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Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, MiGAZIN, 28. Januar 2010

Hintergrund

Was ist Antisemitismus?

In vielen deutschen Städten gab es jüngst Solidaritätsaktionen für jüdische Bürger. Nach neuen antisemitischen Übergriffen sind für den Nachmittag in Bonn und Düsseldorf Demonstrationen geplant. Doch was ist eigentlich Antisemitismus? Von Elisa Makowski

Juden, Judenstern, Antisemitismus, Nationalsozialismus
Szene aus dem Film "Die Unsichtbaren"

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen“, heißt es in einer Arbeitsdefinition, die das Bundeskabinett im September vergangenen Jahres angenommen hat. Zwar ist diese rechtlich nicht bindend, sie soll aber eine Hilfe für staatliche Stellen sein, Erscheinungsformen von Judenfeindlichkeit einzuordnen.

Im vergangenen Jahr stieg die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland laut Bundesinnenministerium auf mindestens 1.495. 2016 lag die Zahl bei knapp 1.400, im Jahr davor bei rund 1.250. Zuletzt lösten zwei Übergriffe auf Kippa tragende Männer in Nordrhein-Westfalen bundesweit Empörung aus: In Bonn war in der vergangenen Woche ein jüdischer Professor von einem arabischstämmigen Mann angegriffen worden, in Düsseldorf wurde ein junger Mann offenbar aufgrund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit beleidigt. Zuvor hatte es bereits andere judenfeindliche Vorfälle unter anderem in Berlin gegeben.

Anders als Rassismus, der sich aus überzogenen Vorurteilen speist, haben antisemitische Stereotype laut Forschung keinerlei Realitätsbezug. Judenfeindschaft ist demnach ein kulturell verankertes Glaubenssystem: Antisemiten sind fest davon überzeugt, dass Juden das Übel der Welt sind. Auch Israel, das dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, kann Ziel solcher Angriffe sein. Antisemitismus erklärt und deutet auf einfache Weise komplexe, teil widersprüchliche Zusammenhänge. Die Ressentiments finden sich – bewusst oder unbewusst – Forschern zufolge in jedem Milieu und in nahezu jeder politischen und religiösen Ideologie.

Christlicher Antijudaismus

Im Mittelalter ging die Judenfeindschaft auf das Christentum zurück, das Juden als Ketzer sah, weil sie nicht an Jesus als den Messias glaubten. Auch der Reformator Martin Luther (1483-1546) wollte die Juden missionieren – als dies nicht gelang, schlug seine Haltung in blanke Ablehnung um. Christen bezichtigten Juden, Christus getötet zu haben, Brunnen zu vergiften und christliche Kinder zu schlachten. In ganz Europa wurden Juden politisch und ökonomisch diskriminiert. Sie wurden aus Städten vertrieben, es gab Pogrome und Schauprozesse. Juden war es untersagt, Handwerksberufe auszuüben, ihnen blieben das Zinsgeschäft und der Handel. Das wiederum brachte ihnen den Vorwurf der Wucherei ein.

Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert

Der moderne Antisemitismus sieht Juden als Mitglieder einer eigenen „Rasse“ oder „Gegenrasse“ im Gegensatz zu einer „ursprünglichen“ Nation. Juden stehen für den sich rasant entwickelnden Kapitalismus, den die Gesellschaft bewältigen muss. Im Nationalsozialismus verfolgten die Deutschen einen Wahn, der Juden zu Feinden des „deutschen Volkes“ machte und eine allgegenwärtige jüdische Weltverschwörung imaginierte. Juden wurden systematisch diskriminiert und vertrieben. Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten und ihre Helfer sechs Millionen europäische Juden.

Antisemitismus nach und trotz Auschwitz

Nach dem Massenmord an den Juden setzte im postfaschistischen Deutschland eine Täter-Opfer-Umkehr ein. Aus Schuld- und Schamgefühlen wurde die Verantwortung am Holocaust verdrängt. Weil sich Antisemitismus nun nicht mehr offen äußern ließ, ohne auf ein Tabu zu treffen, wurden Juden nun selbst verantwortlich gemacht für ihre Vernichtung – weil sie als Partisanen gegen das nationalsozialistische Deutschland gekämpft hatten oder als Überlebende Zeugnis ablegen konnten vom millionenfachen Mord. Immer öfter ist von der „Auschwitzkeule“ die Rede: Demnach instrumentalisierten jüdische oder israelische Interessengruppen das Gedenken an die Schoah für ihre Zwecke. Codewörter wie „Rothschilds“ oder „Goldman Sachs“ stehen für eine angebliche jüdische Weltverschwörung. Man kann sich nach Angaben von Antisemitismusexperten dieser Chiffren bedienen – ohne Antisemit sein zu wollen oder sich zum Antisemitismus öffentlich bekennen zu müssen.

Antizionismus und Israel-Hass

Auch Israel kann im Fokus antisemitischer Angriffe stehen. Wurden vormals die Juden gehasst, ist es heute Israel als das wichtigste Symbol jüdischen Lebens. Kritik an Israel ist allein nicht antisemitisch. Der „3D-Test“ von Natan Scharanski kann eine Orientierung bieten, um zu beurteilen, ob sich eine Kritik judenfeindlicher Stereotype bedient: Wenn Israel dämonisiert oder delegitimiert wird oder Doppelstandards bei der Bewertung seiner Politik angelegt werden, handelt es sich demnach um Antisemitismus. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Israel mit Nazi-Deutschland verglichen oder sein Existenzrecht infrage gestellt wird. Immer wieder steht auch die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions) in der Kritik, antisemitische Hetze zu verbreiten. Sie will Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren – so sehr, sagen Kritiker der Initiative, dass sie Israel nachhaltig schadet.

