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Sieben Jahre heimatlos

Syrische Flüchtlinge in Nachbarländern glauben nicht an Rückkehr

Sieben Jahre nach Beginn des Syrienkrieges leben Millionen Flüchtlinge in der Region, unterstützt von Hilfen der Staatengemeinschaft. Doch ihre Hoffnung, eines Tages in ihre Heimat zurückkehren zu können, ist geschwunden. Von Marc Engelhardt

Syrien, Krieg, Häuser, Ruinen
Unbewohnbar, ein Stadtbild in Syrien © Beshr O @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Hinter Hussein erstreckt sich eine Blumenwiese mit einem Baum übervoll mit goldenen Früchten. Die Zwei Paradiesvögel in den Zweigen wirken, als wollten sie den elfjährigen Jungen beschützen. Doch sie sind, wie der Baum und die Wiese, nur gemalt, auf die Wand einer tristen Kunststoff-Baracke, in der sich Husseins Klassenzimmer befindet. „Ich gehe jeden Tag gerne hierher, hier habe ich Freunde gefunden, und es gibt ein warmes Mittagessen.“ Hussein lächelt, aber nur kurz.

Vor vier Jahren ist er mit seiner Familie nach Zaatari gekommen, ein eingezäuntes Flüchtlingslager mitten in der jordanischen Wüste. Die Unterkünfte sind ähnlich trostlos wie die Schule, obwohl die Campleitung Maler engagiert hat, um die Wände aufzuhübschen. Seine Heimat war viel schöner, erinnert sich Hussein. „Aber dann wurden alle umgebracht und wir flohen.“ Sein Vater weinte den ganzen Weg über, sein Onkel starb. Mehr erinnert er nicht, oder zumindest versucht er es. Lieber denkt er an die Zukunft. „Wenn ich groß bin, möchte ich Pilot werden und Syrien vor den Bomben beschützen.“

Sieben Jahre Massenflucht

Sieben Jahre Krieg, das bedeutet auch: Sieben Jahre Massenflucht. Die mit Abstand meisten Flüchtlinge leben in den Nachbarländern: 3,5 Millionen in der Türkei, zwischen einer und 1,5 Millionen im Libanon, 660.000 in Jordanien, weitere in Ägypten und im Irak. Dazu kommen gut eine Million, die Asyl in anderen Teilen der Welt beantragt haben, viele davon in Deutschland. Wohl auch, damit nicht noch mehr nach Deutschland kommen, versucht die Bundesregierung, die Bedingungen für Flüchtlinge in der Region so gut wie möglich zu machen. Knapp 450 Millionen Euro flossen 2017 aus dem Bundeshaushalt für Flüchtlingshilfe in Syriens Nachbarländer.

Im Libanon, das pro Einwohner mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen hat als irgendein anderes Land, finanziert Deutschland die Arbeit des Welternährungsprogramms (WFP) gut zur Hälfte. Hammoud und Abeer, die mit ihren Kindern und Verwandten 2012 aus Homs ins Bekaa-Tal im Osten Libanons geflohen sind, hören gar nicht auf, sich dafür zu bedanken. „Ohne die Nahrungsmittelhilfe hätten wir nichts, sie ist unsere wichtigste Überlebensquelle“, sagt der 40-jährige Hammoud. Seit kurzem bekommt er die knapp 22 Euro pro Kopf und Monat in bar ausgezahlt. „Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.“

„In Syrien waren wir selbstständig.“

Hammoud, Abeer und ihre vier Kinder leben in einem vielleicht 30 Quadratmeter großen Zelt am Ortsrand von Saadnayel. Für Miete und Strom zahlen sie mehr als 100 Euro im Monat. Alle schlafen in dem einen Raum, den sie von der Küche abgetrennt haben. Was sie einst besaß, hat die Familie verkauft. Vom Erlös hat Hammoud einen Betonboden gelegt und ein Schutzmäuerchen aus Steinen. „Am Anfang kamen riesige Skorpione ins Zelt, ich konnte monatelang nicht schlafen,“ erinnert sich Abeer. Jetzt ist es besser, aber die Eltern trauern noch täglich ihrem alten Leben hinterher.

