MiGAZIN

Bewegend, traurig und kämpferisch

Ayşe und İsmail Yozgat vor dem hessischen NSU-Untersuchungsausschuss

Es ist der 27. November 2017. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages trifft sich zu seiner letzten Sitzung. Diesmal ist die Familie Yozgat eingeladen. Die Zuschauer werden Zeuge bewegender Momente.

Gleich zu Beginn der Sitzung hängt İsmail Yozgat ein Kinderfoto von Halit an den Zeugentisch – sichtbar für alle Abgeordneten – und berichtet von den Geschehnissen im Internetcafé am Tattag des 6. April 2006. Mit einem Tisch und einigen Stühlen stellt er das Internetcafé nach und skizziert körperlich und räumlich für alle Mitglieder des Untersuchungsausschusses die Situation im Internetcafé: Er zeigt, in welcher Lage er seinen Sohn hinter dem Tisch fand, wie er Hilfe holte und wie er seinen Sohn in seine Arme nahm.

Andreas Temme, damals ein Mitarbeiter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, war zur Tatzeit am Tatort im Internetcafé von Halit Yozgat. Er will weder einen Schuss gehört noch eine Leiche gesehen oder den Geruch des Schießpulvers wahrgenommen haben. Temmes Aussage zufolge hat er, als er Yozgat nicht hinter dem Empfangstresen sitzen sah, eine 50-Cent-Münze auf den Tisch gelegt. Dann sei er gegangen. Halit lag zu diesem Zeitpunkt blutüberströmt hinter dem Tresen auf dem Boden.

İsmail Yozgat veranschaulicht dem hessischen Untersuchungsausschuss, dass Temmes Aussage nicht stimmen kann. Er könne Halits Körper nicht übersehen haben. Die polizeiliche Nachstellung sei nach Temmes Wünschen ausgeführt worden. Laut İsmail Yozgat gibt es nur drei Möglichkeiten: Temme hat die Mörder gesehen, er hat sie gelenkt oder er hat Halit selbst ermordet.

Kein Interesse an Ermittlungen

So überzeugend Yozgat auch ist, große Teile des Ausschusses zeigen gleich zu Beginn deutlich, dass sie kein Interesse an weiteren Ermittlungen haben. Ayşe und İsmail Yozgat haben kein Verständnis dafür, dass Andreas Temme Glauben geschenkt wird. Er sei über 2 Jahre hinweg täglich Gast im Internetcafé gewesen, immer zwei Stunden. Nur am Tattag blieb er 15 Minuten. Warum?

Herr und Frau Yozgat berichten dem Ausschuss auch, wie sie in den Jahren 2006 bis 2011 abgehört und beschattet wurden. Nach dem Mord nahmen zwei verdeckte Ermittler Kontakt zur Familie auf. Sie gaben sich als interessierte Käufer für das leer stehende Internetcafé aus. „Wenn wir zu Verwandten nach Holland fuhren, wurden wir verfolgt. Wenn wir nach Österreich zu Verwandten fuhren, wurden wir verfolgt. Die Beschatter folgten uns sogar bis in die Türkei.“ Ayşe Yozgat kann nicht einmal ausschließen, ob sie nicht auch 2013 auf dem Weg zum NSU-Prozess vor dem Münchener Oberlandesgericht verfolgt wurden. „Werden wir heute auch noch abgehört“, will sie von den Ausschussmitgliedern wissen.

Keine Fragen, nur Beileid

Nach dem Mord an seinem Sohn hatte sich İsmail Yozgat schriftlich an den damaligen Landesinnenminister Volker Bouffier (CDU) gewandt und ihn um ein Gespräch gebeten. Bouffier ist bis heute nicht auf die Bitte der Familie eingegangen. Der Brief blieb unbeantwortet. In dieser Zeit erhielt die Familie Yozgat auch keinerlei Unterstützung oder Beratung durch staatliche Stellen. Yozgat betont auch, dass er niemals Geld vom Staat angenommen hat, weder eine Rückerstattung von Reisekosten zum NSU-Prozess, noch die 800.000 Euro, die ihm für den Verlust seines Sohnes angeboten wurden. Sein einziger Wunsch war es immer, dass die Holländische Straße, dort wo sein Sohn geboren und ermordet wurde, in Halit Yozgat Straße umbenannt wird. Dazu kam es nicht. Die Holländische Straße sei zu lang, eine Umbenennung zu aufwändig, lautete die Begründung.

Die CDU-Fraktion hält es in dieser Ausschusssitzung nicht einmal für nötig, von ihrem Fragerecht Gebrauch zu machen. Sie belässt es bei Beileidsbekundungen. Jörg-Uwe Hahn (FDP) gibt der Familie den Ratschlag, die ersatzweise Einrichtung des Halitplatzes als gut gemeinte Geste dankbar anzuerkennen und nicht weiter die Umbenennung der Holländischen Straße zu fordern. In diesem Moment geht ein empörtes Raunen durch den Besucherbereich. Allen anwesenden wird immer mehr klar: Die Einladung der Opferfamilie ist ein symbolischer Akt.