Muslimischer Antisemitismus

Seit Europa verstärkt Einwanderer aufnimmt aus mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern gibt es eine Diskussion um einen möglichen importierten, islamisch-arabisch geprägten Antisemitismus. In Ländern wie Syrien, dem Iran und dem Irak gehört Israel-Hetze und Judenfeindschaft laut Studien zum Alltag. Wenn wie im vergangenen Dezember in Berlin Israel-Fahnen vor dem Brandenburger Tor brennen, werden Befürchtungen laut, dass sich Konflikte im Nahen Osten auf Europa verlagern und das Zusammenleben bedrohen könnten.

Der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus des Bundestages warnt davor, muslimische Einwanderer grundsätzlich eine antisemitische Haltung zu unterstellen. Zwar seien viele von ihnen in Ländern sozialisiert, wo Antisemitismus Tradition habe. Diese Menschen seien aber aus diesen Ländern geflohen und zeigten großes Interesse an demokratischen Strukturen. Zudem gebe es bislang keine ausreichenden Untersuchungen zu möglichen antisemitischen Einstellungen unter Flüchtlingen. (epd/mig)

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7 Kommentare
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  1. Ute Plass sagt:

    „Die Definition des Begriffs Antisemitismus durch die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC): Ein Schritt zur Kriminalisierung von Kritik an israelischer Politik?“
    http://www.eccpalestine.org/wp-content/uploads/2018/01/DE_Francois-Dubuisson-zur-EUMC-Arbeitsdefinition-Antisemitismus.pdf.pdf

    „Die EUMC-Arbeitsdefinition Antisemitismus in der Kritik“
    http://www.hagalil.com/2017/07/eumc-arbeitsdefinition-antisemitismus/

  2. Ute Plass sagt:

    Was verschwiegener Antisemitismus ist, zeigt die Ehrung sog. Widerständler.

    Hat der Aussenminister, der ja “ wegen Auschwitz in die Politik gegangen ist“ bei der Gedenkfeier, anlässlich des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944, erwähnt, wie antisemitisch die sog. Widerständler waren und dass sie um die Morde und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas wussten? https://www.deutschlandfunkkultur.de/hitler-attentat-am-20-juli-1944-so-antisemitisch-war-der.1079.de.html?dram:article_id=360880

  3. Serval sagt:

    Der Begriff „semitisch“ mit seinen Ableitungen wird meist unzutreffend gebraucht. Es ist eigentlich unzulässig, „Semit“ nur auf Juden zu beziehen, und es gibt auch keine „semitische“ Rasse. Semitisch kann nach wissenschaftlichem Gebrauch nur auf die Sprachen der semitischen Sprachfamilie, zu der auch das Arabische als deren Urspünglichste gehört, und deren Sprecher bezogen werden. Daher ist es für viele Araber unverständlich, wenn ihnen eine „antisemitische“ Einstellung vorgeworfen wird, wo sie selbst doch auch Semiten sind. Demnach dürfte man nur Juden, die Hebräisch oder eine andere semitische Sprache gebrauchen, als „Semiten“ bezeichnen, nicht jedoch Juden, die keine der semitischen Sprachen sprechen.
    Seit wann sind Aschkenasen Semiten?
    Seit wann sind Sepharden Semiten?
    Seit wann sind zum Judentum konvertierte Griechen/Helenen Semiten?
    Seit wann sind zum Judentum konvertierte Amis/Anglikaner etc. Semiten?

    Das alles ganz abgesehen davon, daß wir zwischen Judenfeindlichkeit und Antizionismus zu unterscheiden haben.

    Weiterhin ist das Bundeskabinett gar nicht dazu qualifiziert und dafür kompetent, über eine Definition des (Un-)Begriffes „Antisemitismus“ zu entscheiden oder darüber, ob das Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als „Völkermord“ zu bezeichnen ist oder nicht. Es wäre eigentlich erforderlich, diese Institution diesbezüglich in ihre Schranken zu weisen.

  4. Aleks Andar sagt:

    „Anders als Rassismus, der sich aus überzogenen Vorurteilen speist“ Könnte diese Aussage bitte erkäutert werden? Was stimmt den an welchen rassistischen Topoi und ist bloß überzogen?

  5. Bert sagt:

    „Zwar seien viele von ihnen in Ländern sozialisiert, wo Antisemitismus Tradition habe. Diese Menschen seien aber aus diesen Ländern geflohen und zeigten großes Interesse an demokratischen Strukturen. Zudem gebe es bislang keine ausreichenden Untersuchungen zu möglichen antisemitischen Einstellungen unter Flüchtlingen.“

    Solch eine Aussage kann unmöglich ernst gemeint sein…falls doch, wie erklärt man sich denn, dass ein Großteil der hier lebenden Türken einen Diktator zum Präsidenten gewählt haben? Die allermeisten migranten sind aus wirtschafltichen Gründen nach Europa geflüchtet und nicht wegen der demokratischen Strukturen.

  6. aloo masala sagt:

    Der 3D-Test (Dämonisierung, Delegitimierung, Doppelstandards) bei der Bewertung der Politik Israels von Sharansky ist populistischer Unsinn und in erster Linie ein Mechanismus, um Kritiker der israelischen Politik mit doppelten Standards als Antisemiten zu dämonisieren und delegitimerien. Der Test reduziert die jüdische Identität auf die ideologische Linie des Zionismus und lässt zu, dass jede Kritik an Besatzungspolitik und rassistischen Gesetzen in Israel potentiell als antisemitisch abgestempelt werden kann.

  7. Ute Plass sagt:

    @aloo masala – schließe mich Ihrer Kritik an.



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