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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

„Gehen Sie zurück in Ihre Heimat!“

Ablehnungsschreiben an syrischen Azubi-Bewerber macht sprachlos

Salim F. ist syrischer Flüchtling und gut angekommen in Deutschland. Er hat die Sprache gelernt und Qualifikationen anerkennen lassen. Ihm fehlt nur noch ein Ausbildungsplatz. Statt einer Stelle bekommt er jetzt einen gut gemeinten Rat: Er solle zurück in seine Heimat. Der Krieg sei vorbei.

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Das Ablehnungsschreiben an Salim F. © MiGAZIN

Salim F. (26, Name geändert) kam vor knapp zwei Jahren als syrischer Flüchtling nach Deutschland. Er lebt in Bonn und ist auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Er spricht bereits Deutsch auf B1-Niveau und bereitet sich aktuell auf seine B2-Prüfung vor. Sein Abitur aus der Heimat hat er in Deutschland anerkennen lassen, seinen Führerschein ebenfalls. „Viele Ausbildungsstellen fragen nach dem Führerschein“, sagt er dem MiGAZIN.

Anfang Dezember entdeckt er auf Facebook eine Stellenanzeige, die zu ihm passt. Ein Autohaus in der Nähe expandiert und sucht nach Azubis. Salim F. bewirbt sich auf die Stelle. „Ich habe mich wirklich gut vorbereitet und ordentlich beworben“, betont er im Gespräch mit MiGAZIN. Um sicherzugehen, lässt er die Bewerbungsunterlagen sogar beim Arbeitsamt kontrollieren. „Super Bewerbung“, bescheinigt ihm die Beraterin – Anschreiben, Lebenslauf, Sprache, Form.

Hinweis: An dieser Stelle war die Facebook-Stellenausschreibung des Autohauses zu sehen. Die Anzeige wurde vom Autohaus inzwischen entfernt.

Gut eine Woche später liegt auch schon Post im Briefkasten. Es ist ein Ablehnungsschreiben. Das Autohaus sei nach Auswertung der Unterlagen zu dem Ergebnis gekommen, dass Salim F. nicht die Vorgaben erfülle. Bei der weiteren Auswahl werde er daher nicht berücksichtigt. Soweit keine Überraschung für Salim F.

Empfehlung: Gehen Sie zurück!

Doch im nächsten Satz gibt das Autohaus Salim F. einen Rat, der dem Bewerber die Sprache verschlägt: „Ich möchte Ihnen eher die Empfehlung aussprechen, in Ihr Land zurückgehen [sic], da der Krieg beendet ist und Sie dort dringend benötigt werden, um es wieder aufzubauen.“ In dem Schreiben ist der Geschäftsführer des Autohauses als Ansprechpartner genannt.

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Dieses Ablehnungsschreiben erhielt Salim F. auf seine Bewerbung für einen Ausbildungsplatz in einem Autohaus © MiGAZIN

Salim F. traut seinen Augen nicht: „Ich habe seit meiner Ankunft in Deutschland wirklich alles unternommen, um einen Ausbildungsplatz zu finden. Ich kann verstehen, wenn die Leute einen nicht haben wollen. Aber so etwas hätte ich mir niemals vorgestellt. Ist das normal in Deutschland?“, fragt er im Gespräch mit diesem Magazin.

Rechtsexpertin: Starkes Indiz für Diskriminierung

Anissa Bacharwala, Rechtsexpertin für Antidiskriminierungsrecht, sieht in dem Schreiben ein starkes Indiz für einen Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Möglicherweise habe der Betroffene Anspruch auf Entschädigung und Schadensersatz. Das AGG verbietet Benachteiligungen unter anderem wegen der ethnischen Herkunft.

Auf Nachfrage des MiGAZIN wollte sich das Autohaus zu dem Vorgang nicht äußern. Der Geschäftsführer ließ am Telefon ausrichten, dass man über „interne Vorgänge“ nicht mit Dritten rede.

Update: Autohaus entschudligt sich

Updade 20.12.2017, 19:48 Uhr
Das Autohaus hat in einer öffentlichen Stellungnahme auf Facebook auf die Kritik reagiert und sich für das Ablehnungsschreiben entschuldigt. „Durch eine nicht nur dumme, sondern auch inhaltlich falsche Darstellung gegenüber eines Bewerbers durch eine verantwortliche Person unseres Unternehmens, werden wir zu Recht kritisiert. Wir möchten uns für diese Äußerung entschuldigen und werden personelle Konsequenzen aus diesem Vorfall ziehen“, heißt es darin.

