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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Nebenan

Mesut Özil und der Furor Teutonicus

Wenn die Debatte um Özil eines gebraucht hat, dann noch einen privilegierten, weißen Mann, der eine Meinung dazu hat. Legen wir also los. Von Sven Bensmann

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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

VONSven Bensmann

Sven Bensmann (geb. 1983 bei Osnabrück) hat Philosophie, mittlere und neuere Geschichte, sowie europäische Ethnologie in Kiel studiert und einige Jahre von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ein politisches Blog betrieben.

DATUM31. Juli 2018

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RESSORTAktuell, Meinung

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Wenn früher Fußballer mit Wortmeldungen auf sich aufmerksam machten, klang das üblicherweise in etwa so: „So ist Fußball. Manchmal gewinnt der Bessere.“, „Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!“ oder „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“. Nunja, schon Fußball-Experte Mario Basler wusste: „Jede Seite hat zwei Medaillen.“. „Jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.“

Heute jedenfalls erklären Fußballer über jenes Medium, dass auch der US-Präsident nutzt, um die Eckpfeiler seiner globalen Diplomatie auszubreiten, wie CDU-Rechtsausleger, die durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle an die Spitze des größten Sportverbandes der Welt gespült wurden, nachdem alle kompetenten Kandidaten abgesprungen waren, sie bevormunden. Heute erklären sie allen, die es nicht hören wollen, dass sie nur so lange deutsch sein dürfen, wie alles gut läuft, und wie sie, wenn es nicht mehr gut genug läuft, als der Türke unter die Räder kommen. Man muss nicht erst auf Twitter die Debatte um #metwo verfolgen, um zu sehen, dass Özil mit dieser Erfahrung nicht allein ist; und dass seine sportlichen Leistungen, seine internationale Karriere und sein Geld ihm wohl viele Erfahrungen erspart hat. Wer sich in wenigen Sekunden einen Einblick in die deutsche Mentalität verschaffen will, kann aber mal zum Satiremagazin „Der Postillon“ rüberschauen. In der Rubrik „Leserbriefe der Woche“ hat dieses Reaktionen auf seine Meldung, Schleuser würden in Zukunft Tierbabies mit in die Boote geben um an das bisschen vorhandene Restmitleid zu appellieren, gesammelt.

Soviel sei gesagt: Wie üblich hielten einige Leser die Meldung für wahr, wie zu erwarten war, haben sich viele davon über die „Tierquälerei“ echauffiert und gefordert, bei der Rettung der Tiere doch gefälligst die Menschen absaufen zu lassen: Christliches Abendland eben: Für mich der ultimative Beweis dafür, dass es den abrahamitischen Gott, der die Sünder straft, nicht geben kann: Spontane Selbstentzündung wäre unter diesem Abschaum, der das Wort Mensch nicht mehr verdient, diesem entarteten biologischen Spam, die Regel. Aber dieses Gelichter ist ja stolz deutsch, darf wählen und wird daher bis in Die Linke hinein umworben.

Viel wird aktuell daher auch geredet, dass die Rechten mit immer neuen Grenzverletzungen die Grenzen des Sagbaren verschöben. Was die Grenzen des Sagbaren verschiebt, ist aber nie das Geschmeiß. Dass das Gesagte auf offene Ohren trifft, ist das eigentliche Problem. Dass die Demokraten diese vokale Diarrhoe tolerieren, ja sogar als die Wortmeldungen „besorgter Bürger“ adeln, ist das eigentliche Problem.  Es gab immer menschenverachtende Soziopathen in diesem Land – wir haben sie aber schon mal genau so behandelt und auch so benannt. Erst seit wir so tun, als seien dies ernstzunehmende Teilnehmer an unserer Gesellschaft, verschiebt sich der Diskurs.

