresse“ müsse entgegengetreten werden.

„Wir sind in der Mehrheit, nicht die Rechtsradikalen“

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) rief den knapp 1.000 Kundgebungsteilnehmern zu: „Wir sind in der Mehrheit, nicht die Rechtsradikalen.“ Sie wolle allen die Hand reichen, die Sorgen haben und verzweifelt sind, sagte Ludwig. Der Aufruf der Kirchen zur Demonstration war von zahlreichen Organisationen unterstützt worden, darunter Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, Deutscher Gewerkschaftsbund, Jüdische Gemeinde, Caritas und Flüchtlingsrat.

Am Montag steht Chemnitz die nächste Großveranstaltung ins Haus: Mehrere Bands wollen bei einem großen Gratiskonzert gegen Fremdenfeindlichkeit auftreten. Die Veranstaltung unter dem Motto „Wir sind mehr“ beginnt am späten Nachmittag. Dabei sind unter anderem „Die Toten Hosen“, „Feine Sahne Fischfilet“ und die Chemnitzer Band „Kraftklub“. (epd/mig)

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