Das Autohaus kündigt an, Kontakt zu dem Bewerber zu suchen, um sich persönlich zu entschuldigen. Außerdem wolle man Salim F. um „persönliches Vorstellungsgespräch bitten“.

Kurze Zeit nach Erscheinen des MiGAZIN-Artikels hagelte es Kritik auf der Facebook-Seite des Autohauses. Die Rheinische-Post und Neues Deutschland haben den Vorfall ebenfalls aufgegriffen und darüber berichtet. (es)

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35 Kommentare
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  1. aloo masala sagt:

    Im Artikel steht:


    Auf Nachfrage des MiGAZIN wollte sich das Autohaus zu dem Vorgang nicht äußern. Der Geschäftsführer ließ am Telefon ausrichten, dass man über „interne Vorgänge“ nicht mit Dritten rede.
    —-

    Im Artikel steht auch, dass der Geschäftsführer als Ansprechpartner im Ablehnungsschreiben genannt wurde.

    Nun hat der Geschäftsführer im Kommentarbereich doch über „interne Vorgänge“ mit Dritten geredet und alles nur schlimmer gemacht.

    Der Geschäftsführer weist als verantwortlicher Ansprechpartner jegliche Verantwortung weit von sich und schwadroniert trotzdem von seinen hehren Werten. Er sieht die Schuld alleine bei einer Person, die in seinem Auftrag gehandelt hat. Offenbar preist hier der Geschäftsführer wie ein Marktschreier lauthals Eigenschaften an, die er nicht hat.

    Der Sündenbock hat im Gegensatz zum Geschäftsführer angeblich seinen Fehler eingesehen. Der reuige Sündenbock war bereit harte Konsequenzen für sein Fehlverhalten zu tragen und warf freiwillig seine wirtschaftliche Existenz über den Haufen. Der Geschäftsführer, der mit den besseren Werten, nahm dieses angebliche Angebot des Sündenbocks an.

    Wer zum Teufel soll denn diesen Bullshit glauben? Der Geschäftsführer betreibt Schadensbegrenzung auf Druck einen Shitstorms. Ich empfehle den Bewerber, auf das Vorstellungsgespräch zu verzichten. So einen verlogenen Geschäftsführer wünscht man keinem Mitarbeiter.

  2. Lina sagt:

    Lieber Vominhaltdesthemasabkommer. Die Entlassung fand doch aufgrund des Fehlverhaltens statt, von Parteizugehörigkeit stand da doch nichts.

  3. Christian Walde sagt:

    Karl: Es geht um Gleichstellung von Leuten die Unterschiede haben an denen sie nichts ändern können.

    Ein Syrier kann seine Herkunft nicht ändern.

    Ein AFD-Parteimitglied kann dies schon.

  4. Yannick sagt:

    Also den Vorwurf des Braindrain kann ich leider echt verstehen,
    auch wenn er höchstwahrscheinlich aus dem Lager kommt, das mehr die Syrer aus Deutschland haben will, als die Syrer in Syrien.

    Syrische Flüchtlinge die etwas auf ihre Kultur und ihr Land geben und noch Hoffnung haben, das es sich wieder aus den Trümmern erhebt, statt zu einem neuen Irak/Afghanistan/Tunesien/Lybien zu werden…..
    die dürfen es moralisch nicht mit sich vereinbaren hier in Deutschland zu bleiben und das tut dieser Artikel

    Das ganze Humankapital (nein, das ist nicht so kalt gemeint wie es klingt) ist entweder tot, oder außer Landes…..
    Was soll den jetzt aus Syrien werden, ein VIERTEL der Bevölkerung ist geflohen, die Demographie der syrischen Flüchtlinge in Europa zeigt:
    Die Alten, Schwachen, Armen, Kinder und Frauen (außerdem IS Befürworter und Assad Systemlinge) sind zurück geblieben.

    Egal wie sehr man sich finanziell bemühen wird dem Land zu helfen, ohne sein Volk wird das alles versickern.

