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Migration und Integration in Deutschland

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Ich war sieben Jahr alt

Kindliche Erinnerungen an den Brandanschlag von Solingen

Die in mir aufgekommene Unruhe wurde nie beseitigt. Sie ist geblieben, hat sich fest im Mark festgesetzt, hat sich gerade in den letzten Jahren gar verstärkt. Dieses Gefühl, dass dies die Heimat ist, aber nicht wirklich willkommen zu sein. Von Nima Mehrabi

Solingen, Brandanschlag, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Haus
Das Haus der Familie Genç nach dem Brandanschlag

VONNima Mehrabi

Nima Mehrabi studiert(e) Germanistik, Islamwissenschaften und Kulturwissenschaften an der Universität zu Köln und an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London. Für seine Bachelorarbeit erhielt er den Fakultätspreis der philosophischen Fakultät der Universität zu Köln und ist zudem mehrjähriger Stipendiat des Deutschlandstipendiums.

DATUM29. Mai 2018

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RESSORTAktuell, Meinung

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Es ist einer der Tage aus meiner Kindheit, an den ich mich sehr gut erinnern kann. Wenn ich behaupten würde, an jedes Detail, wäre es gelogen, aber es ist diese Atmosphäre, diese Mischung aus Sorge, Empörung, ja vielleicht sogar ein wenig Angst, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Sie ist fest mit meiner Biografie verwoben, wurde zu einem Teil meines Lebens, gehört zur neueren deutschen Geschichte.

Der Fernseher läuft, ich höre, wie meine Eltern aufgeregt miteinander tuscheln, den Blick fest auf den Bildschirm gerichtet. Es ist von Türken die Rede, von Toten die Rede, es wird über Deutschland gesprochen. Ich höre, wie sie sagen, dass es hier nicht mehr sicher sei, die Ausländer hier nicht mehr willkommen wären, die Deutschen keine Fremden mehr in ihrem Lande wünschten.

Man darf nicht vergessen, Mölln war gerade einmal ein halbes Jahr her, seit Rostock-Lichtenhagen waren erst zehn Monate vergangen, dazwischen immer wieder mal hier ein Brandanschlag, dort eine Menschenjagd und woanders ein gewalttätiger Übergriff. Die Opfer kamen aus aller Herren Länder, waren Afrikaner, Asiaten oder Osteuropäer. Ein jeder, der von seinem Äußeren nicht ins Bild passte, lief Gefahr, entstellt oder gar ausradiert zu werden. Ein Hauch von Ahnung, welch ein Geist noch nicht einmal ein halbes Jahrhundert zuvor in Deutschland noch herrschte.

An jenem Tag waren es fünf Tote, allesamt des weiblichen Geschlechts, und weitere 17 Verletzte, einige davon schwer. Sie sollten ausgeräuchert werden, sich durch die Flammen in Luft auflösen, sich in Asche verwandeln. Diesmal nicht im äußersten Norden des Landes oder im tiefsten Osten, sondern quasi direkt vor der Haustür, im Vorhof meiner Heimatstadt Köln, an einem mir bis dahin unbekannten Ort namens Solingen.

Die Aufregung meiner Eltern war jedenfalls auf mein kindliches Gemüt übergegangen. Ich weiß noch sehr gut, wie mein Vater nun versuchte, das zuvor Gesagte zu relativieren, um die in mir aufgekommene Unruhe zu besänftigen. Ihm war offensichtlich erst jetzt bewusst geworden, gegen einen der wichtigsten Grundsätze der Eltern-Kind-Beziehung verstoßen zu haben; nämlich den Nachwuchs – so weit es geht – vor dem Bösen dieser Welt abzuschotten. Immerhin war ich damals gerade einmal sieben Jahre alt gewesen.

Damals war es aber nicht nur mein Vater, der mich zu beruhigen suchte, sondern es war Mevlüde Genç, die danach trachtete, die aufgekommenen Spannungen eines ganzen Landes zu befrieden. Diese Hinterbliebene, die am stärksten vom Anschlag in Solingen betroffen war – hatte sie doch zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verloren – setzte sich nun für den gesellschaftlichen Frieden und die Völkerverständigung ein. Und nicht nur das; wollte sie nun gar offiziell zum Teil einer Gesellschaft gehören, deren gewalttätiger brauner Rand das Leben ihrer Liebsten genommen hatte. Sie wurde deutsche Staatsbürgerin.

Doch weder hat es mein Vater damals geschafft, die in mir aufgekommene Unruhe vollkommen zu beseitigen, noch ist sie der migrantischen Gesellschaft jemals abhandengekommen. Sie ist geblieben, hat sich fest im Mark eines ganzen Kollektivs festgesetzt, hat im Laufe der Dekaden verschiedene Formen angenommen, sich gerade in den letzten Jahren gar deutlich verstärkt. Dieses Gefühl, dass dies die Heimat ist, aber nicht wirklich willkommen zu sein, man hier geboren wurde, aber nicht als Deutscher wahr- und angenommen wird.

Der Anschlag selbst ist nun ein ganzes Vierteljahrhundert vom Heute entfernt, ihr jüngstes Todesopfer – mit Namen Salime Genç – hätte in diesem Jahr ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert. Die brutalen Übergriffe des rechtesten Randes sind geblieben, hinzugekommen ist seitdem aber eine neue Rechte, die sich immer tiefer in der Mitte der Gesellschaft einnistet, und zwar keine physischen Anschläge verübt, dafür aber nicht minder gefährliche geistige Brände legt.

So sind körperliche und verbale Angriffe auf Kopftuchträgerinnen – wie Mevlüde Genç eine ist – mittlerweile eine derartige Normalität geworden, dass gefühlt kaum ein Tag vergeht, ohne dass eine solche Tat vermeldet wird. Wären die Enkelinnen von Frau Genç heute noch am Leben, hätten sie zudem hören können, wie ihre Großmutter und ihresgleichen mittlerweile gar ganz offen vom Bundestag aus beschimpft werden. Und auch sie selbst hätten es nicht leicht gehabt, wären sie doch einer durch Studien nachgewiesenen deutlichen Benachteiligung auf dem Arbeit- und Wohnungsmarkt ausgesetzt gewesen.

Die Kinder von damals sind die Väter und Mütter von heute. So, wie wir es damals von unseren Eltern hörten, vernehmen nun unsere Kinder das Getuschel ihrer Eltern, wenn sie wieder von einem rechtsradikalen Angriff erfahren haben oder sich die Sorgen um ihre Zukunft in diesem Lande von der Seele reden. Und so, wie unsere Väter und Mütter von damals, sind wir es heute, die ihre Kinder zu beruhigen versuchen, ihnen Mut zusprechen, ihre Ängste beseitigen müssen. Aber, solange die Ursachen bleiben, die gesamtgesellschaftliche Situation sich nicht ändert, wird diese individuell und auch gemeinschaftlich spürbare Unruhe nie vollständig vergehen. Sie wird sich erst dann verabschieden, wenn wir alle gemeinsam als Gesellschaft an ihrer Beseitigung arbeiten. Und nur dann haben wir bewiesen, tatsächlich aus den Ereignissen von Solingen gelernt zu haben.

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