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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

„Muslimisches Leben unmöglich“

Muslime kritisieren Kopftuchverbot für Rechtsreferendarin

Die Entscheidung für das bayerische Kopftuchverbot im Fall einer muslimischen Rechtsreferendarin erntet bei Muslimen Kritik. Die Richter hätten das Selbstbestimmungsrecht der Frau mit Füßen getreten. So werde muslimisches Leben in Deutschland unmöglich gemacht.

Kopftuch, Kopftuchverbot, Diskriminierung, Frauen, Schule
Kopftuchverbot @ MiG

Der Zentralrat der Muslime hat zum Internationalen Frauentag das Recht für muslimische Frauen gefordert, ihr Kopftuch auch in jedem Beruf zu tragen. Es sei ein falsches Zeichen, dass einer muslimischen Rechtsreferendarin aus Augsburg das Tragen ihres Kopftuchs im Gerichtssaal verboten wurde, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Islamverbands, Nurhan Soykan, am Donnerstag in Köln. „So wird ein normales Glaubensmerkmal unter dem Vorwand der Neutralitätsachtung erst zum Politikum und zur Voreingenommenheit gemacht.“

Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte am Mittwoch die Klage einer muslimischen Rechtsreferendarin abgewiesen, die gegen das Verbot vorgegangen war, im Rahmen der juristischen Ausbildung ihr Kopftuch zu tragen. Das bayerische Justizministerium hatte die Vorgabe damit begründet, dass das äußere Erscheinungsbild „keinerlei Zweifel an der Unabhängigkeit, Neutralität und ausschließlicher Gesetzesorientierung“ aufkommen lassen dürfe.

„Selbstbestimmungsrecht mit Füßen getreten“

Soykan beklagte, mit dem Gerichtsurteil werde das „Selbstbestimmungsrecht der muslimischen Frau mit Füßen getreten, die Einschränkung ihrer Berufswahl einfach so hingenommen und zudem unsere im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit eingeschränkt“. Es brauche in Deutschland weder Kochtuchverbote noch einen Zwang, das Kopftuch zu tragen, ergänzte die stellvertretende Zentralratsvorsitzende. „Wir sind ein freies Land, und das sollte auch so bleiben.“

Auf Kritik stößt die Gerichtsentscheidung auch bei der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). Die Vorsitzende der IGMG-Frauenjugendorganisation, Meryem Saral, kritisiert, dass der Richterspruch falsche Signale setze. Musliminnen würden auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche und sogar in Arztpraxen oder beim Einkaufen an der Kasse ausgegrenzt und beleidigt. Die Zahl der Gewaltanwendungen gegen Musliminnen, die ein Kopftuch tragen, steige von Jahr zu Jahr.

„Unerträgliches Maß erreicht“

„Die Ausgrenzung und Stigmatisierung von Musliminnen in Deutschland hat ein unerträgliches Maß erreicht“, erklärt Saral. Muslimisches Leben in Deutschland werde zunehmend erschwert, „in bestimmten Lebensbereichen sogar unmöglich gemacht. Frauen mit Kopftuch werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Das muss aufhören“, so Saral.

Kritik erntet bei Muslimen auch das geplante Neutralitätsgesetz der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Demnach soll künftig Richtern, Staatsanwälten, Rechtsreferendaren, Schöffen und Justizmitarbeitern vor Gericht das Tragen „religiös oder weltanschaulich anmutender Kleidung“ untersagt sein. Dazu zählen neben islamischen Kopftüchern auch auffällige Kreuz-Ketten oder T-Shirts mit weltanschaulichen Aufdrucken. (epd/mig)

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5 Kommentare
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  1. Reinhard Kastorff sagt:

    Ich betreue seit Jahren ehrenamtlich Umsiedler, Geflüchtete und Migranten jeder Nationalität und Religion sehr erfolgreich! Damit bin ich in meinem bayerischen Umfeld nicht unumstritten. Grundlage für mein jahrzehntelanges Handeln ist die politische, staatsbürgerechtliche und vor allem religiöse Neutralität. Ich verlange von den sich an mich wendenden Menschen die 100 % Aktzeptanz der Menschenrechte und des deutschen Grundgesetzes. In meinem Haus und in allen öffentlichen Räumen erwarte ich das auch von anderen die Akzeptanz einer anderen Ethnie. Das ist bei der Flüchtlingsbetreuung durchaus ein Thema, wenn ich in Shiiten und Sunniten Moslem´s Hindu´s und Christen gleichzeitig in meinem Betreuungskreis berate und helfe. Ich lege auf aktive und vor allem passive Releigionsfreiheit größten Wert. Ich führe niemandem meine Religiösität vor Augen und will auch nicht, dass sich jemand mir gegenüber ständig als anders religiös outet. Ich kann das als Muslima für mich selbst egoistisch bedauern, muss es aber im Interesse des Gegenüber lokal akzeptieren. Im Gerichtssaal ganz besonders; insofern bin ich auch gegen Kreuze in Amtsstuben aller Art. Die kann ich gerne in meinem Haus aufstellen.

