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Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Afrikas Weg zur Freiheit

Das vielbeschworene Vorbild Nelson Mandelas verblasst

Kein afrikanischer Staatschef war so beliebt wie Nelson Mandela. Bis heute berufen sich Nachfolger überall auf dem Kontinent auf den Mann, der am 18. Juli 100 Jahre alt geworden wäre. Ernst meinen es die wenigsten. Von Marc Engelhardt

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Statue von Nelson Mandela © Ted Eytan @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMarc Engelhardt

DATUM18. Juli 2018

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RESSORTAktuell, Ausland

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In der Stunde der Trauer kannten Afrikas Staats- und Regierungschefs für Nelson Mandela nichts als Lob. Der Triumph des Freiheitskämpfers bewegte noch einmal den ganzen Kontinent: 27 Jahre lang war er inhaftiert gewesen, doch im Moment seines Sieges predigte er Versöhnung und reichte seinen Peinigern die Hand. „Nelson Mandela war unser Held, unsere Ikone, unser Vater“, sagte der damalige tansanische Präsident Jakaya Kikwete 2013 bei der Trauerfeier für Mandela. Und der Nachfolger Mandelas im höchsten Staatsamt Südafrikas, Jacob Zuma, klagte: „Unsere Nation hat ihren größten Sohn verloren.“

Hunderttausende Südafrikaner weinten und trauerten, nachdem der „Madiba“ genannte Volksheld am 5. Dezember 2013 im Alter von 95 Jahren gestorben war. Zumindest ihre Trauer war echt. Für den simbabwischen Journalisten Tanonoka Joseph Whande lag das an Mandelas Persönlichkeit: „Er war anders als die anderen afrikanischen Regierungschefs, die mit ihren Sonntagsreden eigennützige Ziele verfolgten und sich an Gewalt erfreuten.“

Schon zu Mandelas Lebzeiten beriefen sich auf ihn Politiker, die keineswegs seine hehren Ideale teilten. Inzwischen, 100 Jahre nach Mandelas Geburt am 18. Juli 1918, droht auch sein Erbe zu verblassen. Kaum ein afrikanischer Staatsmann zieht sich wie Mandela freiwillig aus dem Amt zurück, zu viele klammern sich an die Macht, auch mit Gewalt.

Versöhnung längst Geschicht

In Südafrika wandelte sich der Staat spätestens unter der Präsidentschaft Jacob Zumas ab 2009 in einen kleptokratischen Apparat, von dem eine kleine Clique rund um den Präsidenten und allen voran Zuma selbst profitierte. Im Februar trat er unter massivem Druck zurück und muss sich nun einem Korruptionsprozess stellen. Ob Zumas Nachfolger Cyril Ramaphosa (65), einst Mandelas Vize und Wunschnachfolger, die Rückkehr zu Mandelas Wurzeln gelingen wird, ist unklar – auch weil die von Mandela gepredigte Versöhnung längst Geschichte ist.

Radikale Schwarze wie die „Kämpfer für wirtschaftliche Freiheit“ unter Julius Malema fordern die Enteignung weißer Farmer. Ihr Vorbild: Simbabwes Altpräsident Robert Mugabe, der sein Land in die Diktatur führte und im November 2017 zum Rücktritt gezwungen wurde.

Der greise Mugabe zieht inzwischen ganz offen über Mandela und seinen Afrikanischen Nationalkongress (ANC) her. „Ich habe einen ANC-Minister gefragt, warum die Weißen in Südafrika noch so viel Macht besitzen“, meckerte Mugabe 2017. „Er sagte: wegen deines Freundes Mandela.“ Der hatte einst erklärt, dass er nicht nur gegen weiße Unterdrückung, sondern auch gegen schwarze Unterdrückung sei.

Mandelas Vermächtnis

Diesen Satz wiederholte US-Präsident Barack Obama bei der Trauerfeier für Mandela. „Auch wir müssen für Gerechtigkeit und Frieden eintreten“, rief Obama. „Zu viele politische Führer beschwören Mandelas Vermächtnis, drangsalieren aber ihr eigenes Volk.“ Das war schon zu Mandelas Zeiten so, etwa als er 1997 versuchte, einen Frieden im Kongo (damals Zaire) auszuhandeln. Der damalige Machthaber Laurent-Desiré Kabila ließ die Gespräche platzen. Sein Sohn und Nachfolger Joseph Kabila lässt heute Demonstranten gegen seine 17-jährige Dauerherrschaft niederprügeln und beschießen.

Bei langwierigen Verhandlungen im tansanischen Arusha schaffte es Mandela immerhin, die Macht einzelner Rebellenführer im Bürgerkriegsland Burundi zu beschränken. Doch der Ex-Rebellenchef und heutige burundische Präsident Pierre Nkurunziza ließ den entsprechenden Passus im Mai aus der Verfassung streichen, um bis 2034 Präsident bleiben zu können – dann wäre er 29 Jahre im Amt, drei Jahre weniger als Ugandas Präsident Yoweri Museveni heute.

Missbrauch des Namens

Zu den Politikern, die sich als Mandelas Erben verstehen dürfen, zählt nach Ansicht vieler Äthiopier der erst seit kurzem regierende Ministerpräsident Abiy Ahmed. Bei einer Kundgebung in der Hauptstadt Addis Abeba trat der 42-jährige Ende Juni vor Hunderttausenden Menschen in einem T-Shirt auf, das ein altes „Free Mandela“-Motiv zeigte: Den afrikanischen Kontinent und davor die geballte Faust. Auf den Transparenten seiner Unterstützer standen Mandela-Zitate wie: „Der Mutige scheut sich nicht, im Dienst des Friedens zu vergeben.“

Mandela kann sich gegen die, die seinen Namen missbrauchen, nicht mehr wehren. Noch 2009 hatte er Kongo-Brazzavilles Herrscher Denis Sassou-Nguesso bloßgestellt, der ein angebliches Vorwort Mandelas für eines seiner Bücher erfunden hatte. Im März dieses Jahres verlieh ein fragwürdiges „Nelson-Mandela-Institut“ einen Preis „für besonderen Mut“ ausgerechnet an Burundis Gewaltherrscher Nkurunziza. Besucher der Verleihung sprachen von einer surrealen Szene. Und doch zeigt der Festakt, wie wichtig der Name Mandela bis heute ist – selbst bei denen, die der Freiheitsheld wohl vehement bekämpfen würde, wenn er noch am Leben wäre. (epd/mig)

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