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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Nerv getroffen

Die historische Tragweite des Rücktritt Özils

Der Rücktritt Özils ist ein Wendepunkt. Viele Migranten erkennen in seinem Fall ihre eigene Lebensrealität. Sie erkennen, dass es für sie in Deutschland nie reichen wird, wenn sogar ein Weltmeister es nicht schafft, als vollwertiger Deutscher akzeptiert zu werden. Von Nima Mehrabi

Fahne, Deutschland, Türkei, Public Viewing, Menschen
Public Viewing bei einem Deutschland - Türkei Spiel © tetedelacourse auf flickr.com (CC 2.0) bearb. MiG

VONNima Mehrabi

Nima Mehrabi studiert(e) Germanistik, Islamwissenschaften und Postcolonial Studies an der Universität zu Köln und an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London. Für seine Bachelorarbeit erhielt er den Fakultätspreis der philosophischen Fakultät der Universität zu Köln und ist zudem mehrjähriger Stipendiat des Deutschlandstipendiums.

DATUM23. Juli 2018

KOMMENTARE3

RESSORTAktuell, Meinung

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Was viele bereits vorausahnen konnten, ist gestern Abend Wirklichkeit geworden: Nach langem Schweigen ist Mesut Özil aus der Fußballnationalmannschaft zurückgetreten. Auch wenn die ganze Tragweite dieser Entscheidung derzeit noch nicht vollständig voraussehbar ist, kann bereits jetzt eines mit Sicherheit gesagt werden: Der Rücktritt des türkischstämmigen Deutschen wird als ein Wendepunkt in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen. Schon bald wird die kollektive Stimmung, die unter den Menschen mit Migrationshintergrund vorherrscht, in die Zeit vor und nach der Abdankung Özils unterteilt werden müssen. Dies gilt umso mehr in Bezug auf jene, die einen türkischen und/oder muslimischen Hintergrund aufweisen. Also jene Bürger dieses Landes, die von der Öffentlichkeit – zumindest gefühlt – seit langem als Dauerthema und eines der dringendsten Hauptprobleme Deutschlands ausgemacht worden sind.

Denn für viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte steht der Fall Özil längst nicht mehr nur noch für sich selbst, sondern erkennen sie in ihm ihre eigene Lebensrealität in Deutschland. Der öffentliche Umgang mit diesem deutschen Spitzensportler hat in vollen Zügen ihren migrantischen Nerv getroffen und sie an all das erinnert, was ihnen selbst wiederkehrend im Alltag und bei der Stellen- und Wohnungssuche widerfahren ist.

Durch Özil wurde ihnen deutlich vor Augen geführt, was sie lange gefühlt, aber schwer in Worte fassen konnten. Ein Gefühl, das dem sonst wortkargen Özil in seiner dreiteiligen Stellungnahme gekonnt zum Ausdruck zu bringen gelang. Zum Beispiel, wenn er davon spricht, nur dann als Deutscher zu gelten, wenn die Mannschaft einen Sieg einfährt, hingegen aber wieder ein Migrant zu sein, wenn sie verliert. Oder, wenn er darauf hinweist, dass das Foto mit dem türkischen Präsidenten nur ein Vorwand gewesen ist, um den versteckten gesellschaftlichen Rassismus an ihm ausleben zu können. Oder, wenn er thematisiert, dass er letztendlich immer wieder – nachweislich auch ganz ohne Erdoğan-Foto – auf die Herkunft seiner Eltern reduziert wird und wegen seiner muslimischen Religionszugehörigkeit eine Andersbehandlung erfährt.

Dass der gemeine Migrant(ennachkomme) sieht, dass all das, was er selbst nur allzu gut kennt, sogar einem Özil widerfahren kann, bestätigt ihn nicht nur darin, dass seine Gefühle ihn bisher nicht getäuscht haben. Es kommt in ihm vielmehr eine weitaus stärkere Resignationsstimmung auf, als sie ohnehin schon in den letzten Jahren zunehmend in ihm und seinem migrantischen Umfeld aufgekommen ist. Denn er weiß nun, dass er machen kann, was er will, aber niemals als vollwertiger Deutscher akzeptiert werden wird und sich auf ein Leben als ewiger Ausländer einstellen muss. Er erkennt, dass es offensichtlich nicht einmal ausreicht, sich als ein im Ruhrpott geborener Weltfußballer schon vor zwölf Jahren bewusst dafür zu entscheiden, für die deutsche statt der türkischen Nationalmannschaft zu spielen. Dass es nicht genug ist, mit dem U-21-Team der Nationalelf einen Europameistertitel nach Hause zu holen, einen wesentlichen Beitrag für die Erlangung eines Weltmeistertitels zu leisten und ganze 5 Mal vom DFB als Nationalspieler des Jahres ausgezeichnet zu werden.

