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Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Fußballwetten

Heimische Ligen locken mit Gewinnaussichten

Die Fußballwette. Viele Fußball-Fans haben sich schon einmal daran versucht. Für Gelegenheitstipper ist es ein netter Zeitvertreib, ein kleiner Kick, eine Motivation, um den Fußballabend spannender zu gestalten. Für viele Menschen ist die Fußballwette aber ein großes Problem.

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Fußball © See-ming Lee 李思明 SML @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

DATUM30. Mai 2018

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Die Fußballwette unterscheidet sich von den zahlreichen klassischen Glückspielanbietern kaum. Die Suchtwirkung ist in der Regel ähnlich, die Suchtfaktoren teilweise sogar identisch. Deshalb sind auch in diesem Sektor vor allem Menschen ohne Arbeit und Zukunftsperspektive anfällig. Die meisten wollen ihrem tristen Alltag entkommen oder träumen vom schnellen Geld mit wenig Einsatz. Bei Fußballwetten ist es ohne Weiteres möglich, mit kleinem Geld ein Vielfaches des Einsatzes zu gewinnen.

Erhebungen über Spielsucht zeigen, dass vor allem Personen mit Migrationshintergrund anfällig sind. Sie befinden sich statistisch gesehen am häufigsten in Situationen, die Spielsucht begünstigen. Sie sind häufiger arbeitslos und im Durchschnitt jünger als die Gesamtbevölkerung. Mit den Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Jahre sind zusätzlich viele Menschen nach Deutschland eingereist, die aufgrund langer Asylverfahren und der Wartezeit besonders anfällig sind.

Hinzu kommen bei Fußballwetten niedrige Einstiegshürden. Viele Fußballwetten-Anbieter sind heute schnell und einfach über das Internet und über Apps erreichbar. Sprachbarrieren gibt es so gut wie keine, weil die Wettanbieter mehrsprachig sind und auf ein internationales Publikum setzen. Der Markt für online Wettanbieter ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Zudem ist es kein Problem für jemanden in Deutschland, auf ein Spiel in England, Italien, Österreich oder Brasilien oder Ghana zu setzen.

Zu viel Zeit

Auch dies begünstigt, dass vor allem Einwanderer sich immer häufiger der Fußballwette hingeben. Sie fühlen sich heimisch und gut informiert, wenn sie auf ein Spiel ihrer Lieblingsmannschaft aus der Heimat setzen. Sie meinen, sich in der jeweiligen Liga besonders gut auszukennen, weil sie aus diesem Land kommen. Ob man am Ende gewinnt oder verliert ist dennoch Glücksache, auch wenn Fachwissen bei der Fußballwette sicher nicht von Nachteil ist.

Taio beispielsweise ist vor zwei Jahren aus Nigeria nach Deutschland gekommen und wettet regelmäßig. Sein Asylantrag ist noch nicht endgültig entschieden, er darf während seines Aufenthalts in Deutschland nicht arbeiten und hat viel Zeit. Zu viel Zeit, wie er meint. Deshalb schaut er sich an manchen Tagen mehrere Stunden die anstehenden Spiele an, tippt und fügt sie zu einem Tippschein zusammen.

Selbsteinschätzung: nicht süchtig

Taio schwört, seit er in Deutschland ist, auf die Bundesliga Austria. Die Bundesliga Wetten im österreichischen Fußball seien die Aussichten für gute Quoten sehr gut. Nicht selten gewinne dort der Außenseiter und biete gute Gewinnquoten. Die englische Premier League wiederum sei für Live-Wetten gut, weil dort die Spiele jederzeit kippen könnten. In England würden außerdem viele Tore fallen. Auch darauf könne man setzen. In Italien sei das genau andersherum. Dort würden in einem Fußballspiel vergleichsweise weniger Tore fallen. Auf die Top-Favoriten sei dort aber meistens Verlass, wenn sie gegen einen Underdog spielen. Sein Highlight sei aber die nigerianische Liga.

Süchtig sei Taio nicht. So jedenfalls seine Selbsteinschätzung. Er wünscht sich aber mehr Geld, um mehr einsetzen zu können. So sehr er auch analysiert und die Ligen verfolgt, wirklich gewinnen tut er am Ende des Tages nicht. Mal freut er sich, mal verliert er knapp. Ob er auch dann weiterspielen würde, wenn er Arbeit hätte und weniger Zeit, grinst er. Ein unsicheres „ja, vielleicht“ kommt ihm über die Lippen. (hs)

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