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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Bewusstseinswandel

Mode und Migration: Ein verbindender Schmelztiegel der Kulturen

Mode ist ein Kommunikationsmittel. Kleidung sagt mehr über Zeitgeschehen und Politik aus als mancher glaubt. Sie ist zudem Ausdruck kultureller Akzeptanz und Zeichen für Bewusstseinswandel, wie wir derzeit erleben.

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Szene mit Mariah Idrissi aus dem H&M Werbespot © H&M

Mode ist längst ein Bindeglied und ein Sammelbecken der Kulturen in Deutschland geworden. Während die Interkulturalität in der Musik oder beim Essen sich in die Gesellschaft längst etabliert hat, wird Kleidung und Mode immer noch skeptisch beäugt. Ob das daran liegt, dass Mode in Deutschland als kulturelles Phänomen kaum anerkannt ist, sei dahingestellt.

Fakt ist, dass Kleidung mehr über Zeitgeschehen und Politik aussagt als mancher glaubt. Die gesellschaftlichen Verhältnisse und Probleme spiegeln sich in der Mode wieder, sie wird ein künstlerisches und politisches Sprachrohr. Besonders in den Großstädten finden sich diverse Kulturen und Stile wieder, die sich dort herausgebildet haben und wieder neue Trends ins Leben rufen.

Wie prägen Migranten neue Modestile?

Mode ist in Deutschland eher ein vernachlässigtes Thema. Praktisch und sinnvoll müssen Klamotten sein, ohne etwas ausdrücken zu wollen und teilweise auch ohne ästhetische Gesichtspunkte. Doch spaziert man durch eine Großstadt wie Berlin wird schnell deutlich, dass Mode Im Kern mehr ist als eine praktische Körperbedeckung. Mode verrät vieles über den Träger und transportiert Botschaften.

In Bezirken wie Neukölln, in welchem man Baggy-Jeans, Base Caps und modische Dad Sneaker bestaunen kann, zeigt sich deutlich wie junge Migranten den Hipster-Trend an andere Jugendliche weitergegeben haben. Mit dem salonfähigen Streetstyle ist kaum noch zu unterscheiden, ob es sich um einen Jugendlichen mit Migrationshintergrund handelt oder ein “echter”, eingefleischter Hipster diese Kleidung trägt. In Zeiten der raschen Gentrifizierung in den Großstädten, ist das kein Wunder. Das bedeutet auch, dass es zunehmend schwerer wird festzustellen, wo ein Modetrend seinen eigentlichen Ursprung genommen hat.

Weniger Vorurteile, größere Toleranz

Besonders Kleidungsstücke, die dem eigenen Glauben Ausdruck verleihen sollen, werden in der Gesellschaft mehr und mehr akzeptiert. Die enervierenden Kopftuchdebatten sind zwar sicherlich noch nicht vorbei, jedoch werden verstärkt öffentliche Zeichen gesetzt, die auf eine größere, breitere Akzeptanz hinweisen. Ob am Strand nun Bikinis oder Burkinis getragen werden, ist mittlerweile, nach einigen konträren Diskussionen, vielen Menschen egal. Denn ungeachtet von kulturellen oder religiösen Gründen, wurde über Mode schon immer gestritten.

Und auch Unternehmen wie Nike setzten mit dem Sport Hidschab den modisch-sportlichen Startschuss, welcher nicht ungehört blieb. Muslimische Modedesigner*innen widmen sich darüber hinaus längst der islamischen, traditionellen Kleidung mit neuem europäischem Anstrich. Da muslimische Kundinnen lange auf dem Modemarkt ausgegrenzt wurden, haben es sich Designerinnen wie Anniesa Hasibun zur Aufgabe gemacht, diese Marktlücke zu schließen. Auf der New York Fashion Week präsentierte sie ihre Haute Couture für muslimische Frauen und erntete damit tosenden Beifall.

Auch die Tatsache, dass immer mehr gängige Modehäuser wie Zara, H&M oder DKNY nicht nur mit Kopftüchern werben, sondern auch teilweise mit ausgesuchten Ramadan-Kollektionen ihre Kundinnen erfreuen zeigt deutlich, dass sich die Scheu vor kulturell geprägter Mode langsam aber stetig abbaut.

Mode als Kommunikationsmittel und Ausdrucksform

Ob von den Designer*innen ungewollt oder gewollt, Mode ist ein Kommunikationsmittel, welches politischen sowie gesellschaftlichen Tenor besitzt. Allein die Wahl der Farbe, der Stoffe und der Schnitte beinhalten sehr viele Codes, über die Aussagen getroffen werden können.

Beispielsweise ist das Thema Flucht in der Mode ein ständig wiederkehrendes Motiv. In ihrer Kollektion „Fresh off the boat“ empfindet die Designerin Alice M. Huynh die Geschichte zweier Flüchtlinge nach, die aufgrund des Vietnamkrieges aus ihre Heimat fliehen mussten. Den Stil dieser Kleidung deklariert sie als eher zurückhaltend und schlicht. Ganz bewusst kombiniert Alice Huynh westliche Ästhetik mit traditionellen Schnitten wie z. B. Trachten aus Vietnam.

Doch Mode fängt auch im Alltäglichen an laut zu werden, sie ruft zu Protesten auf oder zeigt Missstände an. Mit der eigenen Kleidung nicht zu kommunizieren ist geradezu unmöglich. In diesem Sinne dürfen nicht nur Modesoziologen gespannt sein, wie sich inter- und intrakulturelle Kleidungsstile in der Zukunft vermischen und  zu etwas Neuem, zu etwas Einzigartigem werden können. (hs)

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