MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Alternative Fakten

Liebe AfD, warum du an dunkle Zeiten erinnerst

Die AfD lässt keine Gelegenheit aus, um an dunkle Zeiten deutscher Geschichte zu erinnern. Die Echo-Preisverleihung diente ihr zuletzt als Steilvorlage. Im Kern geht es um fremdländische Namen, nichtdeutsche Wurzeln, Deutsche und Passdeutsche und um Volk und Rasse. Von Stephan Anpalagan

Stephan Anpalagan, Alternative Fakten, MiGAZIN, Kolumne, AfD
Stephan Anpalagan schreibt im MiGAZIN die Kolumne "Alternative Fakten" © privat, bearb. MiG

VONStephan Anpalagan

Stephan Anpalagan ist Diplom-Theologe, Kolumnist, Unternehmensberater und Mitglied der Band microClocks. Seit vielen Jahren setzt er sich bereits in unterschiedlichen Initiativen gegen Rassismus und Rechtsextremismus ein.

DATUM26. April 2018

KOMMENTARE4

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , , ,

Seite 1 2

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Vor einer Woche wurde also der Echo verliehen. Zu den Preisträgern gehörten dieses Jahr auch „Farid Bang“ und „Kollegah“ (an meine älteren LeserInnen: ja, die heißen wirklich so!). Im Vorfeld der Verleihung wurde dieses Mal ausnahmsweise nicht mit homophoben, gewaltverherrlichenden und sexistischen, sondern mit antisemitischen Liedzeilen provoziert. Der berechtigte öffentliche Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten, Campino verlas eine hörenswerte Verlautbarung, das Internationale Auschwitz Komitee veröffentlichte drei Pressemitteilungen zu diesem Thema und Künstler, die in der Vergangenheit mit dem Echo ausgezeichnet wurden, gaben ihre Trophäe zurück.

Wie so häufig in letzter Zeit, lohnt sich der Blick in Richtung AfD, um zu lernen, wie sich wahrhaft jedes Ereignis mit dem Thema Zuwanderung und Migration verknüpfen lässt. Alice Weidel hat in diesem Fall diese ehrenvolle Aufgabe übernommen und eine Facebook-Kachel mit dem Inhalt „Farid Bang – Nichts weiter als ein asozialer Marokkaner! Staatsbürgerschaft aberkennen und abschieben!“ veröffentlicht. Der Kachel angefügt ist ein Text, der die Forderung erklärt („zum Glück!“ möchte man sagen, da man sonst davon ausgehen müsste, die AfD wolle Farid Bang seine marokkanische (!) Staatsbürgerschaft aberkennen). Der gesamte Facebook-Post lässt sich dabei in drei Punkten zusammenfassen: 1. Verurteilung antisemitischer Strömungen 2. implizite und explizite Diffamierung des Islam 3. Forderung nach Ausbürgerung von Farid Bang.

Fremdländische Namen, nichtdeutsche Wurzeln

Dass die AfD antisemitische Worte und Taten ausschließlich in Richtung des Islam adressiert, ist ja bereits hinreichend bekannt (siehe dazu auch meinen Beitrag auf MiGAZIN). In höchstem Maße auffällig ist hingegen die Forderung nach Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft gegenüber Farid Bang, der mit bürgerlichem Namen Farid Hamed El Abdellaoui heißt (was Alice Weidel ebenfalls nicht unerwähnt lässt).

Farid Bang befindet sich damit in illustrer Gesellschaft mit:

  • Aydan Özoğuz, MdB und ehemals Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, die Alexander Gauland in Anatolien entsorgen wollte
  • Deniz Yücel, Journalist der WELT, zweimalig ausgezeichneter „Journalist des Jahres“ und ehemals politischer Gefangener des Erdogan-Regimes, den Alice Weidel nicht als deutschen Journalisten anerkennen mag
  • Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, dem Carsten Hütter, MdL Sachsen, seine deutsche Heimat abspricht
  • Aygül Kılıç, Politikerin und Sozialassistentin, deren Kopftuch die AfD Neuburg-Schrobenhausen (ja, auch die heißen so) zum Anlass nimmt sie als Islamistin und türkische Ultranationalistin zu verleumden und die allein deswegen von Beatrix von Storch an den Pranger gestellt wird (natürlich sind alle Anschuldigungen haltlos)
  • Cem Özdemir, MdB und ehemaliger Vorsitzender der Bündnis 90/die Grünen, der von Jörg Urban, MdL Sachsen, nur namentlich erwähnt werden muss, damit die Menge „abschieben, abschieben“ skandiert

Aydan Özoğuz, Deniz Yücel, Aiman Mazyek, Aygül Kılıç, Cem Özdemir oder eben auch Farid Hamed El Abdellaoui, denen die AfD ihre Staatsbürgerschaft entziehen möchte, haben eines gemeinsam. Sie alle haben „fremdländische“ Namen und nicht-deutsche Wurzeln, man könnte sie auch als Deutsche mit Migrationshintergrund bezeichnen. Und genau deshalb offenbart Alice Weidels Facebook-Post zur Echo-Verleihung die gesamte innere Haltung ihrer Partei. Obwohl „Farid Bang“ und „Kollegah“ das Echo-prämierte Album zu gleichen Teilen gemeinsam produziert haben, soll nur „Farid Bang“, aber eben nicht „Kollegah“, wegen dessen antisemitischer Inhalte ausgebürgert werden. Beide sind Muslime, beide haben einen Migrationshintergrund, doch raten Sie mal, wie „Kollegah“ mit bürgerlichem Namen heißt. Genau: Felix Blume. Und der Migrationshintergrund? Nun, Blumes Vater stammt aus Kanada. Das erscheint auch der AfD mutmaßlich der Hetze ungeeignet. So verweist Alice Weidel also nur auf Blumes muslimischen Glauben, den dieser durch seinen algerischen Stiefvater kennengelernt hat.

