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Migration und Integration in Deutschland

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Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Wir sind Fußball

Mesut Özil im Spiegel vermeintlich gescheiterter Integration

Özil zum jetzigen Zeitpunkt fallen zu lassen – und darauf läuft es hinaus – käme einer Kapitulation gegenüber dem erstarkenden Rechtspopulismus gleich. Von Dr. Ayla Güler Saied

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Fußball-Weltmeister Mesut Özil im Jahr 2014 © jikatu @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONAyla Güler Saied

Dr. Ayla Güler Saied ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Köln. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind: Migrations- und Stadtforschung, Rassismusforschung, Cultural und HipHop Studies und Soziale Ungleichheit. Zuletzt von ihr erschienen: Gangsta Rap zwischen affirmativer Inszenierung von Delinquenz und Empowerment.

DATUM11. Juli 2018

KOMMENTARE6

RESSORTAktuell, Meinung

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DFB Präsident Reinhard Grindel hat öffentlich ein Statement von Mesut Özil eingefordert, sich zum Foto mit Erdogan zu positionieren. Diese Forderung spiegelt zum einen den derzeit unprofessionellen Umgang mit dem Vorrundenaus der deutschen Nationalmannshaft bei der WM wider. Zum anderen wird deutlich, wie sich gesellschaftliche und politische Integrationsdiskurse auf den Fußballdiskurs auswirken und seine Wirkungsmacht entfalten.

Professionell von Grindel wäre es gewesen, zuerst mit Özil zu sprechen, um dann mit ihm gemeinsam geschlossen als Teil eines Teams vor die Kameras zu treten. Oder auch nicht!

Haben sich Mesut Özil und Ilkay Gündoğan durch das Foto mit Erdogan bereits ins Abseits geschossen? Die Wirkungsmacht und das Medienecho haben sie vielleicht nicht abschätzen können und im Kontext der PR Beratung von Spielern ist sicherlich Handlungsbedarf geboten.

Auf sportlicher Ebene indes muss der DFB konsequenter die von ihm propagierte „Wir sind Vielfalt“- Mentalität vorleben. Dazu gehört vor allem, dass die ethnische Herkunft nicht vor die sportlichen Leistungen gestellt werden sollte, wie es derzeit der Fall ist. Der DFB ist kein Wohltätigkeitsverein und auch kein interkulturelles Begegnungszentrum. Es geht um Fußball und um sehr hohe Leistung; ein Milliardengeschäft.

Dennoch wirbt der DFB damit, dass:Integration ein Beleg für die Kraft des Fußballs (ist). Sie schreibt längst Sportgeschichte. Europas große Fußballnationen schicken heute Spieler auf den Platz, deren Eltern einst zugewandert sind – nach Frankreich, in die Niederlande, auch nach Deutschland. Mesut Özil und Jérôme Boateng sind Brückenbauer und wichtige Vorbilder für Migranten: Wer sich anstrengt, kann den sozialen Aufstieg schaffen. Zugleich bringt der DFB Integration in die Fläche.“

Der DFB reproduziert hier einen stereotypen Mythos des Aufstiegs durch Leistung. Indem er diesen mit dem Integrationsdiskurs verknüpft, wird des Weiteren das Klischee reproduziert, Sport sei für migrantische Jugendliche in besonderem Maße geeignet – an sich ist dem nichts entgegenzusetzen – aber es wird dadurch eine Reduktion auf den sportlichen Bereich praktiziert– andere Bereiche werden damit kategorisch ausgeschlossen: geisteswissenschaftliche Felder beispielsweise.

In der Tat ist Mesut Özil nie ein Mann der vielen Worte gewesen. Wenn er also als Identifikationsfigur gedient hat, dann ausschließlich aufgrund seiner sportlichen Qualitäten. Im Kontext der Berichterstattung während der EM 2016 sagte Özil jedoch, dass er stark verwundert sei, nach wie vor als Deutsch-Türke tituliert zu werden, obwohl er in Deutschland geboren sei und für das deutsche Team spiele. Weder Klose noch Podolski würden als Deutsch-Polen oder Khedira als Deutsch-Tunesier tituliert werden.

