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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Josef Schuster

„100 Prozent Respekt für Juden, für Muslime, für Ausländer“

Viele Juden trauen sich im Alltag nicht, ihre Kippa offen zu tragen. Sie verbergen die jüdische Kopfbedeckung unter einem Basecap oder setzen sie erst in der Synagoge auf. Nach einer antisemitischen Attacke wehren sich jetzt einige Gemeinden.

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Ein Kind mit der jüdischen Kopfbedeckung Kippa © James Emery auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Es steht nicht gut um die Toleranz in Deutschland. Darüber können auch die 2.500 bis 3.000 Menschen am Mittwochabend in Berlin nicht hinwegtäuschen, die unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“ Solidarität mit den Juden hierzulande zeigen wollen. Die jüdische Gemeinschaft in diesem Land lebt wieder in Angst. Das wird seit der antisemitischen Attacke eines mutmaßlichen syrischen Flüchtlings auf einen Kippa tragenden Israeli vergangene Woche in Berlin schmerzhaft deutlich.

Der Fall löste große Empörung aus, es gab reichlich Solidaritätsadressen aus Politik und Gesellschaft. Dabei ist das durchaus kein Einzelfall, wie der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, auf der Kundgebung vor dem Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße aufzählt: Vor sechs Jahren wurde Rabbiner Daniel Alter in Berlin-Friedenau überfallen und zusammengeschlagen, die Täter sind bis heute nicht gefasst. Zwei Jahre später wird ein israelisches Ehepaar auf dem Kudamm mit „Nazimörder Israel“ beschimpft. 2016 beleidigen Kontrolleure in der S-Bahn israelische Touristen mit antisemitischen Sprüchen. Ende 2017 brennen auf Demonstrationen israelische Fahnen. Wenig später wird ein israelischer Gastronom in Berlin-Schöneberg auf übelste Weise beschimpft. Vor zwei Wochen werden die Rapper Kollegah und Farid Bang, die in ihren Texten Opfer der Schoah verhöhnen, mit dem „Echo“ ausgezeichnet. Und dann der Angriff mit einem Gürtel auf den Kippa-Träger im Prenzlauer Berg.

„Es reicht!“, sagt Schuster bei der Kundgebung und fordert ein Ende falsch verstandener Toleranz. „Es bringt unserer Gesellschaft nichts, eine Harmoniesoße über alles zu kippen. Wer sich den Spielregeln widersetzt, die unser Grundgesetz festlegt, der darf nicht mit Toleranz rechnen.“

Die jüdischen Gemeinden in Deutschland machten sich große Sorgen über diese Realität, so Schuster. Ein „Weiter-so“ dürfe es nicht geben. Die Juden in Deutschland stünden mit ausgestreckter Hand da. „Doch unsere Geduld ist begrenzt“, sagt der Zentralratspräsident. „Deshalb fordern wir 100 Prozent Respekt für Juden, für Muslime, für Ausländer, für Homosexuelle und für alle Hautfarben.“

In Erfurt warnt am Vormittag der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Reinhard Schramm bei einer Kundgebung „Thüringen trägt Kippa“ vor „französischen Verhältnissen“ in Deutschland. Hintergrund ist der Mord an einer Holocaust-Überlebenden in Paris. Die Bundesrepublik sei ein reiches Land, das die nötigen Kosten insbesondere für die Integration junger muslimischer Flüchtlinge leisten könne. Werde jetzt nicht gehandelt, müssten auch die deutschen Juden in wenigen Jahren wieder mit einer Angst leben, die in einigen Teilen Europas schon heute trauriger Alltag sei, befürchtet Schramm.

Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) appelliert an Politik und Gesellschaft, Betroffene von Antisemitismus ernster zu nehmen. Der Antisemitismus trete offener und aggressiver auf als noch vor einigen Jahren. Es fange damit an, dass viele sich nicht mehr trauten, in der Öffentlichkeit erkennbar als Juden aufzutreten, weil sie dann angepöbelt oder massiv bedroht werden, sagte Forums-Sprecher Levi Salomon am Mittwoch. „Kippa tragen ist heute in Deutschland gefährlich geworden.“ In den 1990er Jahren sei das noch kein Problem gewesen. In der Wahrnehmung der Juden gehe die große Gefahr derzeit von dem muslimischen Antisemitismus aus.

Von der Kundgebung in Berlin und denen in anderen Städten soll ein Signal ausgehen, sagen viele der Redner aus Politik und Gesellschaft. „Antisemitismus hat in Deutschland keinen Platz.“

Einer der Redner, der Ex-Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, führt dann deutlich vor, warum das noch ein langer Weg sein wird. „Wieso musste die Jüdische Gemeinde zu einer Solidaritätskundgebung aufrufen“, fragte Özdemir. „Wieso haben nicht wir von der Mehrheitsgesellschaft das gemacht? Da liegt doch schon der Fehler.“ (epd/mig)

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2 Kommentare
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  1. -Ute Plass sagt:

    „Werde jetzt nicht gehandelt, müssten auch die deutschen Juden in wenigen Jahren wieder mit einer Angst leben, die in einigen Teilen Europas schon heute trauriger Alltag sei, befürchtet Schramm.“
    Diese Aussage empfinde ich infam, da sie ein Feindbild gegenüber ‚muslimischen Flüchtlingen“ aufbaut um darüber
    vom sog. Nahost-Konflikt abzulenken.
    der-semit.de/die-presse-manipuliert-die-oeffentlichkeit-in-sachen-antisemitismus/

  2. panther sagt:

    Jeder schlaue Mensch weiß doch, daß antisemitische Ausfälle das Ventil sind für Frustration durch Vernachlässigung und Erniedrigung. Und das vor allem auch soziale Ursachen: Die Bedrohung durch Hartz 4 und Entmietung ist real. Wenn wir diese sozialen Probleme ebenso wie die Fluchtursachen und die Integration hier Lebender nicht entschlossener als bisher angehen, dann dürfen wir uns nicht wundern… Eine einzelne Kundgebung ist wie der Tropfen auf den heissen Stein und erreicht die Verursacher gar nicht.
    Und solange von bestimmten Politikern die Ausgrenzung sozial Benachteiligter und Andersgläubiger aktiv betrieben wird (mit Ungarns Orban als Vorbild!), wird sich jeder bestätigt fühlen, wenn er/sie ein Ventil für seinen/ihren Frust sucht. Was bei den meisten ja spontan und unkontrolliert abläuft. Das ganze ist also auch ein Erziehungsproblem, bei dem man einen langen Atem haben muß.



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