MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Anzeige

Ich bin auch eure Kanzlerin.

Angela Merkel, an die Türken nach der Rede des türkischen Premiers Erdogan in Köln, März 2008

Flüchtlinge in Deutschland

So viel Geld bekommen sie wirklich

Der Neid spielt bei der Ablehnung von Flüchtlingen eine wesentliche Rolle. Er ist besonders bei Menschen ausgeprägt, die selbst von Sozialhilfe leben. Dabei ist Neid komplett unbegründet.

Euro © Alf Melin @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Euro © Alf Melin @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Viele Deutsche betrachten Flüchtlinge hierzulande mit Missgunst, oft aus Neid. Bei vielen entsteht der Eindruck, die Flüchtlinge lebten hier in luxuriösen Verhältnissen. Gerade Hartz-IV-Empfänger fühlen sich hier oft benachteiligt. Sie vermuten, weniger Geld zur Verfügung zu haben, als Flüchtlinge, die von Deutschland aufgenommen werden. Doch was ist dran an dieser Vermutung und in welchen Umständen leben die Flüchtlinge in Deutschland wirklich?

Die Lage der Asylbewerber

Ein Hartz-IV-Empfänger hat pro Tag durchschnittlich 4,70 € für Lebensmittel zur Verfügung. Dies klingt für Normalverdiener unglaublich gering und so manchem Sozialhilfeempfänger irritiert es deshalb, wenn Flüchtlinge und Asylbewerber in ihren Unterkünften umsonst bewirtschaftet werden. Auch sonst sehen viele Flüchtlinge, wie sie im Fernsehen dargestellt werden, vorzeigbar und nicht zerschlissen aus und haben zudem meist ein Smartphone in der Hand – kein billiges Gut. Dennoch irrt man als Außenstehender oft, wenn man hiernach beurteilt, dass Flüchtlinge in Deutschland ein Luxusleben führen.

Welche Hilfe Flüchtlinge vom Staat erfahren, ist im Asylbewerbergesetz geregelt. Neu Ankommenden, die sich noch am Anfang ihres Asylverfahrens befinden, steht demnach nicht mehr als ein geringes Taschengeld und bestimmte Sachleistungen zu. Erst wenn ein Geflüchteter sich länger als 15 Monate in Deutschland aufgehalten hat, wird er im Maße der Sozialhilfe unterstützt – mehr als ein Hartz-IV-Empfänger bekommt er allerdings nicht. Da sich die Bedürfnisse je nach Lebensabschnitt und Wohnsituation unterscheiden, wird diese monetäre Unterstützung nach Alter und Familiensituation berechnet ebenso wie danach, ob die Person noch in einer Flüchtlingsunterkunft lebt oder eine Wohnung gefunden hat.

Woher kommen die teuren Klamotten?

Menschen mit Vorurteilen konzentrieren sich zu sehr auf den äußeren Eindruck. Denn genügend Geld für Extravaganzen bekommen Flüchtlinge vom Staat nicht: Das monatliche Taschengeld für eine alleinstehende Person beträgt gerade mal 135 Euro. Bei Pärchen wird das jeweilige Geld gekürzt: Sie erhalten insgesamt 244 Euro, pro Person also nur 122 Euro. Kinder müssen versorgt werden, für sie gibt es deshalb zusätzliches Geld: Bis zum sechsten Lebensjahr erhalten Eltern pro Kind 79 Euro, bis zum dreizehnten 83 Euro und dann bis zur Volljährigkeit 76 Euro. Eine Familie von vier Personen erhält pro Monat also maximal 410 Euro. Umgerechnet sind das knapp 3,40 Euro pro Person und pro Tag –weniger also als der durchschnittliche Hartz-IV-Empfänger. Dieses Geld wird vor allem davon aufgebraucht, den Kontakt mit der Familie in der Heimat aufrecht zu erhalten.

Trotzdem kann es sein, dass Flüchtlinge ein Smartphone besitzen – sie haben dieses möglicherweise aus der Heimat mitgebracht, haben es gebraucht gekauft oder über eine Sachspende erhalten. Ebenso kann es sein, dass bei gespendeter Kleidung Markenklamotten dabei sind. Sobald Flüchtlinge dann in eine eigene Wohnung ziehen, erhöht sich der Satz, da sie von nun an selbst für Essen und Kleidung aufkommen müssen. Doch selbst wenn eine Flüchtlingsfamilie oder ein alleinstehender Flüchtling bereits über 15 Monate in Deutschland ist, erhält er nicht den gleichen Satz wie ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Der Neid ist also unangebracht.

