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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Experten kritisch

Schulverbände lehnen Kopftuchverbot für Kinder ab

Der Vorstoß der nordrhein-westfälischen Landesregierung für ein Kopftuchverbot für junge Mädchen sorgt weiter für Diskussionen. NRW-Integrationsstaatssekretärin Güler will mit einem Verbot Kinder vor ihren Eltern schützen. Experten und Schulverbände reagieren kritisch.

Schule, Grundschule, Hauptschule, Gymnasium, Graffiti
Schule © onnola @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die nordrhein-westfälische Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU) hat den Vorstoß der Landesregierung für ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren verteidigt. Bei dem erwogenen Verbot gehe es weder um Religion noch um Integration, sagte Güler am Mittwoch im ZDF-„Morgenmagazin“: „Es geht um die freie Entfaltung des Kindes.“ Wenn ein Mädchen so früh ein Kopftuch trage, müsse darüber debattiert werden, „inwieweit wir auch in manchen Fällen sogar die freie Entwicklung des Kindes vor den Eltern schützen müssen“.

„Das Kopftuch sollte man auch nach islamischen Brauch erst mit Anfang der Pubertät tragen“, sagte die CDU-Politikerin weiter. Nach islamischen Verständnis trage eine Frau ein Kopftuch, um ihre Reize vor Männern zu verhüllen. Wenn Kinder Kopftücher trügen, sexualisiere sie das. Sie habe häufiger von Eltern gehört, dass Mädchen schon früh Kopftuch tragen sollten, damit sie es später nicht mehr hinterfragen. „Ich möchte aber, dass Kinder das hinterfragen“, sagte die Integrationsstaatssekretärin. Wenn eine junge Frau sich später für das Kopftuch entscheide, sei das ihr gutes Recht.

Khorchide: Eltern beeinflussen ihre Kinder

Ähnlich äußerte sich der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Kaum ein muslimisches Mädchen unter 14 Jahren trage aus eigener Motivation ein Kopftuch, sagte der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster dem „Evangelischen Pressedienst“. „In den meisten Fällen beeinflusst der Vater das Mädchen subtil dazu, Kopftuch zu tragen.“ Ein gesetzliches Verbot könne eine große Hilfe für die Mädchen sei, die sich nur schwer gegen ihre Väter durchsetzen könnten.

Die NRW-Landesregierung prüft ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren. Zuvor war in Österreich ein solches Verbot für Kitas und Grundschulen angekündigt worden.

Schulverbände lehnen Kopftuchverbot ab

Juristen und Integrationsexperten in Deutschland zweifeln an der Rechtmäßigkeit eines Verbotes. Lehrer reagierten uneinheitlich. Der Philologenverband und der Deutsche Lehrerverband begrüßten den Vorstoß, der Grundschulverband und die Gesamtschulleiter in NRW dagegen lehnten ihn ab. „Für den Grundschulverband besteht an dieser Stelle keinerlei Handlungsbedarf“, sagte die Landesvorsitzende des Fachverbandes, Christiane Mika, der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“. An ihrer Schule beispielsweise seien von 345 Schülern 280 Muslime, davon trügen lediglich sechs Mädchen Kopftuch, sagte Mika, die eine Dortmunder Grundschule leitet.

Skeptisch äußerten sich auch die Gesamtschulleiter. „Auch wenn die Anzahl der Kinder mit Kopftuch an den Gesamtschulen zugenommen hat, ist das derzeit kein relevantes Phänomen“, sagte Mario Vallana, Landessprecher der Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen der Zeitung: „Grundsätzlich halten wir nicht viel von pauschalen Verboten. Ziel der Gesamtschulen ist es, möglichst viele Kinder zu integrieren. Ein Verbot dürfte da mehr Probleme provozieren als lösen.“

Germershausen: Kopftuchverbote erschweren Frauen das Leben

Kritisch sieht auch der Berliner Integrationsbeauftragte Andreas Germershausen ein Kopftuchverbot für Minderjährige. Das löse keine Probleme, sagte Germershausen dem „Evangelischen Pressedienst“. Er beobachte seit langem, dass Kopftuchverbote den Übergang muslimischer Frauen in das alltägliche soziale Leben erschwerten: „Es nötigt Frauen, die ein Kopftuch tragen, in abgegrenzte Felder, in denen das Kopftuch üblich ist.“ Zudem bezweifelt der Integrationsbeauftragte, dass ein Kopftuchverbot mit der Religionsfreiheit und mit dem Erziehungsrecht der Eltern in Einklang steht. „Dagegen steht auch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts der letzten Jahre. Eine fixe Altersgrenze kann individuellen Anliegen von Mädchen nicht gerecht werden“, erklärte Germershausen.

