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Gegen den Wahnsinn

Gründung der Hilfsorganisation medica mondiale

Vor 25 Jahren gründete die Kölner Ärztin Monika Hauser in Bosnien eine Hilfsorganisation für die Opfer von Kriegsvergewaltigungen. Heute hilft medica mondiale Frauen weltweit. Von Claudia Rometsch

Medica Mondiale, Frauen, Freude, Liberia, Besuch
Monika Hauser zu Besuch in Liberia © Sybille Fezer/medica mondiale

VONClaudia Rometsch

DATUM3. August 2018

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RESSORTAktuell, Panorama

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Im Dezember 1992 ist die zentralbosnische Stadt Zenica Zufluchtsort von rund 100.000 vertriebenen Menschen. „Turnhallen, Schulen, alles war voll mit Flüchtlingen“, erinnert sich Monika Hauser. Darunter viele Frauen, die vor und auf der Flucht brutal vergewaltigt worden waren. Von dieser Situation hatte die Gynäkologin im heimischen Köln durch Presseberichte erfahren. Schockiert über die Massenvergewaltigungen im Bosnien-Krieg machte sich Monika Hauser kurzerhand nach Zenica auf, um zu helfen.

Ihr Plan: Ein Zentrum aufzubauen, in dem vergewaltigten Frauen medizinisch und psychologisch geholfen wird. Die Umstände waren mehr als schwierig. Denn die Kriegsfronten rückten vor. Medizinische Geräte waren vor Ort nicht zu beschaffen. Vielen erschien Monika Hausers Vorhaben deshalb völlig verrückt. „Ich hatte diesen Gedanken keine Sekunde“, sagt sie.

Ganz große gemeinsame Kraft

Innerhalb kürzester Zeit findet Hauser in Zenica 20 Fachfrauen – Ärztinnen, Krankenschwestern oder Psychologinnen -, die beim Aufbau des Zentrums mitmachen wollen. „Wir hatten uns gefunden und eine ganz große gemeinsame Kraft, dem Wahnsinn, der da um uns herumtobte, etwas entgegen zu setzen“, sagt Hauser.

Entschlossen fährt die Ärztin zurück nach Deutschland, um Spenden und medizinisches Material für das geplante Zentrum zu besorgen. Ein Startkapital von 250.000 Mark erhält sie von der ZDF-Frauen-Sendung „Mona Lisa“, die gerade zu Spenden für geflüchtete Frauen im ehemaligen Jugoslawien aufgerufen hatte. Schon im März 1993 begleitet sie den Transport der gekauften Güter teilweise durch Kriegsgebiet unter gefährlichen Umständen nach Zenica. Im April darauf startet die Arbeit der vor Ort gegründeten Organisation Medica Zenica.

Allein im ersten Jahr behandelt und betreut die Organisation rund 4.000 Frauen. Monika Hauser bleibt ein Jahr in Zenica und gründet dann 1994 das Kölner Büro von medica mondiale, um die Arbeit von Deutschland aus zu unterstützen. Die Organisation wächst rasch. Weitere Häuser und neue Mitarbeiterinnen kommen hinzu.

Körperliche und seelische Verletzungen

Eine von ihnen ist die heutige Leiterin von Medica Zenica, Sabiha Husić. Vielen sei die Arbeit von Medica Zenica damals ein Dorn im Auge gewesen, weil Frauen unterschiedlicher Herkunft und Religion dort zusammengearbeitet hätten, erinnert sich Husić. Die damals angehende islamische Religions-Pädagogin war selbst vertrieben worden und hatte in Zenica Gesprächsgruppen gegründet, in denen Frauen über ihre Erfahrungen und auch über ethische und religiöse Fragen sprechen konnten.

Eines der drängendsten Probleme: „Viele hatten große Zweifel, wie sie damit umgehen sollten, wenn sie nach einer Vergewaltigung schwanger waren.“ Für die Frauen sei es wichtig gewesen, den Koran aus weiblicher Sicht interpretieren zu können, erklärt Husić.

Bis heute ist es das Markenzeichen von medica mondiale, nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Verletzungen und Nöte zu behandeln. Auch rund 23 Jahre nach Kriegsende ist der Zulauf an Klientinnen, die Medica Zenica aufsuchen, ungebrochen. „Wir haben damals gedacht, dass unsere Arbeit endet, wenn der Krieg vorbei ist. Aber die Folgen des Krieges dauern immer noch fort,“ sagt Husić.

Leiden bis heute

Viele der schätzungsweise 20.000 bis 50.000 im Bosnien-Krieg vergewaltigten Mädchen und Frauen leiden bis heute unter den psychischen und körperlichen Verletzungen. So ergab eine Langzeitstudie von Medica Zenica und medica mondiale, dass immer noch 57 Prozent der vergewaltigten Frauen an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Viele haben chronische gesundheitliche Probleme.

Hinzu komme, dass in Nachkriegsgesellschaften die Gewalt auch nach Ende der Kampfhandlungen fortdauere, beobachtet Hauser. Viele Soldaten kehrten traumatisiert aus dem Krieg zurück. Psychologische Unterstützung für Männer gebe es aber praktisch nicht. Ihre Hilflosigkeit schlage dann wieder in Gewalt gegen ihre Frauen und Kinder um. „Häusliche Gewalt ist jetzt eines der Hauptthemen der Kolleginnen von Medica Zenica geworden“, berichtet Hauser.

Auch für die Kölner Ärztin war die Arbeit noch lange nicht beendet, nachdem sich Medica Zenica zunehmend unabhängig von der Hilfe aus Deutschland gemacht hatte. Denn nicht nur in Bosnien, sondern auch in vielen anderen Kriegsgebieten werden Frauen systematisch vergewaltigt. Heute unterstützt medica mondiale mit rund 30 Partnerorganisationen weltweit traumatisierte Mädchen und Frauen unter anderem in Afghanistan, Kosovo, Albanien, Liberia, in der Demokratischen Republik Kongo, in Uganda und im Irak. Insgesamt betreute und beriet die Organisation nach eigenen Angaben bislang rund 150.000 Frauen. (epd/mig)

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