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So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Wunden noch nicht verheilt

Vergewaltigung in Kriegen oft nicht als Verbrechen anerkannt

Ein Großteil der im Bosnien- und Kosovo-Krieg vergewaltigten Frauen ist auch mehr als 20 Jahre später noch traumatisiert. Neben den körperlichen Verletzungen leiden die Opfer auch unter der fehlenden Anerkennung der Verbrechen. Von Claudia Rometsch

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Nebel im Park (Symbolfoto) © Kasia @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Sofije hatte keine Chance, als eine Gruppe von 30 Soldaten in das Haus ihrer Familie eindrang. „Ich habe mich gewehrt, aber ich konnte nicht entkommen“, erinnert sich die junge Frau. Vier Männer vergewaltigten die damals 14-Jährige während des Kosovo-Kriegs 1999. Immer noch leidet die heute 33-Jährige unter den Folgen. Eine Kopf-Verletzung durch den Schlag mit einem Gewehrkolben macht ihr zu schaffen. Die Ärzte diagnostizierten Epilepsie. Vor Kurzem hatte sie einen Herzinfarkt.

Erst 2013, 15 Jahre nach den Vergewaltigungen, fand Sofije Hilfe. Seitdem lernte sie bei Medica Gjakova, der Partnerorganisation der Kölner Hilfsorganisation medica mondiale im Kosovo, über ihre schrecklichen Erlebnisse zu sprechen. Die Hilfsorganisation unterstützt Sofije auch dabei, eine Kriegsopferrente zu beantragen. „Sie wird meinen Geist nicht heilen und auch nicht meine Psyche“, sagt die junge Frau. Aber immerhin könnte sie davon die dringend benötigten Medikamente bezahlen.

Mangelnde gesellschaftliche Anerkennung

So wie Sofije leidet ein Großteil der in den Kriegen im früheren Jugoslawien vergewaltigten Frauen noch massiv unter den Taten. Das zeigt eine Studie von medica mondiale und der bosnischen Partnerorganisation Medica Zenica. Auch mehr als 20 Jahre später gaben 70 Prozent der Frauen an, dass die Vergewaltigung ihr Leben noch vollständig beeinflusse. Über die Hälfte der 51 Befragten leiden immer noch an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. 60 Prozent nehmen regelmäßig Psychopharmaka. Hinzu kommen körperliche Beschwerden. Allein 93,5 Prozent der Frauen machen gynäkologische Probleme zu schaffen.

Verstärkt werde das Leiden der Frauen oft noch durch die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung, sagt Sabiha Husić, Leiterin der Hilfsorganisation Medica Zenica, die sich seit 1993 um traumatisierte Vergewaltigungsopfer in Bosnien kümmert. Zwar gibt es hier seit 2006 für die Frauen die Möglichkeit, eine Kriegsopfer-Rente von monatlich rund 280 Euro zu beantragen. Allerdings müssten die Frauen dafür zahlreiche bürokratische Hürden nehmen. Und am Ende werde der Antrag häufig abgelehnt.

Noch einmal vergewaltigt

Die Ablehnung aber sei für die Frauen oft wie eine zweite Traumatisierung. „Das bedeutet, dass der Staat mich noch einmal vergewaltigt hat“, habe ihr eine Frau gesagt, berichtet Husić. Die Bosnierin hatte nach anderthalbjährigem Warten einen negativen Bescheid bekommen.

Und selbst die Frauen, die eine staatliche Anerkennung als Kriegsopfer erhalten, und damit Anrecht auf bestimmte Leistungen haben, müssen oft mit Anfeindungen leben. Eine Klientin der Hilfsorganisation beschrieb in einem Interview, wie sie in der Schule das Kriegsopfer-Zertifikat ihrer Tochter vorzeigte und eine Beamtin abfällig kommentierte: „Na und, warum hat sie nicht aufgepasst?“

Mangelnde Anerkennung des Unrechts

Die mangelnde Anerkennung des Unrechts, das ihnen angetan wurde, erschwere vielen Frauen die Heilung, fand die Studie heraus. Viele leiden auch darunter, dass die Täter meist noch völlig unbehelligt frei herumlaufen. So berichtet eine frühere Klientin von Medica Zenica von dem Schock, ihrem Vergewaltiger wieder begegnet zu sein. Sie erkannte ihn eines Tages beim Einkaufen an seinem auffälligen Tattoo.

Die meisten Frauen sind sich auch im Klaren darüber, dass ihre Kinder unter dem Trauma ihrer Mütter leiden. „Ich kann keine Liebe oder Güte ihnen gegenüber zeigen. Alles in mir ist gestorben“, bekennt eine Frau. Eine andere zeigt die gegenteilige Reaktion: „Ich bin überbehütend in Bezug auf meine Kinder. Ich lasse sie keine Zeit mit anderen Menschen verbringen.“

Das Gute im Leben sehen

Viele Frauen berichten allerdings auch über ihre Strategien, mit dem Trauma fertig zu werden. Entscheidend für viele war es, über bei Medica Zenica ihre schrecklichen Erlebnisse sprechen zu können. „Mir zu sagen, dass es nicht meine Schuld war. Es hat mir alles bedeutet, das tut es immer noch“, sagte eine ehemalige Klientin der Hilfsorganisation.

Einige Frauen äußern auch, dass sie bewusst versuchen, das Gute im Leben zu sehen – trotz der lebenslangen Wunden durch die Gewalt. Eine der Frauen formuliert es so: „Ich will nicht, dass die Vergewaltigung mich brandmarkt. Ich will nicht, dass sie das Zentrum meines Lebens ist.“ (epd/mig)

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