Der Integrationsforscher Haci Halil Uslucan warnte unterdessen davor, die Rolle der Religion bei der Integration zu überschätzen. Repräsentative Umfragen hätten ergeben, dass die Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft vor allem am festen Arbeitsplatz und an der Staatsangehörigkeit bemessen werde, sagte der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung dem „Evangelischen Pressedienst“. Religiosität oder kulturelle Herkunft seien nachrangig. Im Bildungsbereich zeige sich deutlich, dass die ökonomische Lage der Eltern entscheidender für Erfolge in Schule und Beruf sei als die Religion. (epd/mig)

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2 Kommentare
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  1. Raver sagt:

    ..derzeit kein gravierendes Problem… -> sollten wir also warten bis es eines wird? Alleine das es nur ein einziges Mädchen in der Grundschule mit Kopftuch () gibt finde ich zu viel.
    Und die Argumentation mit der Religionsfreiheit – das Grundgesetz was allen die freie Entfaltung und auch Kinderrechte sehr hoch ansetzt steht über jedwedem religiösen Vorgaben. Mal abgesehen davon scheint ja selbst im „Lehrbuch des Islam, dem Koran “ ja nichts davon zu stehen. Die Argumente „für“ das Kopftuch dürften also eher spärlich sein und ein „Cih will das weil ich die Religion so auslege“ müsste von vorneherein abgelehnt werden. Denn damit könnte ich auch sagen „ich will das meine 3-jährige einen Nikab trägt weil ich das so auslege“.

    Gleiches sehe ich übrigens auch bei der Körperverletzung, der Beschneidung – ein „Brauch“ der abgeschafft und verboten gehört. Leider hat sich der Gesetzgeber, wohl aus Rücksicht auf die jüdische Gemeinde in Deutschland und die dunkle Vergangenheit, da nciht rangewagt.

  2. rational_z sagt:

    „Mit dem „Zwang zu Freiheit“ lässt sich viel anstellen“ (Prof. Dr. Alexander Somek). Auf die Sozialpsychologie kommt es an:
    Politiker „sorgen“ sich um das Wohl von muslimischen Kindern, wollen diese befreien vor ihrer Sozialisation im Elternhaus. Verletzung des Erziehungsrechts der Eltern, Verletzung des Grundgesetzes? Ist relativ, kommt auf die (schräge) Sicht an.
    Wie lächerlich das klingt, wenn die relaltivitätstheoretische Perspektive nur annährend gedacht wird: einige „Wellen“ weiter werden Kinder mit und ohne Kopftuch, mit und ohne Religion jeglicher Menschlichkeit beraubt, ihre Zukunft zerbombt, auch mit deutschen Waffen. Für sie macht es keinen Unterschied, wer, wem ökonomisch vorzugekommen ist, wer wen ausspioniert und ausgetrickst hat. Sie wurden ihrer vertrauen Sozialisation entrissen. Ergebnis schräger Sichten…
    Diese Kinder – anscheinend weit weg von uns – brauchen dringendst Beistand, sie brauchen energische, jegliche Grenzen übergreifende Allianzen, wo bleibt das C…, das S…, oder das G… in den praktischen Programmen? (Die Neuzugänge in den Parlamenten mal außen vor.)
    Das Kasperletheater am Rande des Marktplatzes wirkt jetzt wirklich albern. Ein selbst kreiertes Phantom jagen ist schon langweilig.
    Die Kinder verspüren die Konfliktlösungen der Machteliten aller Couleur deutlich und am massivsten. Hier sind alle, C=christliches + S=soziales + G=grünes + M=muslimisches Potential gefragt.
    Was innenpolitisch schräg schaut, wird außenpolitisch kaum anders im Stande sein. „Normalisierung des Andersseins“ (Somek) verlangt Größe;
    Karrierechancen verspricht es nicht …. wie armselig.



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