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Islam-Debatte

Experten warnen und widersprechen Seehofer

Die Islam-Äußerung des neuen Innenministers Seehofer schlägt weiter hohe Wellen. Historiker widersprechen Seehofer, Extremismusforscher warnen, dass auf Worte Taten folgen könnten. Kirchenrechtler halten Trennung von Muslimen und Islam für nicht sinnvoll.

Nach der Äußerung von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zum Islam warnt der Bielefelder Extremismusforscher Andreas Zick vor zunehmenden Spannungen in der Gesellschaft. Solche Sätze erzeugten „unnötige innergesellschaftliche Konflikte und Vorurteile“, sagte der Extremismus- und Konfliktforscher am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Außerdem werde so die Möglichkeit behindert, „sich tolerant und vernünftig zu unterhalten“. Die sofortigen, zum Teil hasserfüllten Kommentare im Internet würden eine deutliche Sprache sprechen. Bei den Muslimen weckten solche Worte ein Gefühl der Missachtung.

Seehofer hatte in dem Boulevardblatt „Bild“ erklärt, dass er den Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ für falsch halte. „Deutschland ist durch das Christentum geprägt“, sagte Seehofer dem Blatt.

Konflikte und Diskussionen über Fragen der Kultur und Wertorientierungen in Deutschland seien wichtig und müssten möglich sein, unterstrich der Wissenschaftler. „Auch über den Islam müssen wir streiten können.“ Eine Debatte über religiöse und kulturelle Prägungen dürfe jedoch nicht eine Gruppe herabsetzen, mahnte Zick.

Extremismusforscher: Gift für die Gesellschaft

Studien zeigen nach seinen Worten in der Gesellschaft massive islamfeindliche Vorurteile und Stereotype. Islamfeindliche Menschen fühlten sich durch solche Äußerungen bestärkt, warnte der Extremismusforscher. Einige könnten jetzt meinen, dass Worte nicht reichten, und Taten folgen müssten.

Oberflächliche und vorurteilsvolle Diskussionen seien „Gift für die Gesellschaft“, die in dieser Frage ohnehin schon gespalten sei. Demokratisch orientierte Bürger seien Studien zufolge allerdings viel mehr für die Gleichstellung von Religionsgemeinschaften, als es mediale und politische Debatten vermuten ließen. „Politik und Medien müssen überlegen, ob sie tatsächlich ein angemessenes Stimmungsbild abbilden.“

Kirchenrechtler: Islam und Muslime nicht trennbar

Auch der Kirchenrechtler Hans Michael Heinig hält nicht viel von der politischen Unterscheidung, ob der Islam oder die Muslime zu Deutschland gehören. Aus rechtlicher Sicht könne man das nicht unterscheiden, sagte Heinig dem epd. „Es gibt aus Sicht des Grundgesetzes keine Religion ohne das Individuum. Man kann nicht sagen, die Muslime gehören zu Deutschland, der Islam aber nicht“, sagte er.

Heinig mahnte einen sensibleren Tonfall in der Debatte an. Mit Blick auf anonyme Morddrohungen gegen Muslime in Deutschland und Brandanschläge auf Moscheen in den vergangenen Tagen dürfe die islamkritische Debatte keinesfalls „hysterisch“ oder „stigmatisierend“ geführt werden.

Historiker: Islam hat hiesige Kultur geprägt

Mit Blick auf die Äußerungen des neuen Innenministers Horst Seehofer (CSU) hat der Mittelalterhistoriker Michael Borgolte den Beitrag des Islams zur hiesigen Kultur betont. Dieser Beitrag sei „geradezu grundlegend“, sagte der emeritierte Mediävist der Berliner Humboldt-Universität dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Es waren Araber und Syrer muslimischen Glaubens, die große Teile der Werke antiker griechischer Naturwissenschaft und Philosophie retteten, übersetzten und kommentierten und diese damit der lateinischen Welt des westlichen Europa überlieferten.“

Der wissenschaftliche Aufbruch des hohen Mittelalters, der die Voraussetzungen für die moderne Welt geschaffen habe, beruht nach Ansicht Borgoltes auf diesen Leistungen muslimischer Gelehrter. Deutschland als Teil des westlichen Europas habe dem Islam seit dem Mittelalter „Unschätzbares“ zu verdanken, sagte der Historiker, der auch mit der Gründung des Instituts für Islamische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität beauftragt ist.

Kirchen: Debatte nicht zielführend

Evangelische und katholische Kirche wollten die von Seehofer neu angestoßene Debatte nicht kommentieren. An einer Neuauflage der Debatte, die sich „als nicht zielführend“ erwiesen habe, wolle man sich nicht beteiligen, sagte ein Sprecher der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. (epd/mig)