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Warum gründen Türken eigentlich eigene Fußball-Vereine?

Wer einen Blick auf die Kreisligatabellen in Deutschland wirft, der findet dort Namen wie Fenerbahçe Istanbul Marl, Türkspor Dortmund oder Türkiyemspor Berlin. Allein im Ruhrgebiet gibt es etwa 50 Vereine mit türkischem Namen, in Berlin sind es etwa 25. Warum gründen Migranten eigene Vereine, wenngleich es gerade in diesen Ballungsräumen bereits zahlreiche etablierte Vereine gibt?

Mit dieser Frage hat sich Stefan Metzger in seiner Doktorarbeit im Fachbereich Politikwissenschaft an der Uni Münster beschäftigt. Heute forscht er am Forschungskolleg der Universität Siegen (FoKoS) zu den Themen Migration, Integration und Arbeit.

Reihe: Studien zur Migrations- und Integrationspolitik. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-19261-7, 1. Aufl. 2018, XV, 210 S.

„Viele Menschen begegnen den Vereinen mit Türkeibezug misstrauisch, auch weil sie diese als relativ geschlossen empfinden und kaum Einblick erhalten,“ so Metzger. Um das zu ändern, begleitete er drei Vereine mit Türkeibezug in Berlin über die Saison 2012-2013 intensiv. Er führte zahlreiche Interviews, besuchte Turniere, Spiele und Feste, aber auch Sportgerichtsverhandlungen oder Schiedsrichterfortbildungen: „Ich habe den Alltag im Berliner Amateurfußball aus der Perspektive der Migranten beobachtet. Wie unter einem Brennglas werden dort die Herausforderungen der Migrationsgesellschaft sichtbar, die auch für andere gesellschaftliche Teilbereiche gelten.“

Dabei fing alles mit einer Frage an: „Warum gründen die sich überhaupt?“ Mit dieser Frage wurde Metzger in Gesprächen mit Amateurfußballern, Ehrenamtlichen, Zuschauern und Fußballfunktionären über Fußballvereine, die von Migranten gegründet wurden, immer wieder konfrontiert. Warum gründen sich Vereine, obwohl es in Deutschland doch bereits genügend Fußballvereine gebe? Oftmals stand hinter der Frage echtes Interesse.

Nicht selten war die Frage aber auch als Aussage formuliert: „Warum gründen die sich überhaupt!“, hieß es dann mit ablehnendem Unterton, der weniger auf Interesse denn auf Unverständnis schließen ließ. Denn die Vereine werden in der Regel negativ wahrgenommen. Schnell wird von einer Parallelgesellschaft gesprochen, in der sich die Mitglieder der Vereine abschotten würden. Doch wie ist die Frage wissenschaftlich zu bewerten? Handelt es sich um eine Dopplung oder um eine Ergänzung zivilgesellschaftlicher Strukturen?

Die Gründungsmotive der Vereine lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Einerseits wurden die Vereine aus ganz herkömmlichen Motiven gegründet. Man wollte im Freundes- und Bekanntenkreis organisiert Fußball spielen und sich auch verstärkt um den Nachwuchs kümmern. Die Kinder von der Straße holen, hieß es oftmals von den Vereinsgründern. Andererseits fühlten sich viele Vereinsgründer in den etablierten Vereinen nicht willkommen. Das gilt für die aktiven Fußballspieler, noch vielmehr aber für Personen, die ein Ehrenamt übernehmen wollten, z.B. als Trainer, Kassenwart oder im Vereinsvorstand.

Gerade in den 1970ern und 1980er Jahren, als ein Großteil der Vereine mit Türkeibezug gegründet wurde, waren diese Positionen oft langfristig vergeben. „Vielen türkeistämmigen Vereinsgründern war es auch wichtig, den Sport im Einklang mit kulturell-religiösen Werten ausüben zu können, wie z.B. den Verzicht auf Alkohol und Schweinefleisch. Das passt nicht immer zu Bier und Bratwurst, die Standardnahrung in vielen etablierten Vereinen“, fasst Metzger zusammen.

Letztendlich kommt Metzger zu dem Schluss: „Die untersuchten Gründungsmotive sprechen nur teilweise für eine Dopplung zivilgesellschaftlicher Strukturen. Die Forschungsergebnisse legen vielmehr nahe, dass sich die Vereine mit Türkeibezug in eine vielfältige Migrationsgesellschaft einfügen, in dem sie spezifischen Interessen von hier lebenden Menschen und Gruppen nachkommen.“