Sogar dann, wenn jemand all dies erbracht und geleistet hat, reicht ein einziges Foto aus, um all seine Errungenschaften und Mühen zunichte zu machen. Da es sich um einen türkischstämmigen Deutschen handelt, wird in so einem Falle – anders etwa als bei Kahn und Matthäus – nicht lediglich der Umstand des Fotos selbst kritisiert, sondern wird einem solchen Menschen gleich sein Recht auf das Deutschsein infrage gestellt, will man ihn am liebsten dorthin schicken, wo einst seine Urahnen gewohnt haben. Solange dies nicht möglich ist, unternimmt man in so einem Falle alle notwendigen Schritte, um diesen Menschen zumindest aus der Nationalmannschaft rauszuekeln. Eine Mission, die der DFB unter der Führung von Reinhard Grindel in Bezug auf Özil als geglückt betrachten kann.

Aber es ist nicht nur dieses ganze Drumherum, das der Causa Özil seine historische Signifikanz verleiht, sondern vielmehr sein Austritt aus der Nationalmannschaft selbst, der den Fall zum erwähnten Wendepunkt in der deutschen Migrantengeschichte erheben wird. Denn auch wenn es offenbar den meisten Mitgliedern der sogenannten Mehrheitsgesellschaft entgangen ist, rumort es schon seit Jahren immer stärker in den Hirnen vieler Migrantennachkommen. In ihnen tun sich nämlich immer öfter Impulse auf, die den Blick in die Ferne schweifen lassen und mit dem Abbrechen der Zelte in Deutschland verbunden sind. Noch sind diese Gedanken nicht systematisch zu vernehmen, werden lediglich für den Fall der Fälle gedacht.

Der Rücktritt Özils hat in der migrantischen Gesellschaft allerdings einige Hemmungen beseitigt und gleichzeitig gewisse Energien, die bisher gebunden gewesen sind, freigesetzt. Er hat ihren Mitgliedern aufgezeigt, dass sie nicht auf ewig ausharren und ertragen müssen, sondern – wenn notwendig – auch andere Optionen ernsthaft in Erwägung ziehen können. Ein Gedanke, der ihnen zu einem neuen Selbstverständnis und -bewusstsein verhelfen wird.

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3 Kommentare
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  1. FrankUnderwood sagt:

    Ich warne davor das eigene Schicksal mit einem privilegierten, hoch bezahlten Profisportler zu vergleichen.
    Dieser Fall wird medial ausgeschlachtet, bis ins kleinste Detail seziert und aufgebauscht um Auflage zu machen. Dafür sind allein Mesut Özil und auflagengeile Journalisten verantwortlich, weil sie ein Thema für das Sommerloch haben.

    Ich habe Verständnis wenn man sich durch Rassismus beleidigt fühlt.
    Mesut Özil wurde von Usern in sozialen Netzwerken und von antidemokratischen Parteien angegangen und teils rassistisch beleidigt. Das ist traurig und beschämend aber im Jahr 2018 stellt das leider unsere Realität dar. Es gab allerdings keine rassistisch motivierte Kampagne gegen ihn durch deutsche Leitmedien oder den DFB.

    Mesut Özil nutzt vielmehr das ungeschickte Verhalten des DFB in PR-Fragen und einen inkompetenten DFB-Präsidenten um sich eine Legende zu konstruieren. Das Foto mit Erdogan war eine Dummheit, weil er damit einen antidemokratischen Politiker im Wahlkampf unterstützt hat.
    Erdogan ist kein normaler Politiker. Erdogan sperrt Menschen ein, weil sie eine andere Meinung haben, weil sie sich nicht bevormunden lassen wollen.
    Özil hat sich lange nicht erklärt und aus Überheblichkeit gehofft, dass durch sportliche Leistung alles vergessen wird. Den gleichen Fehler hat der DFB in Person von Reinhard Grindel gemacht.

    Mesut Özil sollte sich mal mit Emre Can austauschen, warum er nicht zum Treffen mit Erdogan erschienen ist. Can hat entweder mehr Verstand, mehr Haltung oder wird schlicht besser beraten. Ilkay Gündogan hat sich im Gegensatz zu Özil entschuldigt und seinen Fehler eingesehen. Gündogan hat deshalb zu recht eine Zukunft in der Nationalmannschaft.