Auch dass Özil im Jahr 2010 den Bambi für Integration des Burda Verlages erhalten hat (unabhängig der gesellschaftspolitischen Relevanz des Preises), statt beispielsweise in der Kategorie „Sportler des Jahres“ ausgezeichnet zu werden, zeigt den Fremdheitsdiskurs, der im Fußball-Kontext latent immer als Begleitmusik vorhanden ist und zu großen Teilen unhinterfragt angenommen wird.

Özil ist Teil einer Mannschaft. Anders als Ronaldo, Messi und Neymar wurde er nie als führender Vertreter der Mannschaft hochstilisiert, was im Teamsport auch nicht unbedingt zum Erfolg führt, wie das Ausscheiden der Teams von Portugal, Argentinien und Brasilien belegen. Özil zum jetzigen Zeitpunkt fallen zu lassen – und darauf läuft es hinaus – käme einer Kapitulation gegenüber dem erstarkenden Rechtspopulismus gleich. Seine sportlichen Leistungen waren nicht besser oder schlechter, als die seiner Mitspieler.

Der DFB sollte nicht nur aus diesem Grund seinen Slogan „Wir sind Vielfalt“ durch „Wir sind Fußball“ ersetzen. Damit würde der Sport in den Vordergrund gerückt und dadurch dem Integrationsdiskurs und damit einhergehenden rassistischen Vorbehalten gegenüber vermeintlich nicht-deutschen Spielern der Nährboden entzogen werden.

In diesem Sinne sollten die Fair Play Regeln auch außerhalb des Spielfeldes eingehalten werden. Eine kritische Aufarbeitung der sportlichen Leistungen darf nicht verwechselt werden mit einer nun zum Ausdruck kommenden kategorischen Ablehnung von Spielern aufgrund ihrer (vermeintlichen) ethnischen Herkunft.

2006 hatte der DFB Strafanzeige gegen die NPD gestellt, als diese Patrick Owomoyelas Anwesenheit im WM Kader mit: „Weiß – nicht nur eine Trikotfarbe – Für eine echte NATIONALmannschaft“ kommentierte. Diesem und ähnlichen nationalistischen Phantasmen sollte weiterhin kein Raum geboten werden. Letztlich ist Fußball „nur“ Sport, nicht mehr und nicht weniger.

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6 Kommentare
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  1. Bert sagt:

    Die Kritik an der Kritik gegenüber Özil ist unberechtigt und sogar rassistisch.

    Man stelle sich doch mal vor Thomas Müller hätte während Erdogans Wahlkampf für diesen auf die gleiche Art und Weise geworben, wie es Özil und Gündogan getan haben. Die Kritik ggü. Müller wäre die Gleiche gewesen, wie jetzt ggü. Özil und Gündogan. Erdogan ist für deutsche Verhältnisse ein Diktator und er hat schon mehrmals die Deutschen als Nazis beschimpft.

    In Wahrheit hat man doch einfach ein Problem damit, dass man als deutscher mit Migrationshintergrund so behandelt wird, wie ein deutscher ohne Migrationshintergrund. Die Erdogan-Aktion von Özil und Gündogan war dumm und das Verhalten von Özil auf die Kritik ihm gegenüber war noch dümmer. Und da Özil meinte auch noch einen drauf setzen zu müssen mit seinem „#saynotoracism“ kann ich nur nachvollziehen, dass jetzt entsprechend reagiert wird.

    Dass Fußball kein integrationskurs sein soll, dem kann ich nur Beipflichten.

  2. Ben sagt:

    Tatsache ist, dass der DFB auf der Suche nach einem Sündenbock ist, der jetzt Özil sein soll. Dessen Leistungen bei der WM waren extrem dürftig, aber das träfe bspw. auch auf Löw, Neuer oder Müller in hohem Maße zu. Und nun auch auf den DFB, was die Aufarbeitung der WM betrifft.
    Weiterhin geht es hier nicht nur um gesellschaftliche Problemstellungen wie Rassismus und Integration, sondern eben auch um Politik. Dass Erdogan ein Diktator ist, daran dürften inzwischen keierlei Zweifel mehr bestehen.

