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Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Flüchtlinge in Deutschland

So viel Geld bekommen sie wirklich

Der Neid spielt bei der Ablehnung von Flüchtlingen eine wesentliche Rolle. Er ist besonders bei Menschen ausgeprägt, die selbst von Sozialhilfe leben. Dabei ist Neid komplett unbegründet.

Euro © Alf Melin @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Euro © Alf Melin @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Viele Deutsche betrachten Flüchtlinge hierzulande mit Missgunst, oft aus Neid. Bei vielen entsteht der Eindruck, die Flüchtlinge lebten hier in luxuriösen Verhältnissen. Gerade Hartz-IV-Empfänger fühlen sich hier oft benachteiligt. Sie vermuten, weniger Geld zur Verfügung zu haben, als Flüchtlinge, die von Deutschland aufgenommen werden. Doch was ist dran an dieser Vermutung und in welchen Umständen leben die Flüchtlinge in Deutschland wirklich?

Die Lage der Asylbewerber

Ein Hartz-IV-Empfänger hat pro Tag durchschnittlich 4,70 € für Lebensmittel zur Verfügung. Dies klingt für Normalverdiener unglaublich gering und so manchem Sozialhilfeempfänger irritiert es deshalb, wenn Flüchtlinge und Asylbewerber in ihren Unterkünften umsonst bewirtschaftet werden. Auch sonst sehen viele Flüchtlinge, wie sie im Fernsehen dargestellt werden, vorzeigbar und nicht zerschlissen aus und haben zudem meist ein Smartphone in der Hand – kein billiges Gut. Dennoch irrt man als Außenstehender oft, wenn man hiernach beurteilt, dass Flüchtlinge in Deutschland ein Luxusleben führen.

Welche Hilfe Flüchtlinge vom Staat erfahren, ist im Asylbewerbergesetz geregelt. Neu Ankommenden, die sich noch am Anfang ihres Asylverfahrens befinden, steht demnach nicht mehr als ein geringes Taschengeld und bestimmte Sachleistungen zu. Erst wenn ein Geflüchteter sich länger als 15 Monate in Deutschland aufgehalten hat, wird er im Maße der Sozialhilfe unterstützt – mehr als ein Hartz-IV-Empfänger bekommt er allerdings nicht. Da sich die Bedürfnisse je nach Lebensabschnitt und Wohnsituation unterscheiden, wird diese monetäre Unterstützung nach Alter und Familiensituation berechnet ebenso wie danach, ob die Person noch in einer Flüchtlingsunterkunft lebt oder eine Wohnung gefunden hat.

Woher kommen die teuren Klamotten?

Menschen mit Vorurteilen konzentrieren sich zu sehr auf den äußeren Eindruck. Denn genügend Geld für Extravaganzen bekommen Flüchtlinge vom Staat nicht: Das monatliche Taschengeld für eine alleinstehende Person beträgt gerade mal 135 Euro. Bei Pärchen wird das jeweilige Geld gekürzt: Sie erhalten insgesamt 244 Euro, pro Person also nur 122 Euro. Kinder müssen versorgt werden, für sie gibt es deshalb zusätzliches Geld: Bis zum sechsten Lebensjahr erhalten Eltern pro Kind 79 Euro, bis zum dreizehnten 83 Euro und dann bis zur Volljährigkeit 76 Euro. Eine Familie von vier Personen erhält pro Monat also maximal 410 Euro. Umgerechnet sind das knapp 3,40 Euro pro Person und pro Tag –weniger also als der durchschnittliche Hartz-IV-Empfänger. Dieses Geld wird vor allem davon aufgebraucht, den Kontakt mit der Familie in der Heimat aufrecht zu erhalten.

Trotzdem kann es sein, dass Flüchtlinge ein Smartphone besitzen – sie haben dieses möglicherweise aus der Heimat mitgebracht, haben es gebraucht gekauft oder über eine Sachspende erhalten. Ebenso kann es sein, dass bei gespendeter Kleidung Markenklamotten dabei sind. Sobald Flüchtlinge dann in eine eigene Wohnung ziehen, erhöht sich der Satz, da sie von nun an selbst für Essen und Kleidung aufkommen müssen. Doch selbst wenn eine Flüchtlingsfamilie oder ein alleinstehender Flüchtling bereits über 15 Monate in Deutschland ist, erhält er nicht den gleichen Satz wie ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Der Neid ist also unangebracht.

