MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Interview

„Wir wünschen uns, dass Ihr auch in Zukunft Widerstand leistet“

Die Ausschwitz-Überlebende und Sängerin Esther Bejarano sowie der Rapper und Sozialarbeiter Kutlu Yurtseven stehen seit zehn Jahren im Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus gemeinsam auf der Bühne. Im Interview sprechen sie über ihre Motivationen, Kontinuitäten des Rassismus sowie (künstlerischen) Widerstand.

Esther Bejarano, Kutlu Yurtseven, Bühne, Rassismus
Esther Bejarano und Kutlu Yurtseven auf der Bühne © Kutlu Yurtseven, bearb. MiG

VONGomolla, Kollender, Menk

Prof. Dr. Mechtild Gomolla lehrt und forscht an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg im Bereich der Allgemeinen Erziehungswissenschaft, insbesondere interkulturelle und vergleichende Bildungsforschung.

Dipl. Pol. Ellen Kollender arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg im Bereich der Allgemeinen Erziehungswissenschaft, insbesondere interkulturelle und vergleichende Bildungsforschung.

M.A. Marlene Menk ist ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg im Bereich der Allgemeinen Erziehungswissenschaft, insbesondere interkulturelle und vergleichende Bildungsforschung und arbeitet heute als pädagogische Mitarbeiterin bei der Initiative Joblinge.

DATUM12. Februar 2018

KOMMENTAREKeine

RESSORTAktuell, Gesellschaft, Interview

SCHLAGWÖRTER , ,

Seite 1 2 3

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Esther Bejarano, geboren 1924, wuchs in einem deutsch-jüdischen Elternhaus im Saarland auf. Nach der Ermordung ihrer Eltern durch die Nationalsozialisten 1941 wurde sie im Zwangsarbeitslager Neuendorf interniert und 1943 nach Auschwitz deportiert. Dort stand sie als 18-Jährige mit anderen jungen Frauen des sogenannten „Mädchenorchesters von Auschwitz“ am Tor des Konzentrationslagers und musste – die Gewehre der SS-Schergen im Rücken – Märsche, Volkslieder und Walzer spielen und auf ihrem Akkordeon die Häftlinge auf ihrem Weg in die Gaskammer begleiten. Noch im selben Jahr kam Bejarano als ‚Halbarierin‘ zur Zwangsarbeit nach Ravensbrück. 1945 wurde sie von dort auf einen ‚Todesmarsch‘ geschickt, wo ihr schließlich mit anderen Frauen die Flucht gelang.

Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland. Figurationen und Interventionen in Gesellschaft und staatlichen Institutionen.

Der Sammelband (Hrsg.: Mechtild Gomolla, Ellen Kollender und Marlene Menk) beschäftigt sich mit unterschiedlichen Facetten von Rassismus und Rechtsextremismus in ihren historischen Kontinuitäten und gegenwärtigen Ausprägungen im Kontext von Globalisierung, aktueller Fluchtmigration, der Herausbildung neuer rechter Bewegungen sowie der Aufarbeitung der NSU-Morde. Die Beiträge geben einen Überblick über aktuelle Forschungsperspektiven auf Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland sowie zentrale Definitionen, Begriffe und Kontroversen. Einen Schwerpunkt bildet die Verwurzelung rechtsextremer, rassistischer und anderer menschen(rechts)verachtender Orientierungs- und Handlungsmuster, Strukturen und Gewaltformen in staatlichen Institutionen und der sogenannten gesellschaftlichen Mitte. Der Band fragt zudem nach geeigneten bildungspolitischen und -praktischen Ansätzen, um in Gesellschaft und staatlichen Institutionen alltägliche (Diskriminierungs-)Muster von Rechtsextremismus und Rassismus zu durchbrechen.

Erschienen am 7. Februar 2018 im Beltz Verlag. Weitere Infos gibt es hier…

Nach dem Krieg wanderte Bejarano nach Palästina aus, wo sie ihren heute verstorbenen Mann, Nissim Bejarano, kennenlernte, zwei Kinder bekam und ein Gesangsstudium absolvierte. 1960 kehrte sie mit ihrer Familie zurück nach Deutschland. Bejarano merkte bald, dass sich die erlebte Hölle nicht verdrängen ließ und rassistische und rechtsextreme Denkweisen in der Bundesrepublik noch höchst lebendig waren. Seitdem setzt sie ihre Erinnerungen in ein musikalisches und zivilgesellschaftliches Engagement für den Frieden um.