    Fakt ist: Özil und Gündogan haben ihre sportliche Stellung dazu genutzt, Propaganda für einen Diktator zu machen. Das war komplett falsch und in meinen Augen auch schändlich. Fakt ist aber auch: Der DFB samt Löw und Bierhoff haben es komplett verpasst, hier die richtigen Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt zu ergreifen. Dies ist unprofessionell, eratisch und natürlich nur nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass jeder gerne möglichst lange vom DFB bezahlt und ausgehalten werden möchte.

    Wenn Özil also „gefeuert“ wird, dann ist das einerseits richtig, andererseits gäbe es genug Grund, ebenso Löw, Bierhoff, Neuer, Müller und Grindel zu feuern.

  3. aloo masala sagt:

    —-
    Fakt ist: Özil und Gündogan haben ihre sportliche Stellung dazu genutzt, Propaganda für einen Diktator zu machen.
    —-

    Das ist eine gewagte Behauptung. Özil hat sich auch mit Merkel ablichten lassen. Niemand interpretierte das als Propaganda oder als ein Bekenntnis von Özil für die CDU und die Bundeskanzlerin.

    Als Merkel 2015 in der Türkei Wahlkampfhilfe für den „Diktator“ leistete, gab es verhaltene Kritik aber man ging sofot zur Tagesordnung über. Die Bundesregierung nickte vor kurzem einen Milliardendeal für Waffenverkäufe mit dem „Diktator“ ab und verhökerte das Menschenrecht auf Asyl am Bosporus. Kritik? Gab es, war verhalten, interessierte aber kaum jemanden, obwohl es hier um politisch relevante Entscheidungen ging.

    Wenn aber Özil sich mit einem engen Verhandlungspartner der EU und NATO ablichten lässt, erwachen plötzlich die politischen Befindlichkeiten einer demokratisch völlig unreifen Gesellschaft. Statt den Regierenden hinreichend kritisch auf die Finger zu schauen, um das Volk über die Machenschaften der deutschen Regierung mit einem „Diktator“ aufzuklären, machen die Medien über Wochen einen Mann fertig, der eher unpolitisch und somit für die politische Willensbildung völlig irrelevant ist.

    Unsere Pseudo-Demokraten unterstellen Özil Propaganda für einen Diktator und merken nicht, dass sie im Zusammenspiel mit den Medien sich selbst wie kleine schreiende Diktatoren gerieren. Das Özil ein Recht hat sich mit Erdogan, Netanyahu oder Putin ablichten zu lassen, kommt niemanden in Sinn. Man kann ihn dafür kritisieren, aber man kann nicht deswegen einen derart großen sozialen Druck aufbauen und versuchen seine Karierre zu zerstören, um faktisch Andersdenkende mundtot zu machen. Die Medien und dem sabbernden Volk kommt hier die Funktion eines Knüppels in einer Diktatur zu, der jeden außerhalb des gesellschaftlich akzeptierten Korridors auf Linie zwingen soll.

    Die Causa Özil ist eines der besten Lehrstücke wie bigott und verlogen Teile der deutschen Mainstreammedien, Gesellschaft, Politik und des DFB sind.

  4. Ben sagt:

    Eine „gewagte Behauptung“ ist besser, als eine massive Anhäufung von Denkfehlern.

    Erstens ist Merkel als Kanzlerin politischen Zwängen unterworfen, die für Özil nicht gelten, ganz im Gegenteil. Denn im Prinzip gilt, dass der Sport neutral sein sollte.

    Zweitens ist die EU bzw. die NATO mit der Türkei verbündet, nicht mit Erdogan.

    Drittens ist der „gesellschaftlich akzeptierte Korridor“, zum Ausdruck gebracht durch „die Medien und das sabbernde Volk“, eben Merkmal einer Demokratie.

