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Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Wie Flüchtlinge Deutsch lernen

Arabische Lautschrift für die deutsche Sprache

Deutsche Sprache – schwere Sprache. Das wissen arabische Flüchtlinge gut. Ein evangelischer Vikar will es ihnen einfacher machen: Er hat eine arabische Lautschrift für die deutsche Sprache entwickelt. Wissenschaftler sehen darin eine Chance.

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Sprache © MiG

Der Tisch liegt voller Papierschnipsel. Auf den einen Schnipseln stehen fremdartige Zeichen, auf den anderen lateinische Buchstaben. Um den Tisch beim „Verein für multinationale Verständigung Rodgau“ (Landkreis Offenbach) sitzen fünf syrische Flüchtlinge und Benjamin Graf. Der evangelische Vikar probiert in diesen Wochen seine Erfindung aus. Er will, dass arabische Flüchtlinge einfach und schnell Deutsch richtig aussprechen.

Graf greift die lateinischen Buchstaben für das Wort „Knappe“ heraus, ein 40-Jähriger liest: „Kabel“. Nun kommt Grafs „Arabische Lautschrift für die deutsche Sprache“ zum Einsatz: Der Vikar lässt die Gruppe die passenden arabischen Zeichen dazulegen – der Schüler liest richtig „Knappe“.

Eine 20-jährige Studentin, die erst seit zwei Wochen in Deutschland ist, bekommt Grafs Leitfaden „El Ischaara – die Ampel“ in die Hand. Sie liest nach der Lautschrift deutsche Wörter und Sätze fehlerfrei herunter – fast: „Es heißt nicht geetan mit langem ,e‘, sondern kurz: getan“, verbessert Graf. Auch das Wort „Beet“ bereitet der Schülerin Schwierigkeiten – der Vikar nimmt ein anderes Schriftzeichen für ein ägyptisches Wort mit langem „e“ in seine Tabelle auf. Nun klappt es. Die Lautschrift sei eine große Hilfe für die Aussprache des Deutschen, bekräftigen die erwachsenen Schüler.

Schwierige Aussprache

Graf hat als Zivildienstleistender 15 Monate in einem Gehörlosen- und Blinden-Internat in Jordanien mitgearbeitet und dort Arabisch gelernt. Während seiner Vorbereitung auf den Pfarrdienst fiel ihm auf, wie schwierig die deutsche Aussprache für Flüchtlinge ist. Da kam ihm die Idee mit der Lautschrift. Es funktionierte prompt, erzählt er: Ein syrischer Freund redete zum ersten Mal nach zwei Jahren Grafs Frau nicht mit „Kristin“ an, sondern richtig mit „Kerstin“.

Allerdings ist es nicht ganz einfach, Deutsch in arabischer Lautschrift zu schreiben, erklärt der sprachkundige Vikar. So gibt es viel mehr deutsche Laute als Buchstaben: Mal wird ein H gesprochen, mal dient es der Dehnung eines Vokals; ein C kann als K, S, Tsch oder Ts gesprochen werden; ein CH lautet jeweils anders in Ich, Bach, Ochse, Champagner oder Couch. Darüber hinaus gibt es für viele Laute keine entsprechenden arabischen Schriftzeichen.

Die Ampel

Graf teilte die deutschen Laute in drei Kategorien ein: Die erste Gruppe könne eins zu eins durch arabische Schriftzeichen wiedergegeben werden, erklärt er. Für die zweite Gruppe von Lauten gebe es keine Zeichen in der arabischen Hochsprache, jedoch in der Umgangssprache und bei Fremdwörtern. Für andere erfand Graf neue Schriftzeichen mit Hilfe des Kurdischen, Persischen und Urdu. Eine dritte kleine Gruppe von Lauten sei arabischen Muttersprachlern völlig fremd, so Ü, Ö und CH wie in „ich“. Für sie kreierte Graf neue Zeichen nahe an der Lautbildung.

Die drei Kategorien versah Graf entsprechend dem Schwierigkeitsgrad mit den Farben grün, gelb und rot. Daraus leitete er den Namen für seine Lautschrift ab: „El Ischaara – die Ampel“.

Lautschrift ein Novum

Der 33-Jährige entwickelt sein Projekt im Eiltempo: Das Dekanat Vorderer Odenwald der hessen-nassauischen Landeskirche gewährt ihm die sechs Monate Praktikum zum Ende seines Vikariats dafür. Die neuen Schriftzeichen hat er in einem Monat entwickelt. Anfang nächsten Jahres wird Graf Pfarrer in Rodgau-Nieder-Roden. Bis dahin will er alles unter Dach und Fach haben.

Graf hat für sein Projekt Linguisten und Arabisten um Kooperation angefragt. Der saudi-arabische Phonetik-Professor Mansour Alghamdi gab Anstöße zur Vorgehensweise. Die Bamberger Professorin für Deutsche Sprachwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache, Susanne Borgwaldt, ist begeistert: „Die arabische Lautschrift ist eine sehr, sehr gute Idee.“ Bisher werde eine solche Lautschrift in Deutschkursen nicht angewandt. Borgwaldt begleitet das Projekt wissenschaftlich. „Graf hat eine super Leistung erbracht“, lobt sie. Die in mehrfacher Hinsicht innovative Entwicklung sei schlüssig und für den Deutschunterricht hilfreich. Nun müsse sie getestet werden.

Website in Planung

Graf plant eine Veröffentlichung auf dreierlei Weise: „El Ischaara – die Ampel“ als digitale Ausgabe, verknüpft mit Hörbeispielen und Erklärvideos. Außerdem baut der Theologe gerade die Website „elischara.de“ auf. Schließlich soll die Aussprache-Anleitung auch als gedrucktes Heft erscheinen.

Das Ziel des Erfinders ist, dass alle betreffenden deutschen Bildungseinrichtungen die arabische Lautschrift nutzen. In den ersten zwei oder drei Unterrichtsstunden könne sie zu einer korrekten Aussprache verhelfen. „Die Ampel soll die deutschen Sprachhürden für Araber senken“, sagt der Vikar. „Weniger Frust beim Lernen und weniger Angst vor Kontakten führen zu einer schnelleren Integration.“ (epd/mig)

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2 Kommentare
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  1. Eine große Hilfe wäre sicher schon, wenn man die Lautung des Deutschen mit der internaionalen phonetischen Umschrift, wie z.B. im Ausspracheduden vorsieht und dann bei den, für die jeweiligen Sprecher ungewohnten Lautbildungen ein Beispiel in der Ausgangssprache hinzufügt. Hier wären besondere die Kürze und Länge sowie die Gespanntheit und Ungepanntheit der Vokale zu beachten. Die Kürze- und Längezeichen sind in der deutschen Schriftsprache leider nicht eindeutig, außerdem gibt es stellungsbedingte Unterschiede von stimmhaften und stimmlosen Konsonanten im Wor- und Silbenauslaut. Ich bin gespannt, wie auf diese Besonderheiten durch die neue Lautschrift eingegangen wird. Ich freue mich auf weitere Infos an:
    rita-zellehoff@zellerhoff.org

  2. karakal sagt:

    Die meisten Araber kennen die internationale phonetische Umschrift nicht, die Deutsche Morgenländische Gesellschaft verwendet für Arabisch ein anderes System.
    Selbst die Deutschen haben – zumindest umgangssprachlich – Probleme mit dem weichen ch, in den süddeutschen Dialekten fällt es meist ganz weg (i = ich), im Rheinland wird es als sch gesprochen (isch = ich).
    Da es im Arabischen kein p gibt, fällt es den Arabern schwer, zwischen b und p zu unterscheiden.



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