    Und für alle „Özilversteher“ möchte mal folgende Frage in den Raum stellen:

    „Wie würden wohl Deutsche, mit und ohne Migrationshintergrund, reagieren wenn sich ein Biodeutscher-Nationalspieler mit Björn Höcke oder Alexander Gauland in gleicher Pose und Trikot als Geschenk fotografieren lassen würde???“

  2. aloo masala sagt:

    —–
    „Wie würden wohl Deutsche, mit und ohne Migrationshintergrund, reagieren wenn sich ein Biodeutscher-Nationalspieler mit Björn Höcke oder Alexander Gauland in gleicher Pose und Trikot als Geschenk fotografieren lassen würde???“
    —–

    Der größte Feind der westlichen Welt und er westlichen Medien ist nicht Erdogan, sondern Putin. Bild-Kolumnist und Ehrenspielführer Lothar Mathäus hatte sich kürzlich mit Putin bei einer Trikotübergabe fotografieren lassen. Das Medienecho und die Kritik hielt sich in Grenzen.

    Merkel leistete mit ihrem Türkei-Besuch 2015 Wahlpropaganda für Erdogan. Es gab etwas Kritik. Das Thema war schnell beendet.

    Oliver Kahn posiert mit dem König von Saudi-Arabien, das islamistische Land seit dem Fall der Taliban in Afghanistan, die einen Terrorkrieg in Yemen führen und für den Zerschredderung von Syrien wegen Unterstützung von Terroristen mitverantworltich sind. Kritik? Keine gehört.

    Bayern München posiert mit Söder, einem Typen mit AfD-Sprech um den rechten Rand zurückgewinnen. Mediale Kritik? Kaum oder nix.

  3. ünal zeran sagt:

    Kaum jemand redet noch von der NSU Mordserie und den Opferangehörigen. Die Urteile sind gerade mal 2 Wochen her. Nur noch Randnotizen. Beschämend und ein Skandal zu gleich.

    Gerne hätte ein Özil oder Gündogan sich dazu mal äußern können und somit tatsächlich ein Vorbild in Sachen Antirassismus sein können.
    Leider Fehlanzeige, auch bei vielen Özilverstehern, die sich so getroffen oder verstanden fühlen. Özil, war lange genug Profiteur des Systems gewesen. Wer sich so instrumentalisieren lässt und dem DFB- Schwachsinn folgt, muss sich nicht wundern, wenn er fallen gelassen wird, wenn er ein politisches Foul spielt, was dem DFB und dem deutschen Narrativ widerspricht. Warum hat er sich nicht früher gegen die Bezeichnung Deutschtürke u.s.w gewehrt? Er ist Opfer und Täter eines Systems, dass auf rassitischen Fundamenten aufgebaut ist. Damit ist nicht Deutschland allein gemeint. Europa und der ganze reiche westliche Teil der Welt ist Profiteur des politsichen Systems. Nochmals Für alle, die es nicht verstanden haben, dass Rassismus das Problem ist: Jeder Nazi ist ein Rassist, aber nicht jeder Rassist ist ein Nazi. Fangt endlich an, über Rassismus zu reden.

    Fangt endlich an, über Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides,
    Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat, Michelle Kiesewetter und dem Leid der Angehörigen zu reden.

    Und ein Wendepunkt war die Özil Debatte mit Sicherheit nicht. Dafür gibt es viele zu viele solcher aufgeladenen Debatten. Die nächste wird schon geschrieben.
    Ein Einschnitt sind aber die NSU Morde und die überwiegende gesellschaftliche Ignoranz diesem gegenüber. Denn deren Opfer waren auch Deutsche. Der Pass spielte hierbei kaum eine Rolle. Die Vermutung, dass sie selbst in die Morden mitverwickelt waren u.v.m. hatte den institutionellen und öffentlich gepflegten Rassismus deutlich hervorgebracht. Und die Täter mit der großen Sympathieszene wollten erklären, dass die Opfer nicht zu Deutschland gehören. Die Ignoranz und der geringe Widerstand sind so etwas wie ein Einschnitt.

    Mindestens 7 Jahre, nach dem Sebstbekenntnis der Nazis, war Zeit.
    Am Ungang mit der NSU Opferangehörigen werden sich Özil und Co für mich messen lassen. Viele sind durch die Morde physisch und psychsich zertört und die finanzielle Zerstörung tut ein weiteres Leid hinzu.

    Doch ich werde Recht behalten, wenn ich prognostiziere, dass weder Özil noch Gündogan sich dazu äußern werden, da sie fürchten werden, Sponsoren zu verlieren.
    Mich interessieren nicht die Täter und deren Zuschreibungen. Mich interessieren die Opfer von Rassismus und deren Motive, wenn sie dies thematisieren. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren und wäre der aller Letzte, der sich nicht freuen würde, wenn er sich an diesem Punkt widerrufen müsste.



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