  2. Filipe sagt:

    Es ist immer wieder zu hören, dass das Kopftuch im Islam keine Pflicht ist. Wenn das stimmen sollte, dann werden kopftuchtragende Muslima auch nicht durch Neutralitätsgebote an den Rand der Gesellschaft gedrängt, sondern sie drängen sich durch ihre Entscheidung überall ihre Religion praktizieren zu wollen, selbst an den Rand. Dass konservativ-muslimische Vereine nun hier wieder lautstark Krakeelen und ausgerechnet diese das Wort Fraurecht in den Mund nehmen ist über alle Maße lächerlich.

    Seine religiösen Überzeugungen ständig und überall zur Schau tragen zu wollen, sogar zu komplett unangebrachten Situationen haben nichts mit Religionsfreiheit zu tun. Religionsfreiheit bedeutet nunmal NICHT, dass man überall ständig religiöse Symbole vor sich hertragen muss/kann/soll.

    Menschen die bezüglich ihrer Religion keine Kompromisse eingehen können, disqualifizieren sich nunmal für manche Berufe.

    Diese Lektüre könnte dazu beitragen zu verstehen, warum deutsche Gerichte und Gesetzgeber davon ausgehen, dass das Abnehmen des Kopftuchs keine Unmöglichkeit darstellt:
    http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3505/1

  3. Sabine sagt:

    Eine Stellungnahme einer Vertreterin von Milli Görüs in so unkritischer Weise zu veröffentlichen ist keine gute Idee. Ich würde mir eine differenzierte feministische Sicht auf das Argument des „Selbstbestimmungsrechts“ wünschen. Damit stelle ich mich nicht hinter ein Kopftuchverbot.

  4. FrankUnderwood sagt:

    Die Aussage des ZDM, dass muslimisches Lebens in Deutschland unmöglich ist, muss man ganz klar als Falschaussage bezeichnen!

    Wenn man offen ein Symbol trägt, dass eindeutig einer religiösen oder politischen Weltanschauung zugeordnet werden kann, darf zu Recht die Neutralität in Zweifel gezogen werden. Das Kopftuch gilt leider als ein muslimisches Symbol, weil jahrhundertelange Fehlinterpretationen des Korans einen sozialen Druck aufgebaut haben, dass es als „Quasi-Pflicht“ gilt, die man aber so nirgendwo wörtlich nachlesen kann.

    Eine Verordnung zur Neutralität verbietet außerdem nicht das Tragen des Kopftuches in der Freizeit. Der ZDM impliziert mit seiner Aussage, dass es sich um ein umfassendes Verbot handelt, was nicht der Fall ist, weil ein ausgewählter kleiner Bereich im Berufsleben betroffen ist. Wer nur für die Arbeit lebt, wird dann natürlich sagen, dass man so nie ein Kopftuch tragen könne. Aber wer lebt denn bitte nur für die Arbeit?! Trotz Verordnung zur Neutralität, an den oben genannten Orten, dürfen Muslima weiterhin in der Freizeit alles tragen, was gefällt und ihren Glauben nach Belieben ausleben.

    Als Staat, der sich um Gleichberechtigung für alle Teile der Gesellschaft bemüht, gibt es weitere Gründe, dass wir das Kopftuch nicht auch noch zusätzlich „promoten“ sollten.
    Das Kopftuch basiert auf dem Kerngedanken, oder besser gesagt dem Euphemismus, dass Frauen vor gierigen Blicken der Männer beschützt werden sollen. Tatsächlich geht dieser Kerngedanke davon aus, dass die Frau durch ihre Anwesenheit und das Zeigen der offenen Haarpracht den Mann negativ beeinflusst und zu unsittlichem Verhalt animiert. Das heißt das Täter-Opfer-Schema wird auf den Kopf gestellt und ein Vergewaltigungsopfer müsse sich beim Vergewaltiger entschuldigen.
    Diese Denkweise ist juristisch und moralisch längst überwunden. Deshalb dürfen wir unsere heutigen Grundsätzen nicht untergraben bzw. lächerlich machen, indem wir ein frauenfeindliches Symbol im Staatsdienst erlauben. Damit ist das Privatleben, egal wie fort- oder rückschrittlich (Achtung: Ansichtssache!), in keiner Art und Weise eingeschränkt.

  5. Glause sagt:

    Für mich als Deutschen ganz klare Antwort: entweder Kopftuch oder Karriere. Wer stets und überall seine Religion praktizieren will, ist mit der Mehrheitsgesellschaft einfach nicht kompatibel. So jemanden würde wohl auch niemand -in höherer Position – anstellen. Für mich ist das Kopftuch ein Zeichen von Ablehnung unserer Kultur. Es ist ja schön, dass Muslime ihre Religion so fromm und demütig ausleben… gerne auch in aller Öffentlichkeit. Mir missfällt diese Art der Frömmigkeit aber, ich finde sie separierend. Aber vermutlich ist das ja auch irgendwie gewollt. Ein Kopftuch trägt sicher nicht zur Integration bei, aber auch die ist meines Erachtens gar nicht gewollt.

    Was ich mich immer wieder frage: Was genau wollen Muslime eigentlich, wie stellen sie sich die Zukunft in unserem Land, Deutschland, vor? Unsere Kultur annehmen steht ja wohl nicht auf der Agenda. Unsere Kultur zumindest tolerieren, hoffe ich? Oder hoffe ich da zuviel?



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