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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Nebenan

Ode an die Leude

Nationalhymne, Identät und Identitäre, GroKo ohne Migrationshintergrund und das Wahlverhalten von Türken und Russlanddeutschen – Themen, die sich in den vergangenen zwei Wochen angesammelt haben. Von Sven Bensmann

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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

VONSven Bensmann

Sven Bensmann (geb. 1983 bei Osnabrück) hat Philosophie, mittlere und neuere Geschichte, sowie europäische Ethnologie in Kiel studiert und einige Jahre von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ein politisches Blog betrieben.

DATUM13. März 2018

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RESSORTAktuell, Meinung

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Offensichtlich bin ich gelegentlich einfach zu naiv. Als ich letzte Woche las, in Deutschland werde über die Nationalhymne diskutiert, hatte ich für einen kurzen Moment tatsächlich die Hoffnung, in einem Bundestag, in dem eine völkisch-nationalistische Partei Oppositionsführerin ist, würden die anderen Parteien vielleicht die völkisch-nationalistisch-faschistische Vergangenheit dieser Hymne endlich einmal kritisch hinterfragen.

Natürlich ist dem nicht so. Vielmehr geht es darum, es Kanada und Österreich gleichzutun und die Hymne zu „gendern“, ganz so als sei das größte Problem, dass es „brüderlich“ zugehen solle, und nicht etwa, dass es zwar nicht juristisch verboten, wohl aber moralisch verpönt ist, etwas anderes als die dritte Strophe ebendieser Nationalhymne zu singen.

Dabei gibt es längst eine gute Antwort auf die Frage nach der Hymne, von einem deutschen Lyriker, der zu den ganz Großen gerechnet werden darf. Dieser dichtete mit den Eindrücken des Zweiten Weltkriegs auf die Melodie des Deutschlandliedes nämlich unter Anderem:

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.
                (Bertolt Brecht, Kinderhymne)

Auch an anderer Stelle zeigt sich der Erfolg der AfD-Horden. Wie alle GroKos vor ihr kommt auch diese wieder völlig ohne Menschen mit Migrationshintergrund aus. Insbesondere von der SPD war irgendwie mehr erwartet worden – warum auch immer: Seit Kohl hatte nur ein einziger Migrant einen echten Ministerposten – und nein, der war nicht in der SPD. Grün war er übrigens auch nicht, und auch nicht Teil der größeren migrantischen Gruppen in Deutschland, er war Vietnamese und in der FDP.

Apropos Türken und Russen: zu denen hat eine Studie geradezu Bahnbrechendes entdeckt. Türken, die oft noch aus einer stark laizistisch geprägten Türkei als Arbeiter nach Deutschland kamen, bevorzugen die stärker laizistisch geprägte SPD an Stelle der CDU, die ihnen das Deutschsein immer noch verweigert. Russen andererseits, die als Auslandsdeutsche Heim ins Reich gelockt wurden, als „Spätaussiedler“, denen ihre Geburt und ihr Leben im Ausland das Deutschsein nicht nehmen könnte, bevorzugen demnach die völkisch geprägten CDU/CSU und AfD. Das hätte sich wohl kaum jemand zu spekulieren gewagt: Wähler geben ihre Stimme an Parteien, die ihnen ideologisch nahestehen.

Naja irgendwie jedenfalls: Namen machen natürlich auch immer was her. So wie sich die uniformen Braunhemden in Deutschland plötzlich „alternativ“ nennen und die Identitären ihre Identität zwar bei den Linksradikalen klauen, dann aber mit etwas Landesromantik „aufpeppen“, um sich von den alten Bomberjacken abzuheben, will jetzt nämlich auch der Front National seinen Namen ändern – im Gespräch ist dabei offenkundig „Rassemblement National“, was wohl so viel wie „landestypischer Auflauf“ zu bedeuten scheint und damit eindeutig auf die französische Küche verweist, die sich ja auch für die Nummer 1 in der Welt hält. Ich weiß ja nicht, ob sich das durchsetzt…

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3 Kommentare
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  1. Chrissi sagt:

    Kann ich nur bestätigen.
    Russlanddeutsche wählen CDU und AfD (letztere vor allem aus Vorurteilen gegenüber anderen Migranten, v .a. Flüchtlingen), sind als Jüngere manchmal politisch aktiv in diesen Parteien. Ihre Eltern hingegen sprechen auch nach mehr als 25 Jahren in Deutschland kaum Deutsch und begnügen sich als „Russlanddeutsche“ in ihrer Parallelgesellschaft. Natürlich haben sie ein Recht dazu, aber warum sich dann über nicht integrationswillige Flüchtlinge beschweren, die Hartz IV kassieren? Fazit: Integriert wird sich meist nur dann, wenn es unbedingt sein muss. Solange es andere Möglichkeiten gibt (soziale Hängematte, Mafia, Schwarzarbeit) wird nur müde gelächelt.

  2. Mike sagt:

    „Offensichtlich bin ich gelegentlich einfach zu naiv“
    Nicht nur „Gelegentlich“.

    „die völkisch-nationalistisch-faschistische Vergangenheit dieser Hymne endlich einmal kritisch hinterfragen.“
    Geschichte ist wohl nicht so Ihre Stärke, andernfalls wüssten Sie, dass das Deutschlandlied bereits Hyme in der Weimarer Republik war, an deren gute Traditionen anzuschließen (West)-Deutschland sich nach dem Krieg bemühte. Hätten Sie sich mit dem Inhalt der Hymne und ihrer Entstehungsgeschichte auseinandergesetzt, so wüssten Sie ferner, dass der Verfasser der Strophen Deutschland nicht ÜBER andere Länder stellen wollte…

    „völlig ohne Menschen mit Migrationshintergrund“
    Was konkret befähigt einen Menschen mit Migrationshindergrund für ein Ministeramt und warum solle „Migrationshintergrund“ ein Kriterium bei der Vergabe eines Ministeramtes sein? Was das Thema mit der AfD zu tun hat, bleibt Ihr Geheimnis…

  3. Osam sagt:

    Der Artikel ist schlicht falsch. Frau Barley hat doch einen Migrationshintergrund. Oder sind nun nur noch Muslime Migranten?

    Es gibt auch englische, griechische, italienische, finnische, koreanische, japanische, thailändische… Migranten. Nur weil sie sich hier problemlos integrieren sind es dennoch Migranten.



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