Vermögen vs. Sozialleistungen

Manche Flüchtlinge reisen auch mit eigenem Vermögen an. Dieses muss zunächst aufgebraucht sein, bevor die Sozialleistungen greifen. Es kommt deshalb nicht vor, dass ein Flüchtling die Sozialhilfe einstreicht und davon sein Sparkonto füttert. Für Deutsche, die mit ihrem Einkommen nicht zufrieden sind, ist es einfacher, sich etwas anzusparen. Sie dürfen – im Gegensatz zu Flüchtlingen – arbeiten, sich selbständig machen oder Geld anlegen mit Internet-Trading und auf Aktien setzen. Mangels Konto wäre selbst Letzteres für Flüchtlinge nicht möglich.

Im Einzelnen: Ohnehin leben Flüchtlinge oft am Existenzminimum, da in den ersten drei Monaten nach der Ankunft noch striktes Arbeitsverbot herrscht. Und selbst nach Ablauf dieser drei Monate wird es den Flüchtlingen nicht leicht gemacht: Sie kommen erst für einen Job infrage, wenn sich kein passender deutscher oder Bewerber aus der EU finden lässt. Die Einheimischen haben also Vorrang. Diese Regelung wurde 2016 in den meisten Arbeitsagenturen für drei Jahre ausgesetzt. Ob die Aussetzung verlängert wird, steht noch nicht fest.

Dennoch versuchen Politiker, Aufwendungen für Flüchtlinge zu kürzen oder sie mit Bezeichnungen wie „Asyltouristen“ zu diskreditieren – vermutlich aufgrund des Unmutes in der Bevölkerung. Denn ihre negative Einstellung gegenüber der Flüchtlingspolitik schlägt sich in den Wahlergebnissen nieder: Verdrossene Flüchtlingsgegner wählen dann die AfD als scheinbar einzige Partei, die sich der angeblich großzügigen Behandlung der Flüchtlinge widersetzt. Auch um sich die Stimmen der Wechselwähler zu sichern, möchten manche Politiker deshalb strenger durchgreifen.

Schade ist allerdings vor allem, dass die Bürger sich so auf Äußerlichkeiten konzentrieren, wenn sie ihre Vorurteile fällen. Viele bedenken dabei nicht, welche Strapazen Flüchtlinge auf sich nehmen mussten, um ihrer Heimat zu entfliehen, und wie belastend es sein kann, in einem anderen Land leben zu müssen, ohne dabei ein reguläres Maß an Unabhängigkeit genießen zu dürfen. Hartz-IV-Empfänger leben im Vergleich zu Flüchtlingen deutlich besser. Das überdurchschnittliche Einkommen der Flüchtlinge ist ein Mythos.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

4 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Kairo sagt:

    Der Text baut einen Popanz auf, „Flüchtlinge leben ein Luxusleben“, auf das Einheimische eifersüchtig oder neidisch sein sollen.

    Fakt ist, dass die überwältigende Mehrheit der deutschen Bürger, die Sozialleistungen nach SGB II beziehen, in ihrem Leben signifikante Beiträge in die zahllosen Beitragstöpfe des deutschen Staates eingezahlt haben. Sie haben damit nicht nur legal sondern auch legitim ein Anrecht auf Unterstützung erworben.

    DIe eigentliche Diskussion um Verteilungsungerechtigkeit hat daher das Thema, dass sog. „Flüchtlinge“ ohne geringste Eigenbeiträge eine Vollversorgung erhalten ab dem Zeitpunkt des Übertritts der deutschen Grenze.
    Flüchtlinge habe ich deshalb in An-/Abführungszeichen gesetzt, da dieser Begriff in D nahezu ausnahmslos unangemessen und falsch Verwendung findet. Flüchtling ist, wer sich einer Gefahrsituation entzieht. Ab dem Moment, in dem er dieser Gefahrsituation entkommen ist, und sich weiter bewegt, ist er Migrant, kein Flüchtling.

    Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass bei genauer Betrachtung auch die Bezeichnung Flüchtling auf zahlreiche Personen, die in D nach Asyl suchen per se nicht zutrifft. Ablesen läßt sich das an den aktuell durch alle Medien servierten NGO-Rettungsschiffstories, bei denen die Passagier-listen bis dato zwischen 14 und 31 (!) Nationalitäten auswiesen. Afrika besteht aus 52 Staaten. In wie vielen dieser Staaten herrscht aktuell Krieg? Sie brauchen nicht nachzuzählen. Die meisten der Staaten, aus denen die genannten Personen kommen sind arme aber nicht kriegsbelastete Staaten. Die Reise durch bis zu 10 Staaten, um dann von Lybien aus nach EU bzw. D zu kommen als Flucht zu bezeichnen, ist eine ausgemachte Verdummung des Publikums.

  2. Henry sagt:

    Bei aller Ausführung zum Thema Flüchtlinge oder Asylbewerber darf nicht vergessen werden, dass ein deutscher Hartz IV-Empfänger neben der Bestreitung des Lebensunterhaltes auch noch Fixkosten zu bestreiten hat!! Ich bin ein so genannter „Arbeitsmarktrentner“, aus Sicht des Jobcenters, real bin ich Erwerbsminderungsrentner und beziehe gut 27,00 € weniger Rente, als ein Hartz IV-Empfänger regulär bekommt und auch von dieser Rente habe ich Fixkosten und Lebensunterhalt zu bestreiten, unter´m Strich bleiben mir max. 200,00 € zur Bestreitung des Lebensunterhaltes. Wo bitte ist da ein großer oder überhaupt ein Unterschied zu Flüchtlingen oder Asylbewerbern zu sehen außer, dass diese keine Miete, keinen Stromabschlag, keinen Beitrag für Hausratversicherung usw. zahlen müssen!!

  3. Lutz Grubmüller sagt:

    Auch wenn manches Argument im Bezug auf die deutsche Sozialpolitik für Ansprüche Deutscher gerechtfertigt erscheint,,schwingt bei aller Kritik an der Flüchtlingsversorgung immer eine Portion nationalistischer Sozialneid
    mit, ohne auch nur einen Moment das Leid dieser Menschen zu bedenken –
    daraus entsteht dann schnell Fremdenhass, der rassistisch durch rechtsextreme Parteien aufgeheizt und zum Wählerfang genutzt wird!
    Humanes Denken und Menschenrechtsbildung sollten reguläres Schulfach werden!

  4. Dennis sagt:

    Bester Lutz,

    Wieso ist es nationalistischer Sozialneid, wenn man die allg. Situation einmal grob ins Visier nimmt?! Sprich, die Meisten der sog. Fluechtlinge stammen nachweislich aus aller Herren Laender, nicht aus Krieglaendern, sprich, sie sind KEINE FLuechtlinge sondern Migranten (diverser Art, z.B. wirtschaftl.).
    Die Meisten der ‚Deutschen Sozialneider‘ – wie Sie dies bezeichnen – sind Menschen, die Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte in das deutsche System eingezahlt, also beigetragen, haben – teilweise auch Menschen, die Nachkommen erzeugt haben. Diese Gruppierungen nun gegenueber gestellt, haben doch nichts mit Sozialneid zu tun.
    Uebrigens sind viele der sog. Fluechtlinge via Mittelmaenner nach EU geschleust, gegen viel Geld – das sie also scheinbar haben. Aber ab Tag 1 ins Deutschland (oder was ihr Zielland auch ist) sind sie ploetzlich mittellos.
    Sicherlich sollten wir humanitaere Hilfe bieten, wo wir koennen und es uebrig haben, aber momentan scheint es mehr so zu sein, dass wir von dem Geben, was wir selbst gar nicht (mehr) haben. Wir koennen die Welt nicht an einem Tag retten, und wir koennen auch nicht unkontrolliert und ohne Ende die Grenzen auflassen, denn das untermauert letzlich unser eigenes System, bis es wie ein Kartenhaus zusammenfaellt und dann geht es uns allen schlechter. Afrika nach Europa bringen, ist keine Loesung.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...