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Migration und Integration in Deutschland

Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.

Bundespräsident Christian Wulff, Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010

Interview mit Doris Lemmermeier

Besonders Abschiebungen bereiten Flüchtlingshelfern große Sorgen

Bei der Integration von Flüchtlingen leisten ehrenamtliche Helfer wichtige Arbeit. Was treibt sie an, und was sind die Motivationsbremsen? Eine aktuelle Studie für das Land Brandenburg gibt Antworten. MiGAZIN sprach mit der Integrationsbeauftragten des Landes, Doris Lemmermeier, über die Ergebnisse der Befragung.

Doris Lemmermeier, Integrationsbeauftragte, Integration, Brandenburg
Dr. Doris Lemmermeier, Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg © privat, bearb. MiG

MiGAZiN: Der Studie zufolge sind Abschiebungen die größten Motivationsbremsen für Ehrenamtler. Ist das nachvollziehbar?

Info: Die Studie „‘Integration machen Menschen‘. Aktuelle Situation des Ehrenamts in der Flüchtlingshilfe im Land Brandenburg“ wurde 2017 durch den Urania Landesverband durchgeführt und von der Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg gefördert. Das Interview bezieht sich auf die Studienergebnisse. Die Studie kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Doris Lemmermeier: Das ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass humanitäre Gründe die größte Motivation für das Engagement sind. Viele Ehrenamtliche verstehen nicht, dass sie sich engagieren, ihre Zeit und Energie einsetzen, dass es den Geflüchteten gelingt, Deutsch zu lernen, sich zu integrieren – und dann die Menschen, die Freunde und Nachbarn geworden sind, plötzlich das Land verlassen sollen. Hingewiesen wird an vielen Stellen auch darauf, dass darunter Geflüchtete sind, die bereits berufstätig sind und Steuern bezahlen sowie Familien mit Kindern. Besonders die Abschiebungen nach Afghanistan bereiten den ehrenamtlich Engagierten große Sorgen. Die Belastungen spüren die Ehrenamtlichen sowohl bei sich selbst als auch bei den Geflüchteten.

Viele in der Flüchtlingshilfe Engagierte empfinden die Arbeit der Politik als Barriere. Was steckt dahinter?

„Die Politik vor allem auf Bundesebene wäre gut beraten, die Stimmen der ehrenamtlich Tätigen zu hören und in ihre Überlegungen einzubeziehen. Unsere Gesellschaft, unsere Demokratie braucht diese Menschen.“

Die politischen Barrieren werden von den Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtlern in der Tat als sehr hoch empfunden, das hat die Studie sehr deutlich gezeigt. Gerade in Bezug auf die Abschiebungen wird an mehreren Stellen das Gefühl zum Ausdruck gebracht, dass das eigene Engagement dadurch ad absurdum geführt wird. Nach meinem Eindruck besteht hier die Gefahr, dass wir Politikverdrossenheit gerade bei denen erzeugen, die sich für das Miteinander in diesem Land mit viel Engagement einsetzen.

Die Politik vor allem auf Bundesebene wäre gut beraten, die Stimmen der ehrenamtlich Tätigen zu hören und in ihre Überlegungen einzubeziehen. Unsere Gesellschaft, unsere Demokratie braucht diese Menschen. Vor Ort funktioniert das häufig sehr viel besser. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister wissen sehr genau, was sie an den Willkommensinitiativen haben und arbeiten eng mit ihnen zusammen.

Viele Ehrenamtliche fühlen sich von Behörden und der Verwaltung bei der Arbeit behindert und alleingelassen. Was wird da konkret bemängelt?

Bei der Frage nach den größten Schwierigkeiten sind die bürokratischen Barrieren sogar an erster Stelle zu finden. Die Kritikpunkte sind dabei vielfältig: mangelnde Kommunikation, unverständliche Formulare, Deutsch als Amtssprache, Haltung und Verhalten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Problem der Terminsetzung vor allem für berufstätige Ehrenamtliche, fehlende Nutzung von Ermessensspielräumen, nicht ausreichende Vernetzung, mangelndes Verständnis für die Ehrenamtlichen. In ihrer Funktion als Ehrenamtliche, die sich für den Integrationsprozess von Geflüchteten engagieren und sie auf ihrem Weg begleiten, kommen sie mit allen Behörden und Verwaltungen in Kontakt, die für diesen Prozess wichtig sind. Die ehrenamtlich Tätigen fühlen sich dabei zum Teil überfordert.

