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Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

WM-Aus

Niederlagen tun Deutschland gut!

Für wen haben sie gespielt? Eine berechtigte Frage. Für ein rassistisches, türkenfeindliches, rechtes und verarmendes Deutschland das sich selbst gerne überschätzt und als unangefochten kommuniziert? Wie will man erfolgreich so eine Nation verteidigen? Von Youssef Zemhoute

Fußball, Stadion, Fans, Fahnen, Deutschland
Fußballfans im Stadion © marfis75 auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONYoussef Zemhoute

Youssef Zemhoute ist ein Entrepreneur & Mentaltrainer aus Duisburg. Er hat diverse Bücher, Hörbücher & Texte zu Themen der Persönlichkeitsentwicklung und Medienkompetenz veröffentlicht.

DATUM28. Juni 2018

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RESSORTAktuell, Meinung

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Deutschland in der WM 2018. Ich sage es nicht gerne, aber Niederlagen tun Deutschland gut. Ich meine nicht, die deutsche Fußballnationalmannschaft. Ich meine nicht Kroos und Reus, oder Özil und Gündogan. Ich rede auch nicht von Manuel Neuers Kämpfergeist, der manchmal gefährlich ist. Nein, ich meine vor allem folgende Kreise, wenn ich von einer Niederlage für Deutschland spreche: die deutsche Politik, die deutsche Presse, die deutschen Ex-Fußballer, und alle schlechten Verlierer in Deutschland. Als echter Fußball-Fan muss man immer zu einer Mannschaft halten, auch wenn sie verliert. Das fehlt ein wenig in unserer Kultur in Deutschland. Es gibt eine subtile Arroganz, die  nun auch im deutschen Fußball zerbrochen ist und das zu Recht, wie ich finde. Historisch war diese Niederlage gewiss und eine Situation, aus der wir viele Lehren ziehen können.

Deutschland ist eben nicht „Weltmeister“, und das ist auch gar nicht schlimm. Die WM ist da, um sich alle vier Jahre erneut zu messen und ein schönes Spiel zu machen. Da es sich um Nationalmannschaften handelt, ist mentale Stärke besonders wichtig. Und die haben wir hier in Deutschland unserer Nationalmannschaft NICHT gegeben. Wir haben total versagt, auf allen erdenklichen Ebenen. Ob Prominenz oder Presse, ob Fan oder Erfolgsfan, wir haben nicht zur Mannschaft gestanden. Ganz und gar nicht! Es wurden einzelne Kandidaten, wie Özil und Gündogan, aber auch Kroos und Neuer angegriffen, was ich nicht verstehen kann. Besonders nicht von Ex-Profis, die wissen, wie wichtig mentale Stärke ist. Als Mentaltrainer habe ich überhaupt kein Verständnis für diesen entwürdigenden Umgang mit ausgezeichneten Spielern, die natürlich antreten, um hervorragend zu spielen. Das geht nicht mit so viel kommunikativen Ballast und mit dieser ganzen Presse im Rücken. Schließlich sind es Fußballer in einem internationalen Turnier und keine Boxer à la Muhammad Ali, die für sich selbst kämpfen.

Für wen haben sie gespielt? Eine berechtigte Frage. Für ein rassistisches, türkenfeindliches, rechtes und verarmendes Deutschland das sich selbst gerne überschätzt und als unangefochten kommuniziert? Wie will man erfolgreich so eine Nation verteidigen angesichts einer sich stark bessernden Welt? Das Spiel der Südkoreaner war keine Glückssache, sondern hart erkämpft. Wir können uns für die Südkoreaner freuen, weil sie so gut spielten. Was mich hier in Deutschland beschämt, ist diese Unehrlichkeit in der öffentlichen Kommunikation und dieses überhebliche Selbstbild. Daher erachte ich diese Niederlage, obwohl ich für einen Sieg der Jungs gewesen bin, als eine tolle Chance, damit wir etwas aufräumen. Mit dem Rassismus in Politik und Gesellschaft, mit dem Dilettantismus und mit diesem Nationaldruck in der Presse. Da täte jeder gut daran, sich selbst und seinen Charakter zu bilden, sich Wissen anzueignen und zu akzeptieren, dass Deutschsein nichts mit Hautfarbe, Herkunft und vermeintlicher Rassentheorie zu tun hat.