Was uns jetzt passieren muss, um auf Mesut Özil zurückzukommen, ist der Rücktritt aller Spieler der Nationalmannschaft, die noch einen Fetzen Ehre am Leib haben, mindestens aber aller Spieler mit außerdeutschen Vorfahren. Und zwar so lang, bis das deutsche Vorrundenaus zur urdeutschen Tradition wird und auch das Gesocks einsehen muss, dass Migration Deutschland bereichert – und sei es nur fußballerisch. Ein Land, das seine Obdachlosen anzündet, das seine Asylantenheime anzündet, wird demnächst auch andere anzünden. Die Kippa lässt der ein oder andere ja mittlerweile schon lieber zu Hause: zu gefährlich.

Die Debatte Özil wirft uns daher auch nicht zurück, wie einige glauben, sie legt den Finger in eine Wunde, die die biodeutsche Seite der Medaille seit Jahrzehnten ignoriert oder zu ignorieren versucht. Vielleicht können wir jetzt, nachdem der NSU-Skandal das nicht geschafft hat, mit Özil endlich eine überfällige Debatte führen. Vielleicht können wir dann sachlich darüber diskutieren, wie wir den Türken integrieren, um sie zu anständigen Deutschen zu machen. Vielleicht überwinden wir aber auch diesen Rassismus, vielleicht gelingt es sogar, den Begriff der Milieus in die Integrationsdebatte einzuführen. Denn das Deutsche in das sich der Türke oder sonst irgendjemand integrieren könnte – das stand an dieser Stelle schon so oft – gibt es ganz einfach nicht: der Anatole per se ist mir auch nicht fremder als der Gemsentreiber.

Wer herkommt, soll sich halt an eine der zahlreichen (Sub-)Kulturen lokaler, regionaler, monetärer oder philosophischer Provenienz halten. Dazu wäre es durchaus wichtig, für ausreichend Deutschkurse zu sorgen. Für den Rest sorgt letztlich unsere so vielbeschworene freiheitliche Grundordnung, die die Basis dafür bildet, ein Leben zu leben, wie man selbst es für richtig hält.

Die Forderung nach Integration an sich ist letztlich auch nur der Ausdruck der deutschen Herrenmenschlichkeit, die sich für so überlegen hält, dass sich jeder ihr unterzuordnen habe, die sich aber nie darauf geeinigt hat, was denn nun das Deutsche sei. Kehrwoche, Dirndl und Kuckucksuhr, drei deutsche Stereotype, lassen sich jedenfalls nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen.

Vorerst kann man da wohl nur den großen Fußball-Philosophen Lukas Podolski zitieren, welcher uns dereinst mit den Worten tröstete: „Es überwiegt eigentlich beides.“

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2 Kommentare
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  1. Biplab Basu sagt:

    Lieber Sven Bensmann,
    ich lese sehr gerne deine Kolumne. Bitte schreib‘ so witzig, analytisch und beißend weiter!!

  2. Ute Plass sagt:

    @ Sven Bensmann,
    Hier haben Sie aber einen ziemlichen Rundumschlag getätigt und Ihrem Zorn freien Lauf gelassen, der in die Aussage kulminiert:
    „Spontane Selbstentzündung wäre unter diesem Abschaum, der das Wort Mensch nicht mehr verdient, diesem entarteten biologischen Spam, die Regel. Aber dieses Gelichter ist ja stolz deutsch, darf wählen und wird daher bis in Die Linke hinein umworben.“

    Wen genau meinen Sie mit dem „Abschaum, der das Wort Mensch nicht mehr verdient“, und wer gehört Ihrer Auffassung nach zu „diesem entarteten biologischen Spam“?

    Bitte überdenken Sie auch die Wortwahl von “ Geschmeiß, Gesocks, Soziopathen….“.

    Fällt Ihnen nicht auf, dass Sie sich mit dieser entsetzlich abwertenden Ausdrucksweise auf die Ebene gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit begeben?

    Ich plädiere für Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung… und zwar mit allen Sinnen und Herzverstand, wie das im folgenden Beitrag der Historiker
    Philipp Blom zum Ausdruck bringt:
    https://www.deutschlandfunk.de/salzburger-festspiele-2018-wer-die-aengste-kontrolliert.911.de.html?dram:article_id=424013



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