MiGAZIN

Fall Özil

Karliczek fordert Debatte über Werte bei Integration

Der Nationalelf-Rücktritt und die Rassismus-Vorwürfe von Mesut Özil bewegen weiter die Republik. Bildungsministerin Karliczek sieht die Zeit gekommen, grundlegend über Werte und Regeln der Integration zu diskutieren. Außenminister Maas sorgt sich um Ansehen Deutschlands in der Welt.

Eine Woche nach dem Rücktritt von Mesut Özil aus der Fußballnationalmannschaft hält die Debatte um Integration und Rassismus in Deutschland an. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) warb dafür, den Fall Özil zum Anlass zu nehmen, um verstärkt über Werte, Regeln und Strukturen von Integration zu sprechen. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner konstatierte in der deutschen Gesellschaft ein „doppeltes Problem – bei den Einheimischen und den Zugewanderten“. Derweil äußerte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) Sorge um das internationale Ansehen Deutschlands: „Es schadet dem Bild Deutschlands, wenn der Eindruck entsteht, dass Rassismus bei uns wieder salonfähig wird.“

Özil hatte am Sonntag vor einer Woche seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. Der türkischstämmige deutsche Profi von Arsenal London war wegen eines Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor der Weltmeisterschaft in die Kritik geraten. Seinen Rückzug aus der Nationalelf begründete er unter anderem mit rassistischen Angriffen gegen ihn. Repräsentanten des Deutschen Fußball-Bundes warf er vor, ihn nicht hundertprozentig als Teil der deutschen Nationalelf gesehen zu haben.

Maas besorgt über Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus

Karliczek sagte dem „Tagesspiegel“, es müsse dringend eine gründliche Debatte darüber geführt werden, „wie wir miteinander leben wollen und was einem toleranten Umgang im Weg steht“. Am Rassismus-Vorwurf von Özil und der heftigen Kritik daran zeige sich, dass „jetzt etwas aufbricht, was schon viel länger unter der Decke brodelt, auf beiden Seiten“. Auch ihre eigene Partei, die CDU, habe „lange unterschätzt, wie wichtig es ist, über Werte, Regeln und Strukturen von Integration zu sprechen, damit die hier Lebenden und die zu uns Kommenden gut miteinander auskommen und eine Gemeinschaft werden können.“

Maas sagte der „Bild“-Zeitung, leider zeige die Debatte nach dem Rückzug Özils, „welchen bitteren Anfeindungen Migranten bei uns noch immer ausgesetzt sind“. Dass sich Menschen mit Migrationshintergrund bedroht fühlen, dürfe nicht zugelassen werden, betonte der Minister: „Wir müssen gemeinsam sehr entschlossen für Vielfalt und Toleranz eintreten.“ Die Zahl der fremdenfeindlichen und antisemitischen Übergriffe sei bedrückend hoch.

Lindner: Doppeltes Problem

FDP-Chef Lindner erklärte: „Ja, es gibt Probleme mit Rassismus im Alltag.“ Wenn gut ausgebildete Menschen seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden, nur weil ihre Eltern oder Großeltern vor Jahrzehnten aus der Türkei gekommen sind, sei dies Diskriminierung, sagte Lindner der „Bild am Sonntag“. Der Fall Özil habe damit aber nichts zu tun. Hier sei es um Kritik an einem Spieler gegangen, „der Werbung für den Schöpfer einer Präsidialdiktatur in der Türkei gemacht hat“.

Man höre zu oft, dass Teile der deutsch-türkischen Community freiheitliche Werte nur gering schätzten, führte Lindner aus. „Es gibt also ein doppeltes Problem – bei den Einheimischen und bei Zugewanderten“, sagte der Parteivorsitzende.

Rechtsverschiebung

Laut Linken-Chefin Katja Kipping ist über Özil nach seinem Rücktritt „ein rassistischer Shitstorm“ hereingebrochen. Es habe Kommentare im Netz gegeben, die „ganz klar darauf abstellten, dass Özil nicht rein deutsch, sondern deutsch-türkisch ist“, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Kipping beklagte eine zunehmende Unmenschlichkeit in Deutschland. Zwar sei nicht das ganze Land rassistisch. Doch habe es in den vergangenen Jahren „eine Rechtsverschiebung“ gegeben. Was als sagbar und machbar gelte, sei „immer mehr ins Unmenschliche verschoben worden“.

Die Mehrheit der Deutschen findet, dass der Rassismus in den letzten zehn Jahren zugenommen hat. Das hat eine Emnid-Umfrage im Auftrag der „Bild am Sonntag“ ergeben. Demnach sind 57 Prozent der Auffassung, dass es eher mehr Rassismus gibt als früher. Nach Meinung von 29 Prozent der Befragten ist der Rassismus in den letzten zehn Jahren gleich geblieben. Von einer Abnahme gehen nur acht Prozent aus. (epd/mig)