    Demokratie bedeutet eben nicht, dass das Volk/die Medien sich freiwillig ihrer eigenen Meinung berauben zum Schutze einer Mindermeinung, die sie gar nicht vertreten. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Jeder kann für sich entscheiden, ob und wie er sich an einer solchen Meinungsbildung beteiligen möchte, oder nicht. (Der Schutzauftrag kommt dem Staat zu.)

    Viertens ist „der Mann“ keineswegs „politisch völlig irrelevant“, da er etwa über die Sozialen Netzwerke eine hohe Reichweite hat. In dem Augenblick, in dem er diese Reichweite für politische Aussagen nutzt, wird er politisch relevant, ob er es will oder nicht.

    Fünftens sind „die Machenschaften der deutschen Regierung“ hier nicht das Thema, sondern die Özil-/DFB-Affäre.

    Sechstens: Es mag unbequem sein, eine unbegründete Mindermeinung zu vertreten. Die Andersdenkenden aber als „kleine schreiende Diktatoren“ zu bezeichnen, offenbart lediglich die eigene „demokratisch völlig unreife“ Haltung.

  5. Ben sagt:

    Der Vollständigkeit halber möchte ich noch anmerken, dass es ein maßgeblicher Unterschied ist, ob man sich als Spieler der deutschen Nationalmannschaft mit der deutschen Kanzlerin Merkel oder eben mit dem ausländischen Diktator Erdogan ablichten lässt. Ersteres ist nämlich ein alltäglicher Vorgang, weshalb es auch kein Medienecho gab. Generell ist es schon ein starkes Stück, Merkel und Erdogan gerade in diesem Kontext auf ein- und dieselbe Ebene zu stellen.

    Zum ersten Kommentar von Bert kann ich nur sagen, dass ich mangels Sinnhaftigkeit gar nicht geneigt bin, darauf einzugehen.

  6. Ben sagt:

    Sorry, nochmal zum Artikel an sich, anscheinend werde ich nicht richtig verstanden:

    Dass Deutsche mit Migrationshintergrund in Deutschland benachteiligt werden, ist eindeutig und lässt auf einen latenten Rassismus schließen.

    Dass der öffentlich geführte Diskurs oftmals nicht geeignet ist, dies zu verbessern, liegt ebenso auf der Hand.

    Dass rechtspopulistische und rechtsextreme Trittbrettfahrer nur allzu gern auf den Özil-Bashing-Zug aufspringen, ist auch klar.

    Darum geht es hier aber nicht. Özil ist als ein Kernelement der Mannschaft schlicht nicht mehr tragbar. Zu sehr hat sich durch sein Verhalten selbst an den Rand gestellt und demontiert. Im Teamsport kommt es sehr auf den Zusammenhalt der Mannschaft an, wie Frankreich bewiesen hat. Diesen Zusammenhalt hat Özil nachhaltig beschädigt und im Gegensatz zu Gündogan war er lange Zeit für die Mannschaft unverzichtbar. Diesen Status hat er sich komplett selbst zerstört, was mit seiner Herkunft eher weniger zu tun hat, sondern damit, wie er sich in der Foto-Affäre verhalten hat.

    Darüber hinaus ist es nicht Aufgabe des DFB, sich um Geisteswissenschaften zu kümmern. Da sehe ich Schulen, Universitäten sowie die entsprechenden Ministerien in der Pflicht, nicht den DFB.

    Widersprüchlich ist es auch, dass Özil nach eigenem Bekunden anscheinend nicht als „Deutsch-Türke“ tituliert werden möchte und dann genau das Foto mit Erdogan macht. Das passt einfach nicht zusammen.

    Schlussendlich ist es bestimmt nicht Özil, den die Benachteiligung trifft, ganz im Gegenteil. Da gäbe es andere Geschichten von anderen Menschen, die um ihre Existenz kämpfen müssen, während Özil lange Zeit jeglicher vorhandene Teppich ausgerollt wurde.

    Und ein Bollwerk gegen den Populismus ist Özil bestimmt nicht, wie das Foto mit Erdogan abermals beweist. Es funktioniert einfach nicht, populistisch aktiv zu werden (Foto) und sich dann über den Populismus zu beschweren (Bashing).

    Und nur darum geht es hier.



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