Mentale Stärke hat im Sport einen sehr wichtigen Aspekt; das Rückenstärken. Stehen der Trainer, die Mannschaftsspieler, die Nation hinter ihnen oder nicht? Jetzt frage ich Sie: hatten Sie den Eindruck, das man zur Nationalmannschaft hielt? Ich nicht. Überhaupt nicht. Ich finde aus diesem Grund gut, dass sie überhaupt für Deutschland auf den Rasen gingen. Daher ein Dankeschön von mir an dieser Stelle!

Bevor unsere Nationalmannschaft verloren hat, haben wir alle schon längst verloren. Rechtsradikalismus, AfD, Türkenfeindlichkeit, eine schlechte Presse und eine tragische Innenpolitik mit feindseligen Parolen. Für diese Verhältnisse in Deutschland haben unsere Jungs sehr gut gespielt, finde ich. Niederlagen sind wichtig, um sich neu auszurichten. Ich meine auch hier nicht die Mannschaft, sondern uns alle. Einfach diesen Druck rausnehmen, dass man gewinnen müsse, Sieger auf Lebenszeit sei und Deutschsein eine Freikarte für den Sieg ist. Das ist Deutschsein, wie wir an unseren politischen Verhältnissen sehen können, definitiv nicht. Wir haben eine Menge Probleme, und die wollten wir dieses Jahr teilweise im Fußball ausfechten. Das Ergebnis ist: eine mental zerrüttete Nationalmannschaft. Abschied aus Russland!

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4 Kommentare
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  1. Samira sagt:

    Danke, das war einmal ein nötiger Weckruf!

  2. FrankUnderwood sagt:

    Ich muss dem Autor widersprechen.
    Deutschland ist amtierender Weltmeister bis das Finale in Moskau zu Ende gespielt wurde. Mentale Stärke ist in dieser Mannschaft vorhanden und blitzte leider nur vereinzelt, wie gegen Schweden, auf.

    Das Land hat sehr wohl zu dieser Mannschaft gestanden, auch wenn einzelne Spieler sich für äußerst fragwürdige Propaganda hergegeben haben. Einer davon hatte immerhin den Mut sich dazu zu erklären. Dafür muss man ihm Respekt zollen. Peinlich ist, wer einfach schweigt und so tut als sei nichts gewesen. Versagt hat auch die PR-Strategie des DFB, indem man versuchte einen Diskurs abzuwürgen und auf die Zeit nach der WM zu verlegen. Witzigerweise kam diese Zeit schneller als dem DFB lieb war.
    Wie man souverän auch mit unberechtigter Kritik umgeht, haben Jimmy Durmaz und das schwedische Team gezeigt. So sieht Zusammenhalt aus.
    https://www.youtube.com/watch?v=WWuhoYBa3eU

    Ich weiß ja nicht, wie oft der Autor in irgendeiner Art Bekanntschaft mit Fremdenhass gemacht hat. Aber ich sehe mich gezwungen nochmal daran zu erinnern, dass die AfD lediglich 12,6 % bei der letzten BTW geholt hat. Es sind 12,6 % zu viel, aber die AfD spricht nicht für die Mehrheit! Das Deutschland von dem da oben geschrieben wurde, existiert wenn überhaupt nur lokal und spiegelt nicht das bundesdeutsche Meinungsbild wider.

    Man hätte sich auch stilvoller und ohne dumme Pauschalkritik selbst promoten können. So viel mentale Stärke hätte man doch erwarten dürfen.

  3. Rudolf Stein sagt:

    Sie gingen nicht für Deutschland auf den Rasen, denn sie waren bekanntlich keine Nationalmannschaft, sondern – in weiser Voraussicht – „die Mannschaft“. Denn der Begriff Nation, in welchem Zusammenhang auch immer, ist heutzutage verpönt, ist „Nazi“. Der Verfasser sollte begreifen, dass das klägliche Scheitern dieser Truppe ein Menetekel ist, ein Menetekel für eine Politik, die auch weit in den Sport hinein reicht und bedeutet: dass die Realitäten dieser Welt nicht von Besserwissern und Gutmenschen negiert werden können. Eine Nation ist ein Verbund mit einer manchmal jahrtausend Jahre alten Entwicklung. Diese Entwicklung kann man nicht durch Politiker und Journalisten innerhalb von einigen Jahren außer Kraft setzen.

  4. Bert sagt:

    @Autor
    Welche Türkenfeindlichkeit? Irgendwie fehlt mir da ein konkretes Beispiel…



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