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Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Mangelnder Nachwuchs

Kaum noch muslimische Gefängnisseelsorger in Deutschland

In Deutschland betreuen immer weniger Imame Häftlinge. In den neuen Bundesländern gibt es keinen einzigen Seelsorger für Muslime. Hintergrund sind Kontrollen der Prediger. Außerdem mangelt es an Nachwuchs.

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Im Knast © astuecker auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Zahl der muslimischen Gefängnisseelsorger ist einem Zeitungsbericht zufolge in den vergangenen Jahr deutlich gesunken. Nach einer Umfrage der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ unter allen 16 Bundesländern sind aktuell rund 110 Imame in den Haftanstalten bundesweit aktiv.

In Nordrhein-Westfalen kümmern sich derzeit 25 muslimische Seelsorger in den Justizvollzugsanstalten um Häftlinge islamischen Glaubens, davon sind fünf von der Ditib beziehungsweise direkt von den türkischen Generalkonsulaten entsandt, wie ein Sprecher des Justizministeriums in Düsseldorf bestätigte. Im September 2016 gab es in dem Bundesland noch 104 muslimische Gefängnisseelsorger.

Hintergrund für den Rückgang sind die im Februar 2017 eingeführten verpflichtenden Sicherheitschecks für Gefängnisseelsorger des türkischen Islamverbandes Ditib. Die große Mehrheit der Ditib-Imame verweigerte dem Zeitungsbericht zufolge die Überprüfung durch den Verfassungsschutz und hat nun keinen Zugang zu den Gefängnissen mehr.

Theologe beklagt geringe Zahl

In Baden-Württemberg sind dem Bericht zufolge 24 Imame in Justizvollzugsanstalten tätig. In Bayern sind es 34. In den ostdeutschen Bundesländern gibt es in Gefängnissen dagegen keine muslimischen Seelsorger. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bestehe dafür kein Bedarf.

Der muslimische Theologe Abdelmalek Hibaoui beklagte die geringe Zahl der muslimischen Gefängnisseelsorger. „110 Imame sind nicht viel im Vergleich zu der Zahl der muslimischen Gefangenen. In Deutschland ist fast jeder fünfte Gefängnisinsasse Muslim“, sagte der Juniorprofessor von der Universität Tübingen dem Evangelischen Pressedienst.

Pilotprojekte an mehreren Standorten

Außerdem müsse man zwischen muslimischen Predigern und Seelsorgern unterscheiden. „Nur ein kleiner Teil dieser Imame verdient, als Seelsorger bezeichnet zu werden“, sagte Hibaoui. Er hat deutschlandweit den ersten und einzigen Lehrstuhl für islamische Theologie, an dem Studenten zu muslimischen Seelsorgern ausbildet werden.

Hibaoui begrüßte Pilotprojekte in Berlin, Frankfurt und Mannheim, die außerhalb der Universitäten muslimische Gefängnisseelsorger ausbilden. In Mannheim etwa würden Krankenhausseelsorger zu muslimischen Gefängnisseelsorgern weitergebildet. Trotzdem gebe es noch viel Bedarf, betonte Hibaoui.

Ditib reagiert mit Unverständnis

Der frühere nordrhein-westfälische Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) hatte die Sicherheitsprüfung für Ditib-Imame als Konsequenz aus der Kontroverse um einen Comic der türkischen Religionsbehörde Diyanet angeordnet, mit der Ditib eng verbunden ist. Der Islamverband hatte sich nach Ansicht der Landesregierung nicht ausreichend von dem Comic distanziert, in dem der Märtyrer-Tod verherrlicht wird.

Auf die Sicherheitsprüfung hatte die Ditib zunächst mit Unverständnis reagiert, dann aber erklärt, weiterhin Seelsorge in Gefängnissen leisten zu wollen. Ditib war am Donnerstag zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Sicherheitscheck für alle

Der Sicherheitscheck war zuvor bereits Pflicht für die Imame anderer Islamverbände. Die Ditib-Imame hätten sich als Beamte des türkischen Staates verstanden und deshalb ein Vertrauensprivileg beansprucht, erläuterte ein Sprecher des Justizministeriums in Düsseldorf am Donnerstag. Inzwischen sei das Strafvollzugsgesetz entsprechend geändert worden. Damit würden jetzt alle Seelsorger gleich behandelt.

Kutschatys Nachfolger, Justizminister Peter Biesenbach (CDU), hält an den Checks fest. „Ohne Sicherheitsüberprüfung kommt bei uns niemand mehr ins Gefängnis“, sagte er der „Rheinischen Post“. „Wir freuen uns über jeden, der religiöse Seelsorge anbieten will“, betonte Biesenbach. „Aber wir behandeln alle gleich.“

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Ein Kommentar
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  1. FrankUnderwood sagt:

    Wer in einem Hochsicherheitsbereich arbeiten will, muss sich mit einer Sicherheitsüberprüfung abfinden. Nach den Spionagevorwürfen gegen Ditib drängt sich leider die Frage auf, was die Ditib-Imame wohl zu verbergen haben.
    Eine Vorzugsbehandlung darf es für keinen geben.



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