Vermögen vs. Sozialleistungen

Manche Flüchtlinge reisen auch mit eigenem Vermögen an. Dieses muss zunächst aufgebraucht sein, bevor die Sozialleistungen greifen. Es kommt deshalb nicht vor, dass ein Flüchtling die Sozialhilfe einstreicht und davon sein Sparkonto füttert. Für Deutsche, die mit ihrem Einkommen nicht zufrieden sind, ist es einfacher, sich etwas anzusparen. Sie dürfen – im Gegensatz zu Flüchtlingen – arbeiten, sich selbständig machen oder Geld anlegen mit Internet-Trading und auf Aktien setzen. Mangels Konto wäre selbst Letzteres für Flüchtlinge nicht möglich.

Im Einzelnen: Ohnehin leben Flüchtlinge oft am Existenzminimum, da in den ersten drei Monaten nach der Ankunft noch striktes Arbeitsverbot herrscht. Und selbst nach Ablauf dieser drei Monate wird es den Flüchtlingen nicht leicht gemacht: Sie kommen erst für einen Job infrage, wenn sich kein passender deutscher oder Bewerber aus der EU finden lässt. Die Einheimischen haben also Vorrang.

Dennoch versuchen Politiker, Aufwendungen für Flüchtlinge zu kürzen oder sie mit Bezeichnungen wie „Asyltouristen“ zu diskreditieren – vermutlich aufgrund des Unmutes in der Bevölkerung. Denn ihre negative Einstellung gegenüber der Flüchtlingspolitik schlägt sich in den Wahlergebnissen nieder: Verdrossene Flüchtlingsgegner wählen dann die AfD als scheinbar einzige Partei, die sich der angeblich großzügigen Behandlung der Flüchtlinge widersetzt. Auch um sich die Stimmen der Wechselwähler zu sichern, möchten manche Politiker deshalb strenger durchgreifen.

Schade ist allerdings vor allem, dass die Bürger sich so auf Äußerlichkeiten konzentrieren, wenn sie ihre Vorurteile fällen. Viele bedenken dabei nicht, welche Strapazen Flüchtlinge auf sich nehmen mussten, um ihrer Heimat zu entfliehen, und wie belastend es sein kann, in einem anderen Land leben zu müssen, ohne dabei ein reguläres Maß an Unabhängigkeit genießen zu dürfen. Hartz-IV-Empfänger leben im Vergleich zu Flüchtlingen deutlich besser. Das überdurchschnittliche Einkommen der Flüchtlinge ist ein Mythos.

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Ein Kommentar
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  1. Kairo sagt:

    Der Text baut einen Popanz auf, „Flüchtlinge leben ein Luxusleben“, auf das Einheimische eifersüchtig oder neidisch sein sollen.

    Fakt ist, dass die überwältigende Mehrheit der deutschen Bürger, die Sozialleistungen nach SGB II beziehen, in ihrem Leben signifikante Beiträge in die zahllosen Beitragstöpfe des deutschen Staates eingezahlt haben. Sie haben damit nicht nur legal sondern auch legitim ein Anrecht auf Unterstützung erworben.

    DIe eigentliche Diskussion um Verteilungsungerechtigkeit hat daher das Thema, dass sog. „Flüchtlinge“ ohne geringste Eigenbeiträge eine Vollversorgung erhalten ab dem Zeitpunkt des Übertritts der deutschen Grenze.
    Flüchtlinge habe ich deshalb in An-/Abführungszeichen gesetzt, da dieser Begriff in D nahezu ausnahmslos unangemessen und falsch Verwendung findet. Flüchtling ist, wer sich einer Gefahrsituation entzieht. Ab dem Moment, in dem er dieser Gefahrsituation entkommen ist, und sich weiter bewegt, ist er Migrant, kein Flüchtling.

    Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass bei genauer Betrachtung auch die Bezeichnung Flüchtling auf zahlreiche Personen, die in D nach Asyl suchen per se nicht zutrifft. Ablesen läßt sich das an den aktuell durch alle Medien servierten NGO-Rettungsschiffstories, bei denen die Passagier-listen bis dato zwischen 14 und 31 (!) Nationalitäten auswiesen. Afrika besteht aus 52 Staaten. In wie vielen dieser Staaten herrscht aktuell Krieg? Sie brauchen nicht nachzuzählen. Die meisten der Staaten, aus denen die genannten Personen kommen sind arme aber nicht kriegsbelastete Staaten. Die Reise durch bis zu 10 Staaten, um dann von Lybien aus nach EU bzw. D zu kommen als Flucht zu bezeichnen, ist eine ausgemachte Verdummung des Publikums.



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