  5. […] Fall des 26-Jährigen Salim F. (Name geändert) schlägt hohe Wellen. Nach einem Bericht des MiGAZIN hat sich das Autohaus für das geschmacklose Ablehnungsschreiben öffentlich entschuldigt und mit […]

  6. Thorsten sagt:

    Und schon wieder wird die Rassismuskeule geschwungen, wie immer in solchen Fällen! Echt traurig! 
    Überall in den Medien wird doch mittlerweile darüber berichtet, dass der Krieg in Syrien vorbei ist. Dementsprechend wäre es doch nicht verkehrt, wenn dort wieder aufgebaut wird, was über Jahre zerstört wurde. 
    Dem Flüchtling gegenüber ist die Äußerung sicherlich aufgrund des Erlebten unpassend. Allerdings ist in keiner Weise irgendwas diskriminierend oder rassistisch. Es wurde nicht gesagt, er sei Ausländer und wird aufgrund seiner Herkunft, seines Aussehens oder Sprache abgelehnt.
    Nach Auswertung seiner Unterlagen wurde er abgelehnt, ganz einfach. Das passiert auch jedem Deutschen, der nicht die geforderten Voraussetzungen erfüllt. B1-Niveau ist ca. 9.Klasse, also Hauptschulniveau. Wenn er dazu auch keinen Schulabschluss besitzt, ist eine solche Entscheidung nachvollziehbar, wenn das Autohaus bestimmte Sachen/Qualifikationen voraussetzt, um eine gewisse Qualität zu garantierten. Und in der Ausbildung wird nicht nur gelernt, wie ich am Auto was anschraube, sondern auch in Bezug auf Elektronik, Elektrik und Technik zumindest Grundwissen gefordert, insbesondere in der Berufsschule. Für den Fall, dass sich jetzt wieder jemand auf den Schlips getreten fühlt, empfehle ich mal folgenden Artikel,bei dem genau beschrieben wird, warum es Probleme mit Flüchtlingen gibt, welche eine Ausbildung in Deutschland machen möchten
    https://www.welt.de/wirtsch
    Und noch was…wird ein Flüchtling nur ansatzsatzweise ungerecht behandelt, wird das überall breit getreten, verurteilt, ein Shitstorm losgetreten, aber wenn AFD-Mitglieder wegen ihrer Parteizugehörigkeit gefeuert werden (z.B. Guido Geil), dann wird das hofiert. Das ist auch Diskriminierung!

  7. Karl L sagt:

    @Christian Walde Wenn sie allen Ernstes der Meinung sind das afd-mitglieder ihre politische Einstellung ändern müssten um in diesem Land toleriert zu werden, so können Sie auch gleich von allen Muslimen verlangen, wenn sie nach Europa reisen das Sie vorher zum Christentum konvertieren. Herkunft kann man nicht ändern aber Religion schon.

  8. Wuwei sagt:

    Na, wenn das mal keine Gesinnungsgleichschaltung ist! Alle denken gleich, was will man mehr !!!!?

  9. karakal sagt:

    Es wird immer deutlicher, daß den deutschen Nachkriegsgenerationen die von ihren Eltern oder Großeltern gemachten Erfahrungen fehlen und sie anscheinend nicht aus der Geschichte lernen (können oder wollen).
    Angesichts ihres zerstörten Landes wanderten manche Deutsche nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs z. B. nach Südamerika aus. Stellen wir uns vor, einer von ihnen hätte in Brasilien oder Argentinien damals eine Ablehnung mit solchen Worten erhalten: „… Der Krieg ist zu Ende, gehen Sie in ihr zerstörtes Land zurück, dort werden Sie nötiger gebraucht.“
    Der österreichische Bergsteiger Heinrich Harrer blieb damals lieber als Lehrer beim Dalai Lama in Tibet, weil er meinte, dort nötiger gebraucht zu werden … bis er wegen der chinesischen Invasion das Land verlassen mußte.
    Woher will der Geschäftsführer des Autohauses wissen, daß der Krieg in Syrien zu Ende ist? Es gibt keine wirklichen Friedensverhandlungen, vielleicht ist das nur eine Ruhepause vor einer zweiten Runde des Krieges. Ohne Friedensvertrag gibt es keinen Wiederaufbau und keine Investitionen. Man sollte ihm empfehlen, sich selbst dorthin zu begeben, um sich ein Bild davon zu machen.

  10. HerbertHeinzHahn sagt:

    Wieso regen sich so viele auf. Der Mitarbeiter sagte seine Meinung.Erhat doch recht.


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