Wie kann man Konflikten vorbeugen?

„Aus vielen Stellungnahmen der Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler wird deutlich, dass sie sich wünschen, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet.“

Bei der Zusammenarbeit der Ehrenamtlichen mit den Behörden stoßen in gewisser Weise zwei Welten und zwei Interessensphären aufeinander: Die Behörden sind zuständig für zahlreiche Leistungen und Anliegen der Geflüchteten. Die Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler wiederum begleiten die Geflüchteten, setzen sich für sie ein, kämpfen häufig auch für deren Interessen. Daher sind hier in gewisser Hinsicht Konflikte vorprogrammiert. Dabei können die Ehrenamtlichen eine sehr wichtige Brücke zwischen den Geflüchteten und den Behörden sein. Über sie können die Behörden sehr viel leichter Zugang zu den Geflüchteten finden und die jeweiligen Angelegenheiten schneller zu einem für alle Seiten guten Ergebnis bringen.

Aus vielen Stellungnahmen der Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler wird deutlich, dass sie sich wünschen, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet. Mit einem konstruktiven und auf gegenseitigem Respekt beruhenden Vorgehen seitens der Behörden wie der Ehrenamtlichen kann die Integration der Geflüchteten gemeinsam sehr viel besser gelingen. Ziel kann nur sein, an dieser wichtigen Schnittstelle so wenig Reibungsverluste wie möglich entstehen zu lassen.

All den Konflikten zum Trotz: Die Ergebnisse der Befragung können sich sehen lassen.

Zunächst einmal bin ich sehr froh, dass wir in Brandenburg immer noch so viele Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler haben, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Das zeigt die sehr hohe Beteiligung an unserer Studie – 512 ehrenamtlich Tätige haben an unserer Studie mitgewirkt. Auch die Ergebnisse sind ermutigend. Fast 97 % der Befragten würden sich vor dem Hintergrund der in den letzten Jahren gesammelten Erfahrungen erneut engagieren. Das ist ein Wert, den ich geradezu sensationell finde.

Was treibt die Menschen an?

„Diese ehrenamtliche Tätigkeit ist allerdings keine Selbstverständlichkeit und die Fortführung des Engagements bedarf guter Rahmenbedingungen.“

Die Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler werden von einer tiefen humanitären Einstellung getragen. Sie sind überzeugt von der Notwendigkeit, der Sinnhaftigkeit und auch von der Wirksamkeit ihres Engagements. Die Tätigkeiten, die ausgeübt werden, sind ausgesprochen vielfältig. Die Stimmung ist gut, trotz aller Schwierigkeiten. Die Ehrenamtlichen sind zu Expertinnen und Experten in Sachen Integration geworden und für viele Geflüchtete eine unverzichtbare Stütze auf ihrem Weg in die deutsche Gesellschaft. Für das Gelingen von Integration im Land Brandenburg sind sie unverzichtbar. Es ist ein starker Wille spürbar, sich weiterhin zu engagieren. Für viele ist es, wie es in einer Antwort formuliert wird, „ein Engagement auf Jahre“.

Diese ehrenamtliche Tätigkeit ist allerdings keine Selbstverständlichkeit und die Fortführung des Engagements bedarf guter Rahmenbedingungen. Das Land Brandenburg hat ein großes Interesse daran, dass diese Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler weiterhin aktiv bleiben, und fördert sie in vielfältiger Weise. Wir haben weitere Handlungsoptionen aufgezeigt, die zur Erhaltung des Engagements beitragen können. Werden die Ehrenamtlichen in ihrem Engagement gestärkt, profitieren alle Beteiligten davon.

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