„In Syrien waren wir selbstständig, wir hatten ein Haus, Arbeit, und waren glücklich“, sagt Hammoud. Jetzt ist das Geld schnell ausgegeben, vor allem für Schulden, die die Familie den Monat über gemacht hat. Das Bargeld hat ihm Flexibilität ermöglicht, sagt er. Außer Lebensmitteln schlagen auch Medikamente für den behinderten Sohn ins Kontor. Hofft Hammoud darauf, bald nach Homs zurückzukehren? Unvermittelt bricht der starke Mann in Tränen aus. „Unser Haus ist zerstört, die ganze Stadt – es gibt kein Homs mehr“, sagt seine Frau. Ihre einzige Hoffnung sieht die Familie im Ausland, fern der Heimat.

Lieber Gefängnis statt Rückkehr

Auch im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari ist das so. Abu Gassem, der als Bäcker das Schulessen für Hussein und seine Klassenkameraden zubereitet, sagt: „Zurück nach Syrien? Nicht in der gegenwärtigen Situation.“ Dabei lebt Abu Gassem wie in einem Gefängnis. Zaatari ist umgeben von Zäunen mit Stacheldraht, Flüchtlinge dürfen das Lager nur mit Sondergenehmigung verlassen, Arbeit außerhalb des Camps ist deshalb kaum zu kriegen. Dass er jeden Tag ab 6 Uhr 30 in der Backstube stehen darf, ist für Abu Gassem ein Privileg.

In sechs solcher Küchen lässt das WFP täglich bis zu 30.000 Schulmahlzeiten zubereiten, ein Stück Pizza, eine Gurke, ein Apfel. Nicht viel, aber lokal produziert und ausgewogen, und für manchen die einzige Mahlzeit am Tag. „Viele Kinder kommen nur deshalb in die Schule“, weiß Direktor Ibrahim Khaled. Das sei wichtig, weil sie nur hier die traumatischen Fluchterlebnisse bewältigen könnten. „Wir bieten Therapien an und machen viel Sport, das hilft.“ Von Rückkehr reden die Kinder kaum, sagt er. Syrien, das ist für viele nur Tod und Verderben. Nach sieben Jahren sind die meisten Schüler von Zaatari heimatlos geworden. (epd/mig)

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2 Kommentare
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  1. panther sagt:

    Man schaue sich an, was nicht gesagt wird in diesem Artikel: Der Leser/die Leserin würde gern genauer wissen, wozu die 450 Mio für Flüchtlingshilfe „in den Nachbarländern Syriens“ genauer verwendet werden. Und wie verhält sich das zu den andauernden Waffenlieferungen, nicht nur an die Türkei, auch an Saudi-A., die VAE, Ägypten und die NATO-Staaten USA, England, Frankreich, die alle militärisch in Syrien involviert sind, Teile des Landes besetzt halten (wollen) und sich mit Rußland und dem Iran einen erbitterten Krieg um Einflußzonen liefern. Produziert das nicht mehr Flüchtlingsströme, Leid und Elend ? Und die Bundesregierung geht mit der Aussetzung des Famiennachzugs davon aus, daß diese Menschen bald wieder zurückkehren können ! Welch ein Irrsinn !
    Macht erstmal mit dem Rüstungsexport Schluß !

  2. FrankUnderwood sagt:

    Auch wenn sich die aktuelle Situation vor allem im Norden, durch die türkische Invasion, verschlechtert, müssen wir die Betroffenen immer wieder vorsichtig daran erinnern, dass eines Tages eine Rückkehr notwendig ist.

    Der ehemalige Prasident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier hat in der Presse (zb Welt.de) mehrfach darauf hingewiesen, dass das Asylrecht nicht als Ersatz für ein Einwanderungsrecht missbraucht werden darf. Die Mehrzahl syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge hat nun mal subsidiären Schutz zugesprochen bekommen und damit ist ein Daueraufenthalt nicht vorgesehen. Frau Merkel hat die Grenze in einer Notsituation offen gehalten. Das war in der Not moralisch völlig verständlich, jedoch hat sie damit dennoch Rechtsbruch begangen und europäische Partner übergangen.

    Unsere Aufgabe ist es in der Zwischenzeit dafür zu sorgen, dass wir die geflüchteten Syrer nicht einfach verwalten, sondern deren Persönlichkeit und Lebenslauf weiterentwickeln. Weiterentwickeln durch Austausch, schulische Bildung, Sprachkurse, Berufsausbildung und wenn möglich Studium.

    Wenn wir aber ein pauschales Bleiberecht aussprechen würden, blutet Syrien intellektuell aus. Diese Tatsache mag sich für die Geflüchteten wie ein Schlag ins Gesicht anfühlen. Aber wir sind in der Pflicht diese Dinge anzusprechen und einzufordern.



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