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Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Mit dem Telefon Leben retten

Freiwillige nehmen Notrufe von Bootsflüchtlingen entgegen

Mehr als 1.900 Kilometer Luftlinie trennen Frankfurt am Main und die Straße von Gibraltar. Dennoch helfen Ehrenamtliche von Hessen aus täglich, Bootsflüchtlinge im Mittelmeer zu retten. Ihr Werkzeug: Ein Telefon. Von Patricia Averesch

Handy © CC0 Public Domain, pixabay, bearb. MiG
Handy © CC0 Public Domain, pixabay, bearb. MiG

Die Dreiecke sind grün, rot, pink oder blau. Hagen Kopp schaut auf das eingeblendete Kartensystem auf seinem Laptop-Bildschirm, daneben liegt sein Handy. Bei einer Limonade in einem Frankfurter Café zoomt der 58-Jährige auf die „Straße von Gibraltar“, eine Meerenge, die Europa von Afrika trennt. Die Dreiecke im hellen Blau zeigen Kopp, wo in diesem Moment Container-, Kreuzfahrt- und Küstenwache-Schiffe fahren. Was er allerdings nicht sieht, sind die Schlauchboote, in denen Flüchtlinge aus Nordafrika täglich das Meer überqueren. Doch sie könnten bei ihm anrufen.

Fünf Mal im Monat ist Kopp in einer Acht-Stunden-Schicht auf Empfang. Der Lagerarbeiter betreibt mit 150 anderen Freiwilligen – etwa in München, Wien oder im spanischen Cadiz – ein Notfalltelefon für den Mittelmeerraum. Flüchtlinge und Migranten, die auf See verzweifelt auf Hilfe warten, können nach dem ersten SOS an die Küstenwachen bei Kopps „Alarmphone“ einen zweiten Notruf absetzen, wenn keine Rettung kommt. Rund um die Uhr.

Wege haben sich verändert

Die Telefon-Helfer und -Helferinnen protokollieren alle Fälle, informieren die Küstenwachen vor Ort und halten so lange wie möglich Kontakt mit den Menschen in Seenot. „Wir achten darauf, dass die oft überforderten Küstenwachen kein Boot vergessen“, sagt Kopp. Da klingelt sein Handy. Ein Anrufer von einem privaten Rettungsschiff, das in Italien festsitzt. Er berät mit Kopp über einen Notfall, bei dem es auf See zwei Tote vor Libyen gab.

Die Wege der Flüchtlinge nach Europa haben sich seit dem Sommer verändert. Die neue Hauptroute führt von Tanger in Marokko nach Spanien. Das „Alarmphone“ hat von dort an einem einzigen Tag Notrufe von 24 Booten erhalten. Meist steigen die Leute in kleine Plastikboote, „wie wir sie aus dem Badesee kennen“, weiß Kopp. Ohne Motor heißt es stundenlang paddeln ohne Pause.

Position per WhatsApp

Wenn die Männer und Frauen bei leichtem Wind müde werden, schwappen Wellen ins Boot, und es wird schnell gefährlich. Am Telefon hört Kopp dann, wie auf dem Boot Panik ausbricht – die Stimmen werden lauter, Kinder schreien. Schnell fragt Kopp, wo und wann sie gestartet sind – und nach der Position, falls möglich, per WhatsApp.

Seit Herbst 2014 war das „Alarmphone“ in mehr als 2.300 Rettungsaktionen auf dem Mittelmeer involviert. Am schwierigsten ist es für Kopp, wenn die Telefonverbindung zu einem Boot abbricht: „Ich bange dann tagelang mit den Menschen“, sagt er. Obwohl sich die Helfer fortlaufend bei den Küstenwachen nach den Verschollenen erkundigten, würden nicht alle Boote gerettet.

Tot mangels legale Überfahrt

„Manchmal hören wir Tage später, dass die Menschen tot angeschwemmt wurden.“ Kopp und seine Mitstreiter wollen sich mit dieser Situation nicht abfinden. Sie fordern, den Bootsflüchtlingen eine legale und sichere Überfahrt nach Europa zu ermöglichen – zum Beispiel mit den Fähren von Tanger nach Tarifa. Kopp: „Wenn die Menschen so wie wir in die Fähren steigen könnten, wäre das Sterben auf See morgen beendet.“

Doch so lange Europa seine Grenzen weitgehend geschlossen hält, macht das „Alarmphone“ weiter. Die Telefonnummer +33486517161 verbreitet sich über das Internet, und von Mund zu Mund. Die meisten Anrufe kommen aus der Straße von Gibraltar. Seit Jahresbeginn kamen nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 23.000 Flüchtlinge in Spanien an.

Fassungslos über Vorwürfe

Der Weg von Tanger in Marokko nach Spanien ist zur Hauptfluchtroute geworden, seitdem Italien und Malta ihre Häfen schlossen. Wenn das „Alarmphone“ einen Anruf aus internationalem Gewässer erhält, versuchten die Freiwilligen zuerst die spanische Küstenwache zu erreichen, erklärt Kopp. Wenn die Spanier die Flüchtlinge retteten, hätten sie es nach Europa geschafft und dürften einen Asylantrag stellen.

Was entgegnet Kopp Kritikern, die ihm vorwerfen, Schleuser zu unterstützen? „Wir sind eine unmittelbare Reaktion auf das unerträgliche Sterbenlassen im Mittelmeer“, sagt er schnell. Dabei schüttelt er den Kopf, fassungslos darüber, dass sich solche Vorwürfe halten. Schon bevor es das „Alarmphone“ oder private Rettungsschiffe gab, hätten Menschen versucht, mit Hilfe von Schleusern nach Europa zu kommen, erklärt er. „Da gab es schon viele Tausende Tote. Und die Zahlen wären heute noch viel höher, wenn es die privaten Retter nicht gäbe.“ (epd/mig)

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