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Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Zum 90. Geburtstag

Hardy Krüger, vom Hitlerjungen zum Weltbürger

Mit John Wayne ging er in „Hatari!“ auf Großwildjagd in Afrika, mit James Stewart kämpfte er ums Überleben in der Wüste. Hardy Krüger ist berühmt als Schauspieler und Autor. Und er setzt sich gegen rechte Gewalt ein – aus ganz persönlichen Gründen. Von Wilhelm Roth

Hardy Krüger, Film, Kino, Schauspieler, Rechtsextremismus, Nationalsozialismus
Hardy Krüger in dem Film "Der Flug des Phoenix" (1965)

DATUM11. April 2018

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Hardy Krüger zog es immer in die Ferne: Er ist ein Weltenbummler, lebte lange auf einer Farm in Afrika. Seine Filme und Bücher haben immer mit seinem Leben zu tun, mit Überzeugungen, Erfahrungen, seiner Abenteuerlust.

Seit einigen Jahren engagiert sich Krüger, der am 12. April 90 wird, entschieden gegen Rechtsextremismus. Zusammen mit Hark Bohm, Klaus Bednarz und Dieter Hallervorden hat er 2013 die Initiative „Gemeinsam gegen rechte Gewalt“ gegründet. „Hebt Euch ab von den Politikverdrossenen und anderen Gedankenlosen, die uns schon einmal ins Verderben haben gehen lassen“, appellierte er in seinem Buch „Was das Leben sich erlaubt. Mein Deutschland und ich“ (2016) an die Jugend. In Schulen erzählt er von seinen Erfahrungen.

Auch dieses entschiedene Werben für Demokratie hat mit seinem eigenen Leben zu tun: Hardy Krüger, der 1928 als Franz Eberhard August Krüger in Berlin zur Welt kam, wurde er von seinen Eltern „zum Nazi erzogen“, wie er sagte. 1941 kam er auf die Adolf-Hitler-Schule der „Ordensburg Sonthofen“, ein nationalsozialistisches Elite-Internat. Seinen ersten Filmauftritt hatte Krüger 1943 im NS-Propagandafilm „Junge Adler“, er spielte einen der Lehrlinge eines Flugzeugwerks.

Doch diese Dreharbeiten wurden zu einem Wendepunkt seines Lebens. Unter den Schauspielern waren Hans Söhnker und Albert Florath, die dem jungen Nazi die Augen öffneten für die Verbrechen des NS-Regimes. Söhnker hat geholfen, Juden vor den Nazis zu verstecken; Florath war einst sozialistischer Abgeordneter der Bayerischen Nationalversammlung gewesen.

In amerikanischer Gefangenschaft

Im Frühjahr 1945 wurde Krüger noch zur Waffen-SS eingezogen, weigerte sich, auf einen amerikanischen Spähtrupp zu schießen. Später desertierte der jugendliche Soldat, kam in amerikanische Gefangenschaft. Nach dem Kriege begann seine schauspielerische Laufbahn – als Statist am Hamburger Schauspielhaus. Aber dann ging es schnell. Schon 1949 drehte er drei Filme, und dieses Tempo hielt er in den 50er Jahren bei: Komödien, Krimis, Melodramen.

Die Hauptrolle in dem britischen Film „Einer kam durch“ war 1957 sein internationaler Start. Er verkörperte den deutschen, aus der Schweiz stammenden Jagdflieger Franz von Werra, der 1940 über England abgeschossen wurde, als Gefangener nach Kanada kam und sich von dort über die USA und Südamerika nach Deutschland durchschlug. Krüger zeichnete ihn als eleganten, lässigen jungen Mann voller Freiheitsdrang, Werras Nazikarriere wurde nur angedeutet.

In Helmut Käutners moderner „Hamlet“-Version „Der Rest ist Schweigen“ von 1959 kehrt er als Erbe eines Industrieunternehmens, das mit den Nazis zusammengearbeitet hatte, aus den USA ins Ruhrgebiet zurück. Er will herausfinden, wie sein Vater 1944 tatsächlich ums Leben kam. Krüger ist ein aktiver Hamlet, kein Zauderer, er bringt Bewegung in die erstarrte Gesellschaft der Adenauer-Zeit.

Der zweite oder dritte Star

Dann rief Hollywood: Mit John Wayne ging er 1961 in „Hatari!“ auf Großwildjagd in Afrika, 1965 rettete er als Kollege von James Stewart in „Der Flug des Phönix“ die Besatzung eines in der Sahara abgestürzten Flugzeugs, indem er aus den Trümmern ein neues baute. Er spielte in vielen Actionfilmen, hatte Yul Brynner, Orson Welles, Anthony Quinn oder Sean Connery als Partner. Krüger selbst war immer der zweite oder dritte Star, hatte aber als idealer Abenteuer-Held starke Rollen.

Besonders liebte er zwei französische Filme, die einen anderen Hardy Krüger zeigten: „Sonntage mit Sibyll“ von Serge Bourguignon, der 1962 den Auslands-Oscar gewann, aber in Deutschland kaum zu sehen war, und „Le franciscain de Bourges“ (1968) von Claude Autant-Lara, den kein deutscher Verleiher wollte.

Im ersten spielte er einen ehemaligen Vietnam-Piloten, der das Gedächtnis verloren hat. Bei Autant-Lara war er ein zur Nazi-Armee eingezogener Mönch, als Sanitäter eingesetzt, der sich entscheiden musste, ob er gegen den Befehl einem von der Gestapo gefolterten Franzosen helfen soll.

Hardy Krüger heute

In Interviews und Talkshows von heute dominieren andere Themen: Hardy Krügers Privatleben, seine drei Ehen, aber auch Erinnerungen an seine Erlebnisse in der Nazizeit und sein heutiges Engagement gegen rechts.

Ab 1970 wurde er auch als Autor populär. Neben Erinnerungen stehen Reiseberichte, Romane und Erzählungen, die oft an exotischen Schauplätzen spielen. Einige Bücher setzte er auch für das Fernsehen um, stellte zwischen 1987 und 1995 in der NDR-Serie „Weltenbummler“ spektakuläre Gegenden und ihre Bewohner vor.

Sein Sohn Hardy Krüger junior und die älteste Tochter Christiane sind ebenfalls Schauspieler geworden. Mit seiner dritten Frau, der Amerikanerin Anita Park, pendelt der Weltenbummler zwischen Kalifornien und Hamburg. (epd/mig)

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