Ein zentrales Projekt der heute 93-Jährigen ist die Arbeit mit der Kölner HipHop-Gruppe Microphone Mafia. Über diese lernte sie Kutlu Yurtseven kennen, der die Gruppe Ende der 1980er Jahre gemeinsam mit Schulfreunden gründete. Yurtseven, 1973 in Köln-Porz als Sohn türkischer Arbeitsmigrant_innen geboren, engagiert sich neben der Musik seit fast drei Jahrzehnten sowohl in seinem Beruf als Sozialarbeiter als auch als Schauspieler und Aktivist in verschiedenen Projekten und Initiativen gegen Faschismus, Rechtsextremismus und Rassismus. 2008 rief Yurtseven das musikalische wie auch politische Projekt Esther Bejarano und die Microphone Mafia ins Leben. In ihrer Musik vereinen sich Bejaranos Erinnerungen mit Rap in drei Sprachen und jiddischen Partisanenliedern. Auf diese Weise werden die Verbindungen zwischen der NS-Vergangenheit Deutschlands und den heutigen Problemen im Zusammenleben von gesellschaftlichen Mehr- und Minderheiten aufgezeigt.

Das nachfolgende Interview ist eine gekürzte Fassung aus dem gerade erschienenen Sammelband „Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland. Figurationen und Interventionen in Gesellschaft und staatlichen Institutionen“ (siehe Kasten).1

Mechtild Gomolla: Esther, du bist in den 1960er Jahren aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt. Was waren deine ersten Eindrücke von Deutschland? Welche Situation hast du damals hier vorgefunden?

Esther Bejarano: Also erst einmal war es für mich ein Schock nach Deutschland zurückzukommen. Als ich hier ankam, hab ich sofort Herzklopfen bekommen. Ich dachte: „Was hab ich denn meiner Familie damit angetan, nach Deutschland zu gehen?“ Obwohl das eigentlich gar nicht mein Wunsch war, sondern der meines Mannes. Er wollte in Israel nicht in den Krieg ziehen. Wenn wir in Israel geblieben wären, wäre mein Mann in den Knast gewandert. Und ich habe gesagt: „Ich bin bereit nach Deutschland zu gehen, aber nur in eine Stadt oder in eine Gegend, in der ich noch nie war.“ Ich wäre zum Beispiel niemals nach Saarbrücken zurückgegangen, wo ich meine Kindheit verlebt habe, mit meinen Eltern und meinen Geschwistern. Das hätte ich nicht ausgehalten. Zumal ja meine Eltern und meine Schwestern von den Nazis ermordet wurden.

Wir sind dann nach Hamburg gegangen. Ich hatte zunächst überhaupt keinen Kontakt zu den Menschen dort, nur zu Hamburger Jüdinnen und Juden und der jüdischen Gemeinde. Ich wollte keinen Kontakt zu den nicht-jüdischen Deutschen. Ich dachte, dass die Menschen in einem bestimmten Alter sich nicht so schnell umgestellt haben und immer noch irgendwie nazistisch angehaucht sein werden.

Wir haben dann versucht, uns eine Existenz in Deutschland aufzubauen. Mit Hilfe unserer jüdischen Freunde haben wir das schließlich auch geschafft. Dann hatte mein Mann plötzlich die Idee, gemeinsam mit einem israelischen Freund eine Diskothek in Uetersen aufzubauen. Wir hatten damals auch noch einen Kiosk, der zur Diskothek gehörte. Ich habe ausgeholfen, wenn jemand gefehlt hat, und musste deswegen immer mit meinem kleinen Auto von Hamburg nach Uetersen fahren.

