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Nebenan

Die alte Rede von einer „einstmals stolzen Partei“.

Arroganz und Stolz sind zwar zwei unterschiedliche Konzepte, dennoch werden sie von den Deutschen gern durcheinandergeworfen. Von Sven Bensmann

Wann immer ich dieser Tage von der SPD lese, lese ich auch diese alte Rede von einer „einstmals stolzen Partei“. Nun klingt „einstmals“ zwar lange genug her, dass ich mich nicht daran erinnern muss – dennoch verwundert mich diese Phrase jedes Mal auf‘s Neue.

Allenfalls eine einstmals arrogante Partei kenn ich wohl: von jenem Abend, als ein sichtlich betrunkener, alter Mann, der Stunden zuvor noch gewählter Bundeskanzler Deutschlands war, erklärte, dass seine Partei ganz sicher nicht mit einer wie der Merkel koalieren werde, um diese zur Kanzlerin zu wählen.

Andererseits: Arroganz und Stolz sind zwar zwei unterschiedliche Konzepte, dennoch werden sie von den Deutschen gern durcheinandergeworfen. Wohl, weil „Ich bin stolz, Deutscher zu sein!“ zwar genau so dumm, aber irgendwie doch besser klingt als „Ich bin arrogant, weil ich Deutscher bin!“. Auch und gerade für die selbsternannten Vaterlandsverteidiger, die ein christliches Abendland gegen den Islam verteidigen wollen – und doch nicht wissen, dass Stolz laut Bibel eine Todsünde ist.

„Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber wann immer ich mir das vielbeschworene Bild des „hässlichen Deutschen“ vor Augen führe, liest er gerade die BILD.“

Doch zurück zur SPD: Was man dieser Tage ebenfalls liest, ist, die SPD würde mit dem bereits vor der Kandidatur Schulz‘s begonnenen Postengeschacher Vorurteile gegen Politiker mehren. Ganz so, als würde der Wähler davon ausgehen, er wählte jeden Politiker selbst in ein bestimmtes Ministerium, als sei das der mysteriöse „zweite Wahlgang“, von dem man immer hört. Dabei dürfte zumindest den meisten klar sein, dass nicht einmal der Kanzler oder die Kanzlerin direkt gewählt werden, dass lediglich Parteilisten angekreuzt werden können, die dann unter sich ausmachen, wer welchen Posten übernehmen darf. Und dass dies das Einzige ist, was die Deutschen zum jetzigen Zeitpunkt noch davon abhält, sich einen eigenen Donald Trump zu wählen.

Und dann ist da noch das Mitgliedervotum. Für die einen Ausdruck einer SPD, die ihre Mitglieder ernst nimmt, im Gegensatz zur autoritär geführten Union – und damit Zeichen einer gesunden, demokratischen Einstellung – ist es für die anderen eine Perversion dessen. Weil SPD-Mitglieder gefragt werden, während Unionswähler schlucken müssen, welche Kröte auch immer die Führung ihnen vorsetzt, sei ebendies unmoralisch.

Und für die Rassisten im Lande findet, wie immer, das Landserblatt BILD das passende Ressentiment: „Moment mal! Sind in der SPD nicht auch Ausländer Mitglied?“ Dann dürfen ja Menschen, die seit Jahren hier leben, die aber noch keinen deutschen Pass haben, irgendwie auch über die Zukunft dieses Landes mitbestimmen! Für Springers Stiefel ein ähnlich verachtenswerter Gedanke, als hätte man im Warschauer Ghetto einen Volksentscheid über die Durchführung der Shoah durchgeführt: Wer den Sumpf trockenlegen will, darf nicht die Juden, pardon, Kröten fragen.

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber wann immer ich mir das vielbeschworene Bild des „hässlichen Deutschen“ vor Augen führe, liest er gerade die BILD. Nur gut, dass wir dieser schwierigen Zeit noch aufrechte Minister haben, die wissen, woher all der Antisemitismus kommt: Von weit weg. Antisemitismus gibt‘s in Deutschland doch erst, seit die Araber herkommen, hat‘s bei uns doch bisher nicht gegeben.