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Wandel im Schneckentempo

Ein Durchbruch für die Textilarbeiterinnen in Asien steht noch aus

Die rund 50 Euro, die eine Näherin in Bangladesch im Monat verdient, reichen nicht für Essen, Wohnen, Schule. Fünf Jahre nach der Tragödie von Rana Plaza liegt in der Textilindustrie noch vieles im Argen. Konsumenten können Druck machen. Von Silvia Vogt

Bangladesch, Straße, Fahne, Flagge, Häuser
Straßenbild in Bangladesch © Francisco Anzola @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

DATUM24. April 2018

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RESSORTAktuell, Ausland

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Mehr als 1.100 Tote, rund 2.500 Verletzte: Der Einsturz des Fabrikhochhauses Rana Plaza vor fünf Jahren erschütterte Bangladesch – und brachte die Textilindustrie weltweit unter Druck. Nie wieder sollte es solch eine Tragödie geben, versicherten Politiker und Konzerne. Mit internationaler Hilfe hat Bangladesch die Sicherheit seiner Fabriken verbessert. Doch Unglücke mit kleineren Ausmaßen gehören in Billig-Produktionsländern nach wie vor zur Tagesordnung, die Löhne der Näherinnen reichen nicht zum Leben, und Gewerkschaften sind Fesseln angelegt.

„Von den gerade einmal rund 50 Euro im Monat kann eine Näherin nicht Essen, Wohnen, Medikamente und Schule für die Kinder bezahlen“, sagt die bangladeschische Aktivistin Kalpona Akter. Oft müssten die Arbeiterinnen Elf-Stunden-Schichten leisten, sechs Mal pro Woche. „Und zu den Überstunden werden sie gezwungen.“ Dass sich die Beschäftigten gewerkschaftlich organisieren dürfen, gelte in der Theorie. „Aber wenn sie es versuchen, werden sie meist bedroht, gefeuert oder sogar angegriffen.“

Der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes am 24. April 2013 habe Schockwellen durch eine Industrie gesandt, die auf die Ausbeutung billiger und verletzlicher Arbeitskräfte gebaut habe, resümiert Christie Miedema von der Clean Clothes Campaign. Direkt nach dem Unglück, „als die Augen der Welt auf Bangladesch gerichtet waren“, schienen Versprechen tatsächlich mehr als Lippenbekenntnisse: Das Arbeitsgesetz sei überholt worden, ein Mindestlohn eingeführt, Gewerkschaften mehr Freiheiten eingeräumt worden. Zudem sei mit dem Gebäude- und Brandschutzabkommen Bangladesch-Accord die Sicherheit spürbar verbessert worden. Mehr als 100.000 Mängel fielen den Inspektoren in rund 1.800 Fabriken auf.

Verbesserungen nur kurzlebig

„Doch solche Aktionen können nur dann einen wirklichen Wandel bewirken, wenn sie für die gesamte Industrie gelten, nicht nur für Bangladesch“, mahnt Miedema. „Und zweitens müssen sie nachhaltig und anhaltend sein.“ Nach fünf Jahren scheine keines der beiden Kriterien erfüllt: Die Lehren für die Gebäudesicherheit seien in anderen Ländern nicht gezogen worden, und in Bangladesch hätten sich die Verbesserungen bei Lohn und Arbeiterorganisation als kurzlebig erwiesen. Wichtig sei nun anhaltender Druck der Käufer.

Textilimporteure in Deutschland sehen sich indes auf gutem Weg: „Die Sicherheit der Fabriken, die für den Export arbeiten, hat sich dank des Engagements der westlichen Firmen deutlich verbessert“, betont der unter starkem öffentlichen Druck stehende Modediscounter KiK, der in Rana Plaza fertigen ließ und inzwischen auch Entschädigungen an die Opfer zahlte. „Im nächsten Schritt müssen jetzt die Anstrengungen erhöht werden, die Lohnsituation der Beschäftigten zu verbessern und die gewerkschaftlichen Aktivitäten zu verstärken“, erklärt das Unternehmen, das selbst keinen Betriebsrat hat.

Ähnlich äußern sich auch andere Unternehmen – vom Discounter bis zum Öko-Anbieter. Unisono betonen etwa der Billig-Importeur Primark ebenso wie C&A, H&M, Aldi und Lidl oder Tchibo und Esprit die Erfolge des Bangladesch-Accords und versichern, sich auch für insgesamt bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. Vor allem die Stärkung von Arbeitnehmervertretungen und faire Löhne werden genannt. H&M weist darauf hin, dass alle zuliefernden Fabriken in Bangladesch inzwischen demokratisch gewählte Arbeitnehmervertretungen hätten; Lidl unterstreicht, seit Jahren Trainings für Textilhersteller zu finanzieren, die auch die Themen Entlohnung, Überstunden und Versammlungsfreiheit umfassen.

Höhere Standards für Unternehmen freiwillig

„Es gibt noch viel zu tun, wir sind noch nicht am Ziel“, räumt der Handelsverband HDE ein, dem auch große Konzerne angeschlossen sind. Doch nur in einem „engen Schulterschluss von Staat, Zivilgesellschaft und Unternehmen“ könnten die sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen nachhaltig verbessert werden, betont Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

In die Pflicht nehmen lassen müssen sich die Unternehmen dabei noch nicht. Bisher ist der Einsatz für höhere Standards freiwillig, etwa im deutschen Textilbündnis, das Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) nach Rana Plaza ins Leben rief. Dort sind aber nur 50 Prozent der deutschen Textilanbieter dabei, und die Großen des Online-Handels fehlen. Deshalb plädieren nun auch Importeure wie KiK für verbindliche Regeln für alle. Sie fürchten sonst Wettbewerbsnachteile.

Sowohl auf Bundes- als auch auf Europaebene werden mögliche verbindliche Regeln geprüft, Gesetze zeichnen sich aber noch nicht ab. Ohne solche Vorgaben glauben Arbeits- und Menschenrechtler aber nicht an einen wirklichen Durchbruch. „Es ist absolut notwendig, von rein freiwilligen Maßnahmen abzurücken“, erklärt Christie Miedema. „Diese haben sich in der Vergangenheit als klägliche Versager erwiesen.“ (epd/mig)

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