In Uetersen lief es am Anfang eigentlich sehr gut. Aber dann kamen die Nazis. Die sind in die Diskothek eingedrungen und haben alles kaputt geschlagen, es war ganz furchtbar. Ich bin zur Polizei gegangen und habe dort gesagt, dass sie sich darum kümmern sollen, dass diese Nazis abhauen. Da hat man zu mir gesagt: „Wissen Sie, Sie haben überhaupt keine Chance. Uetersen ist voll von Nazis und die haben mitbekommen, dass Sie Jüdinnen und Juden sind. Die wollen euch schaden und wir können nichts dagegen tun.“ Ich habe daraufhin gesagt: „Wozu seid Ihr denn dann da? Ihr seid doch die Polizei. Ihr müsst doch etwas dagegen tun!“ Und der Polizist meinte: „Das ist völlig aussichtslos. Das Beste ist, ihr verkauft die Diskothek.“ Das haben wir dann auch gemacht, und zwar mit großem Verlust. Meine Wiedergutmachung, die ich vom Staat bekommen hatte, war danach fast aufgebraucht. Es waren gerade noch 10.000 DM übrig. Dann habe ich gesagt: „So jetzt fange ich mal an, was zu machen.“ Ich habe dann eine kleine Boutique in Hamburg-Eimsbüttel eröffnet, in der ich Schmuck aus allen Ländern verkauft habe. In meinen Laden habe ich geschrieben: „Bei uns gibt es keinen Rassismus.“ Ich hatte viele Kunden.

Gomolla: Du hast in dieser Zeit auch damit begonnen, öffentlich von deiner Lebensgeschichte, deiner Vergangenheit in Auschwitz und den grausamen Verbrechen zu sprechen, die an dir und anderen dort verübt worden sind. Was hat dich dazu bewogen, mit deinen Erfahrungen in die Öffentlichkeit zu treten?

Bejarano: Eines Tages hat ein NPD-Stand direkt vor meiner Boutique aufgemacht. Ich bin rausgegangen und habe die Flyer gesehen, die sie dort ausgelegt hatten – ein schreckliches menschenverachtendes antisemitisches Material! Es kamen daraufhin ganz viele Leute mit Transparenten: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“, stand darauf. Das hat mich unheimlich gefreut. Dann kam die Polizei und fing an, die Demonstranten mit Knüppeln zu bearbeiten und sie in die „Grüne Minna“ zu bringen. Die Polizei hat sich vor die Nazis gestellt und sie geschützt. Ich hab mich wahnsinnig aufgeregt darüber. Ich bin zu einem Polizisten, hab ihn am Revers gepackt und gesagt: „Sagen Sie mal: Was machen Sie eigentlich hier? Sie schützen die falschen Leute. Sie müssen die Leute schützen, die gegen diese schrecklichen Nazis demonstrieren.“ Das Einzige, was der Polizist zu mir sagte, war: „Gehen Sie wieder in Ihre Boutique, sonst kriegen Sie noch einen Herzinfarkt. Und wenn Sie mich jetzt nicht loslassen, werde ich Sie verhaften.“ Ich habe daraufhin geantwortet: „Gut, das können Sie ruhig machen. Verhaften Sie mich, ich hab Schlimmeres erlebt. Ich war in Auschwitz.“ Dann hat sich einer von den Nazis eingemischt und zu dem Polizisten gemeint: „Ja, Sie müssen diese Frau verhaften. Weil wenn sie in Auschwitz war, dann ist sie eine Verbrecherin. Alle, die in Auschwitz waren, sind Verbrecher.“

Ich hatte bis dahin nie etwas erzählt über meine Zeit in Auschwitz und über das, was ich dort erlebt habe. Selbst meinen Kindern und meinem Mann hatte ich nichts erzählt. Er wusste zwar, dass ich in Auschwitz war, aber ich konnte einfach nichts erzählen. Aber dann habe ich gedacht: „So, jetzt musst du deinen Mut zusammen nehmen und unbedingt anfangen, deine Geschichte zu erzählen.“ Daraufhin bin ich in die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ eingetreten – und ich habe angefangen zu singen.

  1. Das Interview schließt an eine Lesung Esther Bejaranos an, die im Juni 2013 an der Helmut-Schmidt-Universität im Rahmen der Ringvorlesung „Systematisch verharmlost? Rechtsextremismus in Deutschland“ stattgefunden hat (s. hierzu das Video am Ende des Interviews).  []
Seite: 1 2 3
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...