MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Spurenvernichtung durch Brandlegung

Initiative Oury Jalloh stellt Mordanzeige gegen Polizisten

Der Fall Jalloh wird immer unheimlicher, die Vorwürfe immer konkreter: Haben Polizisten den Asylbewerber in der Polizeizelle mit einer Brandlegung ermordet, um Spuren von polizeilicher Misshandlung zu verwischen? Jetzt hat die Initiative Oury Jalloh Strafanzeige gestellt. Der Generalbundesanwalt soll ermitteln.

Oury Jalloh, Demo, Rassismus, Polizei, Mord, Gewahrsam
Während einer Kundgebung zum Tod von Oury Jalloh © Uwe Hiksch @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ hat bei der Generalbundesanwaltschaft wegen des ungeklärten Todes des Asylbewerbers in einer Dessauer Polizeizelle Mordanzeige gegen einen Polizisten erstattet. Zur Begründung erklärte die Initiative am Donnerstag in Berlin unter anderem, die Ermittlungen seien in den Vergangenheit trotz widersprüchlicher Zeugenaussagen oder offenbar manipulierter Beweismittel von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten „gemeinschaftlich boykottiert“ worden.

Die Anzeige richtet sich gegen den Polizeibeamten S., der zusammen mit einem Kollegen Oury Jalloh am 7. Januar 2005 in Gewahrsam genommen hatte. Der Asylbewerber aus Sierra Leone kam am selben Tag wenige Stunden nach seiner Inhaftierung bei einem Brand in der Dessauer Polizeizelle ums Leben. Er starb gefesselt an einer Matratze. Auch nach mehreren Gerichtsverfahren und Brandversuchen konnte der Fall bislang nicht aufgeklärt werden. Jalloh soll die Matratze mit einem Feuerzeug selbst angezündet haben. Der Generalbundesanwalt hatte in der Vergangenheit bereits eine Übernahme der Ermittlungen gegen Polizisten wegen Mordverdachts abgelehnt.

Brandlegung, um Spuren zu verwischen

Laut Mitteldeutscher Zeitung hatte der langjährige leitende Ermittler Folker Bittmann in einem der Zeitung vorliegenden Vermerk vom April dieses Jahres unter anderem auf ein mögliches Motiv für ein Tötungsdelikt verwiesen. Jalloh sei nach Verletzungen im Gesicht und unzureichender ärztlicher Versorgung in der Polizeizelle ohnmächtig aufgefunden worden. Den Beamten sei klargeworden, „dass schwere Verletzungen oder gar das Versterben eines weiteren Häftlings neuerliche Untersuchungen auslösen würden“, heißt es in der Zeitung unter Berufung auf Bittmann. Diese Sorge „mag zu dem Entschluss geführt haben, mit der Brandlegung alle Spuren zu verwischen“.

Hintergrund sind zwei vorangegangene Todesfälle in der Polizeistation Dessau. 1997 war den Angaben zufolge ein Mann nach einem Polizeigewahrsam an schweren inneren Verletzungen gestorben. 2002 kam in der gleichen Zelle wie später Jalloh ein Obdachloser ums Leben. In beiden Fällen hatte es auch Ermittlungen gegen Polizeibeamte gegeben. (epd/mig)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

2 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Bananenrepublik sagt:

    Wahsinnn was in dieser deutschen Demokratie passiert. Mir fehlen nur noch die Worte, wenn ich sehe wie der Staat hier Morde vertuscht. Wieviele solcher Morde werden wohl nie aufgedeckt werden. Willkommen in der wahren Bananenrepublik.

  2. […] Entscheidung des Generalbundesanwalts in Karlsruhe im Fall Jalloh aus. Dort war am Donnerstag eine Anzeige wegen Mordverdachts gegen einen Polizisten eingegangen, der am Tod des Asylbewerbers vor fast 13 Jahren beteiligt gewesen sein soll. In der […]



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...