Deutsche und Passdeutsche

Um Menschen, die ausgebürgert, abgeschoben und im Ausland entsorgt werden sollen, zu beschreiben, benutzt die AfD, genauso wie die rechtsextremistischen Kräfte vor ihr, das Konzept des „Passdeutschen“. So schreibt Andreas Wild, MdA Berlin, „Ein deutscher Staatsbürger mit deutschem Paß ist noch lange kein Deutscher.“ und „Wenn Sie Aug und Ohr aufmachen, können Sie Männer u. Frauen sowie Deutsche u. Paßdeutsche unterscheiden„. In dieselbe Kerbe schlägt auch Jörg Meuthen, der wörtlich sagte: „Ich sehe zum Teil in den Innenstädten, in denen ich mich bewege, [nur] noch vereinzelt Deutsche.„, woraufhin die Bundeskanzlerin mit den einzig richtigen Worten antwortete: „Dann weiß ich nicht, was Sie sehen, denn ich kann auf der Straße Menschen mit Migrationshintergrund, die deutsche Staatsbürger sind und solche, die die deutsche Staatsbürgerschaft nicht haben, nicht unterscheiden“.

Wenn Jörg Meuthen also auf den ersten Blick einen Unterschied zwischen Deutschen und Ausländern zu erkennen glaubt, bleibt wohl nur die Hautfarbe als Identitätskriterium (und demnächst vielleicht wieder die Schädelform) und eben nicht die Staatsangehörigkeit, wie es Artikel 116 des Grundgesetzes definiert. So verwundert es nicht, dass Angehörige der AfD zwischen „Kanacken“ und „Negern“ auf der einen und „Biodeutschen mit zwei deutschen Eltern und vier deutschen Großeltern1 auf der anderen Seite unterscheiden. Ein beliebtes Sprichwort unter AfD-Anhängern lautet: „Ein Esel der im Pferdestall geboren wird, ist kein Pferd.„, was wohl so viel bedeutet wie: Ein Ausländer (Esel), der in Deutschland geboren wird (Pferdestall), wird niemals Deutscher (Pferd), sondern bleibt immer ein Ausländer (Esel). Dieses Sprichwort offenbart die gesamte gesellschaftspolitische Haltung der AfD-Anhänger, deren Überzeugungen zufolge die Zugehörigkeit zum deutschen Volk nicht durch das Staatsangehörigkeitsgesetz, sondern durch eine mystische Blutsgemeinschaft definiert ist und erbbiologischen Kategorien folgt.

Gemäß dieser Argumentationsmuster ist es nur folgerichtig, wenn Menschen wie Dunja Hayali oder ich selbst bei jeder Diskussion aus dem Land gewünscht und Reklametafeln, die schwarze Menschen zeigen, mit rassistischer und rechtsextremer Hetze geflutet werden. Weder Dunja Hayali, Philipp Awounou und ich, noch Aydan Özoguz, Deniz Yücel usw. können „zwei deutsche Eltern und vier deutsche Großeltern“ vorweisen und sind entsprechend auch keine Biodeutschen im Sinne der AfD (und zufälligerweise auch keine Arier im Sinne Josef Goebbels). Nun könnte man meinen, all die Worte und Aussagen von AfD-Bundestags- und Landtagsabgeordneten seien „Einzelfälle“ oder „individuelle Verfehlungen“.

Dagegen spricht zum einen die Tatsache, dass sich sowohl Parteivorsitzende, Fraktionsvorsitzende, und Vorsitzende der Landesparteien in einer Art und Weise äußern, die keinen Zweifel am Narrativ des „falschen Deutschen“ lassen. Zum anderen hat die Partei ihren Wunsch nach Ausbürgerung deutscher Staatsbürger mit „Migrationshintergrund“ bereits institutionalisiert. So findet sich in verschiedenen Änderungsanträgen zum AfD-Bundesparteitag mehrfach der Wunsch, dass „die Ausbürgerung krimineller [deutscher] Staatsbürger (!) mit Migrationshintergrund (!!) möglich werden“ soll „und zwar auch dann, wenn die Ausgebürgerten dadurch staatenlos werden„, was die Bundesprogrammkommission wortgleich in ihren Leitantrag zum Bundesparteitag hineinformulierte und die Gesamtpartei noch immer prominent auf der Webseite platziert.

  1. erste Version im Bearbeitungsverlauf  []
Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

4 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Roman sagt:

    Lieber Stephan Anpalagan, die letzten Kolumnen waren schon sehr, diese reiht sich nahtlos ein. Vielen Dank für die hohe Qualität in Ihren Beiträgen.

  2. Arno Wahl sagt:

    bitte denkt doch daran OHNE die AfD im Reichtstag ginge der unglaubliche Schlendrian der GroKo einfach so weiter. Wir werden und wurden verraten, ginge es nach manchem SESSELFURZER würde man sogar die Nationalhymne verwässern, ein einmaliger Vorgang auf der ganzen Welt !

  3. Arno Wahl sagt:

    cher STEPHAN, danke für die effizienten Beiträge, unsere sogenannte Demokratie hat guten Journalismus ganz dringend nötig !

  4. karakal sagt:

    Die Mutter von Aiman Mazyek, des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), ist abstammungsdeutsche Konvertitin und sein Vater ein seit langem eingebürgerter Syrer. Für ihre Leistung, acht Söhne großgezogen zu haben, erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Er selbst ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und hat die Heimat seines Vaters niemals betreten.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...